Menschenrechtsgruppen kritisieren Tchibo

<b>In Bangladesch</b> - hier eine Textilfabrik in der Hauptstadt Dhaka - verdienen Näherinnen umgerechnet rund 20 Euro pro Monat.

<b>In Bangladesch</b> - hier eine Textilfabrik in der Hauptstadt Dhaka - verdienen Näherinnen umgerechnet rund 20 Euro pro Monat.

Die Schnäppchen-Angebote des Kaffeerösters sollen teils unter "massiven Arbeitsrechtsverletzungen" entstehen - Näherin aus Bangladesch berichtet in Bonn - Kritiker lehnen Boykott ausdrücklich ab

Bonn. Das Herren-Cordhemd für 7,99 Euro, der Daunen-Parka für 29,90 Euro und die Jogginghose für 9,99 Euro - wer sich bei Tchibo einkleidet, wäre wohl auch im Second-Hand-Laden nicht viel billiger weggekommen.

Die Kaffee-Kette - mittlerweile nach Branchenstatistiken Deutschlands achtgrößter Bekleidungshändler - lockt mit Tiefpreisen auf dem Niveau von Aldi und Co. Was die Schnäppchenjäger hier zu Lande sparen, das entgeht allerdings nach Ansicht von Menschenrechtsorganisationen vor allem den Näherinnen in den Entwicklungsländern.

"Massive Arbeitsrechtsverletzungen" und "unwürdige Produktionsbedingungen" hat die Kampagne für Saubere Kleidung (CCC) bei den Tchibo-Zulieferfirmen in Bangladesch ausgemacht. Die Näherinnen müssten dort bis zu 14 Stunden am Tag arbeiten, es gebe weder schriftliche Arbeitsverträge noch Tarifverhandlungen. Und das für einen Monatslohn von umgerechnet rund 20 Euro.

"Hier werden die Menschenrechte rücksichtslos missachtet", sagt Gisela Burckhardt von der Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes, die zu den 18 Gruppen gehört, die sich zur Kampagne für saubere Kleidung unter anderem mit Kirchen und Gewerkschaften zusammengeschlossen haben.

Die Initiative will die deutschen Schnäppchenjäger aus erster Hand über die Bedingungen informieren, unter denen ihre Billigkleidung entsteht. Deshalb hat CCC Rina Begum nach Deutschland eingeladen. Etwas verschüchtert sitzt die zierliche Näherin mit Kopftuch und dickem Winterpullover auf dem Podium in der Bonner Friedrich-Ebert-Stiftung. Hier erzählt sie auf Einladung der Kampagne für saubere Kleidung ihre Geschichte.

Neun Tage habe sie im Gefängnis gesessen, übersetzt der Dolmetscher aus dem Bengalischen. Ursache für die Verhaftung sei ein Protestmarsch zum Fabrikbesitzer gewesen, der versprochene Löhne nicht ausgezahlt habe. Drakonische Strafen gehörten während der Arbeit zur Tagesordnung. "Einmal musste ich eine Stunde lang auf einem Bein in der Ecke stehen, weil ich trotz Redeverbots mit einer Kollegin gesprochen hatte", erzählt die 35-Jährige.

Tchibo nahm dazu in Bonn nicht Stellung. Trotz Einladung durch die CCC hat der Hamburger Konzern keinen Vertreter zu der Podiumsdiskussion geschickt. Die zuständige Mitarbeiterin sei im Urlaub gewesen, heißt es bei Tchibo auf Nachfrage. Trotzdem: "Wir nehmen die Hinweise sehr ernst", sagte Konzernsprecherin Stefanie von Carlsburg dem General-Anzeiger. Der von CCC kritisierte Zulieferer erhalte bis zur Klärung der Vorwürfe keine weiteren Aufträge von Tchibo.

Auch in die allgemeine Konzernpolitik der Hamburger ist die Kritik der Menschenrechtsorganisation offenbar eingeflossen. In diesem Jahr habe Tchibo eine Abteilung "Corporate Social Affairs" gegründet, die sich mit Sozialstandards befasse, so die Sprecherin. Außerdem veröffentliche das Unternehmen neuerdings seinen Verhaltenskodex im Internet und habe diesen an die Richtlinien der internationalen Arbeitsorganisation (ILO) angepasst.

Der CCC reicht das allerdings nicht: "Der Verhaltenskodex wird in der Praxis meist nicht eingehalten", kritisiert Gisela Burckhardt. Tchibo sei dabei nur ein Beispiel, viele andere Unternehmen ließen unter ähnlichen Bedingungen produzieren. Wie andere aus der Branche lässt Tchibo seine Zulieferbetriebe von unabhängigen Auditierungsfirmen überprüfen.

"Wir können allerdings nicht 24 Stunden am Tag in den Fabriken nach dem Rechten sehen", sagt Tchibo-Sprecherin von Carlsburg. Für die von CCC geforderten Prüfungen durch Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen sieht der Konzern (Jahresumsatz: 8,3 Milliarden Euro) "keinen Grund".

Nach Angaben des Branchenverbandes German Fashion unterscheiden sich die Bedingungen deutlich, die deutsche Kleidungshersteller und Einzelhändler ihren Zulieferern im Ausland stellen. "Das reicht von den Grundnormen der internationalen Arbeitsorganisation bis hin zur zwingenden Verpflichtung, Inspektoren in die Produktionsbetriebe zu lassen", sagt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Kölner Verbands.

Die deutsche Bekleidungsindustrie nehme die sozialen Rahmenbedingungen in den Produktionsländern "sehr ernst". Rasch: "Außerdem können es sich Markenhersteller kaum leisten, öffentlich in die Kritik zu geraten." Viele Unternehmen arbeiteten zudem langfristig mit Lieferanten im Ausland zusammen und hätten daher auch einen Einblick in deren Arbeitsbedingungen.

Auf die billigen Näherinnen im Ausland sind so gut wie alle Hersteller angewiesen. Kaum ein heimisches Unternehmen lässt seine Serienproduktion in Deutschland fertigen. An der Spitze der Lieferländer lag im vergangenen Jahr China mit Kleidung im Wert von 2,8 Milliarden Euro, gefolgt von der Türkei, Rumänien und Bangladesch. Schließlich wollen die Kunden immer weniger für ihre Pullover, Hosen und Blusen ausgeben. Mit rund 11,6 Milliarden Euro hat die Modebranche in Deutschland 2004 einen Umsatzrückgang um vier Prozent verzeichnet.

Wer Schnäppchen sucht, braucht laut Kampagne für saubere Kleidung trotzdem nicht automatisch ein schlechtes Gewissen zu haben. "Wir sprechen uns ausdrücklich gegen einen Boykott von Tchibo oder Kleidung aus Bangladesch aus", sagt Gisela Burckhardt von Terre des Femmes. Die Näherinnen in den Entwicklungsländern seien auf den Verdienst dringend angewiesen.

Ihr Rat an Verbraucher, die ohne schlechtes Gewissen billig einkaufen wollen: "Fragen Sie in den Geschäften nach, unter welchen Mindeststandards die Ware hergestellt wurde. Beschweren Sie sich bei den Firmen, wenn Missstände bekannt werden." Letztlich sei es der Druck durch Kunden und Öffentlichkeit, der die Arbeitsbedingungen verbessere.

Weitere Informationen im Internet unter www.saubere-kleidung.de.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar: " Der Preis der Schnäppchen"