Entwicklung der Baukosten in Bonn

Kostenexplosion bei städtischen Großprojekten

Nicht viel los: An der Halle arbeiten derzeit nur vier Rohbaufirmen.

Nicht viel los: An der Halle arbeiten derzeit nur vier Rohbaufirmen.

Bonn. Nicht nur bei der Sanierung der Beethovenhalle scheinen die Kosten ins Unermessliche zu steigen. Während die städtische Baukonjunktur boomt, scheint es Bonn an Firmen für die kommunalen Aufträge zu mangeln.

Die steigenden Baupreise schlagen bei Großprojekten wie der Bonner Beethovenhalle besonders heftig durch. Die Sanierung war vom Städtischen Gebäudemanagement Bonn (SGB) mit 61,5 Millionen Euro kalkuliert worden, doch die zuletzt veröffentlichte Prognose lag mit 117,4 Millionen Euro schon doppelt so hoch. Welcher Anteil dieser Kostenexplosion auf das Konto der beteiligten Firmen geht, ist von außen schwer abzuschätzen. In der denkmalgeschützten Halle gibt es viele Ursachen für das Baustellen-Chaos - von mangelhaften alten Unterlagen über unzureichende Voruntersuchungen des Erdbodens bis hin zu Zeitverzug und Fehlern bei Ausführungs- und Terminplänen.

Klar ist aber: Das SGB tut sich schwer, überhaupt Fachfirmen zu finden - und muss deshalb immer wieder deutlich höhere Preise zahlen als kalkuliert. Ein Beispiel aus dem Sommer 2017: Einen großen Auftrag für neue Heizungs- und Klimatechnik in der Beethovenhalle hatte das SGB für rund 2,5 Millionen europaweit ausgeschrieben. Die Kostenprognose war laut Stadt auf die Expertise externer Planungsbüros gestützt. Den Zuschlag musste die Stadt dann aber einer Kölner Firma für 3,72 Millionen Euro gewähren, was einer Budgetüberschreitung von 47 Prozent entsprach. Es fehlte an Konkurrenz: Die beiden einzigen Unternehmen, die sich sonst noch um den Auftrag beworben hatten, waren noch teurer. Eines davon verlangte sogar unglaubliche 8,82 Millionen Euro.

Es gibt auch Ausschreibungen, auf die sich nur eine einzige Firma meldet. So war es zum Beispiel beim Einbau neuer Aufzüge in der Halle: Der Zuschlag lag mit 1,01 Millionen Euro um 43 Prozent über der Kostenprognose von 708 000 Euro. Eine andere Ausschreibung - für Parkettarbeiten - musste die Stadt im Herbst 2018 aufheben, weil selbst der preiswerteste Anbieter 130 Prozent über den Preisen des Leistungsverzeichnisses lag.

Bauverzug: Kostensteigerung von 6,5 Prozent pro Jahr

Die rapide steigenden Baupreise werden vor allem dann zum Problem, wenn sich ein Projekt deutlich verzögert und Firmen deshalb die Baustelle verlassen. Dann muss neu ausgeschrieben werden - zu höheren Kosten. Bei der Beethovenhalle, die statt 2018 wohl erst 2021 fertig wird, haben laut Stadt bereits vier Technikfirmen wegen Zeitverzugs gekündigt. Um wie viel teurer die Neuverträge werden, ist unklar. Ein Anhaltspunkt: Die Stadtverwaltung geht derzeit pro Jahr von einer durchschnittlichen Baukostensteigerung von 6,5 Prozent aus.

Diese Dynamik trifft die Kommune auch bei Abriss und Neubau der Viktoriabrücke in Bonn. Die Brücke über der Bahntrasse wird statt 24,6 Millionen am Ende rund 45 Millionen Euro kosten - wahrscheinlich sogar noch mehr. Stadtbaurat Helmut Wiesner nennt als Ursachen die gute konjunkturelle Lage der Bauwirtschaft, die engen Rahmenbedingungen des öffentlichen Vergaberechts und geänderte Planungen sowie unvorhergesehene Probleme wegen Fehlern in alten Bauplänen.

Für das Verhalten der Baufirmen findet der städtische Planungschef deutliche Worte: Er spricht von "Mondpreisen", die teilweise auf dem Markt verlangt würden. Die Konjunktur erlaube den Unternehmen einen "ungenierten Griff in die öffentlichen Kassen". Wenn sie sich denn überhaupt um kommunale Aufträge bewerben: Für den Hauptauftrag zur Brücke gab es bei der europaweiten Ausschreibung nur zwei Angebote. Eines davon lag laut Stadt sechs Millionen Euro über den Kosten von 18,53 Millionen Euro, die das Tiefbauamt zuvor geschätzt hatte. Den Zuschlag erhielt das einzige andere Angebot über 20,8 Millionen Euro. Die ursprüngliche Gesamtkostenschätzung von 24,6 Millionen Euro beruhte laut Wiesner auf einer Planung aus dem Jahr 2012 - und seitdem sind die Baupreise durch die Decke gegangen.

Nicht nur Kommunen haben Schwierigkeiten, Baupreise in der Planungsphase einigermaßen präzise zu ermitteln. Den Bonner Hauptbahnhof saniert die Deutsche Bahn seit Ende 2016. Zunächst waren dafür 13 Millionen Euro vorgesehen. Die Bahn musste im vergangenen Jahr einräumen, dass die Kosten auf 30 Millionen Euro ansteigen werden. DB, Nahverkehr Rheinland (NVR) und der Bund zahlen jeweils ein Drittel.

Für diesen enormen Kostenanstieg nennt die DB Überraschungen, die während der Aufbereitung des denkmalgeschützten Daches zutage kamen, und gestiegene Preise in der gesamten Branche. Darüber hinaus sind allerdings auch zusätzliche Elemente in die Planung aufgenommen worden wie der Einbau neuer Rolltreppen und ein neuer Boden für den Bahnsteig. In diesem Sommer soll der Bahnsteig 1 wieder in Betrieb gehen und sich die enge Situation auf den derzeitigen Hauptbahnsteigen 2 und 3 wieder entspannen. Bis Ende 2020 rechnet die Bahn mit dem Abschluss der Arbeiten, der ursprünglich für Ende 2019 terminiert war.

Auch der Rhein-Sieg-Kreis hat aktuell mit enormen Kostensteigerungen bei seinen beiden Großprojekten zu kämpfen. Es geht um die Sanierung des Kreishauses in Siegburg und des Carl-Reuther-Berufskollegs in Hennef. Ursprünglich war für die Sanierung des Kreishauses eine Bauzeit von vier Jahren von 2014 bis 2017 vorgesehen. Jetzt geht man von einer Fertigstellung im Mai 2021 aus. Noch im Jahre 2013 hatte die Kreisverwaltung knapp 34 Millionen Euro für die Gesamtsanierung veranschlagt. Jetzt liegt sie bei rund 51 Millionen Euro. Das ist eine satte Steigerung von einem Drittel.

Einen großen Teil der Kostenexplosion ist laut Kreis auf Anpassungen und Umplanungen zurückzuführen. Das sind 1,94 Millionen Euro. Dazu kommen Honoraranpassungen in Höhe von plus 1,93 Millionen Euro. Die Bauzeitverlängerung schlägt mit 2,33 Millionen Euro zu Buche.

Knackpunkt bei der Kreishaus-Sanierung war der nicht einkalkulierte Asbestfund. "Wir mussten die Baustelle stoppen und einen Sachverständigen beauftragen", so Kreiskämmerin Svenja Udelhoven. Dieser Bauabschnitt hat zu einer Verzögerung von sieben Monaten geführt. Wie Udelhoven sagt, sei man auch bei einem Neubau nicht vor unvorhergesehenen Kostensteigerungen gefeit. Denn die Gründe können vielfältig sein. So gab es beim Kreishaus in Siegburg bereits im Herbst 2014 erste Verzögerungen, weil die Baufirmen nicht so gearbeitet hätten, wie vorgegeben. 2015 kam die Insolvenz der Firma Imtech Deutschland hinzu, die für die Gewerke Sanitär und Kälte beauftragt war. Außerdem habe man einem Trockenbauer kündigen müssen, weil der schlechte Arbeit abgeliefert habe. Die Neuausschreibungen führten dann auch zu höheren Kosten. Zwei Drittel der Sanierung sei nun abgeschlossen.

"Man wird da in gewisser Weise erpresst"

Sehr hoch fällt auch die prognostizierte Kostenerhöhung beim Carl-Reuther-Berufskolleg Hennef aus. Der Sanierungssaldo musste jetzt von 55 auf 67 Millionen Euro korrigiert werden. Das sind zwölf Millionen Euro und 21 Prozent Steigerung. Rhein-Sieg-Landrat Sebastian Schuster nennt "die konjunkturelle Lage der Bauwirtschaft" als Ursachen. So hätten sich bei der Vergabe der Bauarbeiten insgesamt rund 23 Prozent höhere Preise ergeben, als das bei den Vorabberechnungen angenommen wurde. Die Konkurrenzsituation im Baugewerbe sei momentan nicht besonders groß, weil alle gut ausgelastet seien. Zum Teil sei auf Aufschreibungen nur ein Angebot abgegeben worden. "Man wird da in gewisser Weise erpressbar", sagt der Landrat.

Weil die Kostensteigerung voll auf den Kreishaushalt durchschlägt und von den 19 angehörigen Städten und Gemeinden über die Umlage geschultert werden muss, ist die Aufregung im politischen Raum groß. Deshalb hat der Kreistag nun eine Sonderprüfung der Kostensteigerungen durch den Rechnungsprüfungsausschuss beschlossen. Bei der Aussprache war man sich einig, dass nicht in erster Linie Vergangenheitsbewältigung betrieben werden solle. Vielmehr solle die Analyse im Fokus stehen, wie man künftig Großprojekte planen müsse, um nicht immer mit Kostenexplosionen konfrontiert zu werden.

In verschiedenen Studien zum Thema hatten Forscher vor Jahren vorgeschlagen: Wer zu preiswert plant, um den öffentlichen Auftrag zu erhalten, soll haften oder im Erfolgsfall (Einhaltung der Kosten) mit einem Bonus belohnt werden - eine Empfehlung, die wohl nur gilt, wenn die Baubranche in einem konjunkturellen Tief festsitzt.