Landwirtschaft und Klimawandel

Mit der rheinischen Ackerbohne gegen den Klimawandel

Frechen. Landwirte schonen mit einer alten Feldfruchtsorte und moderner Technik die Umwelt. Die Landwirtschaft ist besonders eng mit den Folgen der globalen Erwärmung verbunden.

Bauer Cornel Lindemann-Berk beschäftigt sich jeden Tag mit dem Klimawandel. Er ist sein Opfer, sein Nutznießer und sein erbitterter Gegner zugleich. Denn kaum eine Branche ist so direkt mit der Erderwärmung und ihren Folgen verflochten wie die Landwirtschaft.

Rund sieben Prozent der Treibhausgase in Deutschland entstehen durch die Agrarwirtschaft. Doch wenn der Frechener Lindemann-Berk die knapp 390 Hektar Anbaufläche rund um das Gut Neu-Hemmerich beackert, soll die Umwelt darunter möglichst wenig leiden, wie er sagt. Kartoffeln, Braugerste und Zuckerrüben und andere Feldfrüchte baut er vor den Toren Kölns an.

Vor allem durch Energiesparen will der Bauer seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten. „Diese Anlage ersetzt 50 000 Liter Heizöl im Jahr“, sagt Lindemann-Berk und zeigt auf einen Hackschnitzelofen, in dem Grünschnitt aus der Kommune und Holz aus eigenem Anbau verheizt werden. „Die Asche kommt auf die Felder.“

Sensor am Traktor

Auch bei der Düngung soll moderne Technik helfen, die Belastung klein zu halten. Der Frechener erprobt gerade einen Sensor, der an die Traktorarme montiert auf dem Feld die Stickstoffversorgung der Pflanzen misst und daraus den Düngerbedarf berechnet. „Dann wird nur so viel ausgebracht, wie unbedingt notwendig ist“, sagt er.

Verbesserte Erträge, etwa durch neue Pflanzensorten und Fortschritte bei der Tierzucht, zeigen Wirkung: „Seit 1990 sind die Treibhausgasemissionen aus der Landwirtschaft um 16 Prozent gesunken“, sagt Bernhard Conzen, Präsident des Rheinischen Landwirtschafts-Verbandes und räumt gleichzeitig ein, es gebe noch viel zu tun.

Manchmal hilft dabei der Blick zurück. Eine Gruppe von Landwirten hat dabei die Nutzpflanze Rheinische Ackerbohne wiederentdeckt. Die Bohne wurde bis in die 60er Jahre als Tierfutter verwendet, dann allerdings von der Sojabohne verdrängt – die trotz der langen Transportwege schlicht billiger ist. „Dabei gäbe es mit der rheinischen Ackerbohne eine umweltfreundlichere Alternative ohne Genmanipulation und ohne Energieverschwendung durch Transporte um die halbe Welt“, sagt Maria Kremer. Die Landwirtin hat sich mit 50 Kollegen der Renaissance der rheinischen Ackerbohne verschrieben und dafür sogar einen gemeinnützigen Verein gegründet.

„Die Pflanze blüht von Mai bis Juni und bietet in dieser Zeit Bienen, Hummeln und Schmetterlingen Nahrung“, schwärmt sie über die wiederentdeckte Alternative zur klimaschädlichen Sojabohne. Auch den Menschen wollen die Landwirte die Ackerbohne schmackhaft machen: Mehrere Bäcker haben bereits mit der gemahlenen Hülsenfrucht experimentiert. Im Februar werde eine große Bäckereikette aus Hennef ein Ackerbohnen-Brot in der Region Bonn/Rhein-Sieg auf den Markt bringen, sagt Kremer, „eiweißreich und glutenarm“.

Der Anbau in der Region verändere sich, sagt Verbandspräsident Conzen. Dabei muss der Klimawandel für die Bauern nicht immer von Nachteil sein. Durch die Erwärmung beginne die Wachstumsperiode der Pflanzen im Frühjahr zwei Wochen eher und ende im Herbst etwa zehn Tage später, so Conzen: „Wenn keine Unwetter dazwischen kommen, steigert das den Ertrag.“ Vor allem bei Zuckerrüben mache sich dieser Effekt bemerkbar.

Selbst die von Wetterkapriolen besonders geplagten Obstbauern können der Erwärmung auch positive Seiten abgewinnen. „Wir können jetzt im Rheinland mit Aprikosen, Kiwibeeren oder Tafeltrauben völlig neue Sorten anbauen“, sagt Geord Boekels, Vizepräsident des Provinzialverbands Rheinischer Obst- und Gemüsebauern. Andere, traditionelle Sorten vertragen Tropenhitze allerdings weniger gut: bisher für das Rheinland typische Apfelsorten wie Cox Orange oder Berlepsch bräuchten eher gemäßigtere Temperaturen, weiß der Experte. Ein weiteres Problem: Bei zunehmender Wärme fühlen sich auch Schädlinge wie die Kirschessigfliege wohl, die sich in den Plantagen satt fressen.

Für die Obstbauern steigen daher erst einmal durch den Klimawandel die Kosten. Sie brauchen teure Beregnungsanlagen, die immer früher sprießende Obstblüten in Frostnächten schützen. Dazu kommen aufwendige Netze, Hagel und Starkregen von empfindlichen Beerenkulturen fernhalten.

Vor allem 2017 wird den Obstbauern als Klima-Katastrophenjahr in Erinnerung bleiben. 45 Prozent der Ernte sei durch den Frost während der Blüte ausgefallen, sagt Verbandsvertreter Boekel. „Der finanzielle Schaden ist das eine, aber ein Bauer leidet auch richtig, wenn er sieht, wie alles kaputtgeht.“ Auf rund 510 Millionen Euro im Schnitt schätzt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Kosten von Ernteschäden durch Extremwetter in Deutschland.

14 Prozent mehr Niederschlag

Laut Landwirtschaftsverband RLV ist die Niederschlagsmenge in NRW innerhalb von 135 Jahren um 14 Prozent gestiegen. Conzen spricht von eingestürzten Brücken, weggeschwemmten Kartoffeldämmen und Ackerflächen, die aussehen wie Reisfelder – „im Verlauf eines Jahres kann einiges passieren, was uns Landwirten graue Haare bereitet“.

Cornel Lindemann-Berk bewirtschaftet die Flächen rund um das Frechener Gut Neu-Hemmerich seit 30 Jahren. Er hat Erfahrungen gesammelt, welche Pflanzen sich hier für den Anbau eignen, wie der Boden am sinnvollsten bearbeitet werden. „Bei uns standen auch nach den starken Regenfällen in den vergangenen Wochen keine Pfützen auf den Feldern“, sagt er.

Über Jahrzehnte habe er die Bodenstruktur so verbessert, dass das Wasser ins Grundwasser ablaufe – „die Erde ist voller Regenwürmer, die sie locker halten.“ Lindemann-Berk baute auf seinem Hof vor 25 Jahren die erste Windkraftanlage in der Region, der Strom für das Kühlhaus für die Kartoffeln stammt aus Solarzellen – „wir versuchen, wo immer es geht, Kreisläufe zu schaffen“, sagt der Landwirt. Die Landwirte müssten sich zwar dem Klimawandel anpassen, aber gleichzeitig gegen ihn ankämpfen.