Interview mit Bahn-Personalvorstand

Martin Seiler: Wollen 19.000 Mitarbeiter einstellen

Bonn. Bahn-Personalvorstand Martin Seiler spricht im Interview über die Fachkräftegewinnung und Ähnlichkeiten des Konzerns mit der Post und der Telekom.

Weltweit arbeiten mehr als 320 000 Menschen für die Deutsche Bahn. In Deutschland ist der staatseigene Konzern mit knapp 198 000 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber. Für die Belange der Mitarbeiter ist Personalvorstand Martin Seiler zuständig, der zuvor als Personalgeschäftsführer von Telekom Deutschland in Bonn gearbeitet hat. Mit Martin Seiler sprach Claudia Mahnke.

250 000 Bewerbungen erhält Ihr Unternehmen im Jahr. Welche Bewerbung wird direkt aussortiert?

Martin Seiler: Die Zahl von 250 000 Bewerbungen ist wirklich beeindruckend. Bei uns kommt es neben den fachlichen Kenntnissen auch auf die Begeisterung an, die Bewerber für die Bahn mitbringen. K.o.-Kriterien sind das Fehlen von fachlichen Voraussetzungen oder der Eindruck, dass ein Bewerber nicht wirklich Interesse an der Bahn hat.

In welchen Berufen ist es für die Bahn am schwierigsten, Fachkräfte zu gewinnen?

Seiler: Wir wollen in diesem Jahr 19 000 neue Mitarbeiter einstellen. Das ist natürlich eine Herausforderung. Es gibt besonders stark umworbene Fachkräfte wie Lokführer, Fahrdienstleister, IT-Spezialisten oder Gleisbauer. Da müssen wir immer wieder neue Wege gehen. So haben wir ein Lokführer-Casting gemacht. Wir sind mit einem Eisenbahnwagen in den Bahnhof gefahren und haben dort die Gespräche geführt. Es gab auch direkt vor Ort Einstellungszusagen.

Bei der Bahn gelingt es also noch, alle freien Stellen zu besetzen?

Seiler: Bis Ende Juli haben wir immerhin schon 15 400 Einstellungszusagen gemacht. Deswegen sind wir sehr zuversichtlich, unser Ziel von 19 000 neuen Mitarbeitern in diesem Jahr zu erreichen.

Suchen sie Fachkräfte auch im Ausland?

Seiler: Es gab schon Projekte. Wir haben in Spanien eine Ausbildung für Lokführer angeboten und überlegen eine Wiederholung.

Die Bahn will das Bewerbungsanschreiben abschaffen, zunächst für Auszubildende. Was versprechen Sie sich davon?

Seiler: Das Anschreiben hat mehr und mehr an Aussagekraft verloren. Es geht vielmehr darum, ob ein Bewerber die Leidenschaft und die Voraussetzungen für einen Beruf mitbringt. Man weiß ja auch gar nicht, ob sich jemand beim Anschreiben helfen lässt oder es aus Google zusammensetzt. Daran lässt sich heute wenig ablesen.

Um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, sprechen Sie auch gezielt Gruppen wie Menschen über 50 oder ehemalige Zeitsoldaten an. Gibt es da schon Effekte?

Seiler: Das läuft ausgesprochen gut. 14 Prozent unserer Einstellungen sind Menschen über 50 Jahre. Vor drei, vier Jahren waren es erst zehn Prozent. Studienabbrecher sprechen wir ebenfalls gezielt an. Wir haben auch 50 neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, die durch die Insolvenz von Air Berlin arbeitslos wurden.

In den nächsten zehn bis zwölf Jahren geht bei der Bahn die Hälfte der Belegschaft in den Ruhestand. Reicht Ihr Instrumentarium aus, um diese Lücke aufzufüllen?

Seiler: Das ist neben dem Weg in die Digitalisierung unsere größte Herausforderung. Es ist natürlich auch eine Riesenchance, neues Know-how an Bord zu bekommen. Wir werden in den nächsten Jahren weiter in nennenswertem Umfang einstellen. Ein Rückgrat sind die Auszubildenden. Aber wir müssen auch durch Weiterbildung all unsere Beschäftigten in die neue Zeit mitnehmen.

Seiler: Die durchschnittliche Betriebszugehörigkeit liegt bei der Bahn bei 19 Jahren. Ist eine hohe Betriebstreue eher Vor- oder Nachteil?

Seiler: Wir profitieren sehr von unseren erfahrenen Mitarbeitern. Das sind Eisenbahner mit Herzblut. Wir fördern, dass sie ihr Wissen weitergeben: Erfahrene Mitarbeiter begleiten jüngere in der ersten Zeit. So wollen wir Wissenstransfer sicherstellen und die Kultur prägen.

Künftig wollen Sie alle Mitarbeiter mit einem Tablet ausrüsten. Was steckt dahinter?

Seiler: Für uns ist sehr wichtig, dass wir allen Mitarbeiter digitalen Zugang ermöglichen. Deswegen werden wir bis Ende nächsten Jahres unsere Belegschaft mit digitalen Endgeräten ausstatten.

Wie gut gelingt es, Flüchtlinge in den Konzern zu integrieren?

Seiler: Wir haben ein Programm namens Chance plus, bei dem junge Menschen zehn Monate lang an eine Ausbildung herangeführt werden. Das ist sehr erfolgreich, und das haben wir für die Qualifizierung von Geflüchteten weiterentwickelt. In Hamburg habe ich gerade eine solche Klasse besucht, wo alle 13 Teilnehmer das Programm erfolgreich abgeschlossen haben und nun in eine Ausbildung gestartet sind. Zu dem Programm gehören auch Soziallotsen, die den Teilnehmern im privaten Umfeld helfen. Das ist ein praktischer Wert für die Menschen, aber auch für uns, weil wir qualifizierte Mitarbeiter gewinnen. 250 Geflüchtete haben wir bereits auf eine Ausbildung vorbereitet oder umgeschult.

Welche Erfahrungen haben Sie aus dem größten Bewerbungsmarathon Deutschlands gezogen, den die Bahn vergangenes Jahr veranstaltet hat?

Seiler: Wir haben gelernt, dass es sich lohnt, auf die Menschen zuzugehen, die Hürden für eine Kontaktaufnahme möglichst gering zu halten und auch immer wieder neue Ansätze hierfür auszutesten. Dies macht unter anderem unseren Erfolg aus. Deshalb werden wir diesen Weg weitergehen.

Wie ist die Bereitschaft zur Weiterbildung unter den Mitarbeitern?

Seiler: Wir haben einiges an Rahmenbedingungen geschaffen. Erst einmal haben wir einen unbefristeten Kündigungsschutz. Das schafft Sicherheit bei den Mitarbeitern. Außerdem gibt es einen Qualifizierungsanspruch, wenn sich die Tätigkeit verändert. Meine Erfahrung aus den ersten Monaten ist, dass die Kollegen Interesse an Weiterbildung haben, wenn sie wissen, warum und was sich an ihrer Tätigkeit verändert. Aber natürlich müssen sie dann auch mitmachen.

Zuvor haben Sie bei Post und Telekom gearbeitet. Was hat Sie beim neuen Arbeitgeber überrascht?

Seiler: Ich erlebe bei der Bahn sehr viel Engagement. Die Bahn ist im internen Zusammenspiel viel besser, als es nach außen erscheint. Es gibt eine gute Unternehmenskultur. Was die Konzerne eint: Sie stecken in einer großen Transformation. Alle reden von Digitalisierung. Dieser Aufgabe müssen wir uns stellen. Das ist gerade für das Personalressort eine große Herausforderung.

Gibt es Unterschiede, weil die Bahn nicht wie Post und Telekom börsennotiert ist?

Seiler: Die Gemeinsamkeiten überwiegen. In vielen Bereichen wie im Frachtgeschäft und im Regionalverkehr steckt die Bahn ja im vollen Wettbewerb. Und da haben wir es mit ähnlichen Spielregeln zu tun. Es geht darum, Qualität zu liefern.

Sie pendeln an den Wochenenden mit der Bahn zwischen Berlin und dem Wohnort der Familie in Unkel. Wie oft war die Bahn pünktlich?

Seiler: Ich bin jedes Mal gut und sicher angekommen. Wenn es auf der langen Strecke auch mal eine kurze Verspätung gab, will ich mir gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn ich die Strecke auf der Straße zurückgelegen würde.