Interview zum Bonner Cloud Unternehmertag

Karl Heinz Land: „Menschen werden arbeitsfrei sein“

20.01.2016 Bonn. Das Internet verändert nicht nur die Art, wie wir kommunizieren, einkaufen oder Geschäfte abschließen – es wird unsere Gesellschaftsform revolutionieren. Davon ist der Kölner Unternehmensberater und Digitalisierungs-Experte Karl Heinz Land überzeugt. Delphine Sachsenröder sprach mit ihm beim Bonner Cloud Unternehmer Tag über seine Vision einer vernetzten Welt.

Sie warnen Unternehmer: Adapt or die. Wer die Digitalisierung verschläft, werde nicht überleben. Ist das für viele kleine Firmen nicht übertrieben?
Land: Nein. Auch der Bäcker muss die Digitalisierung umsetzen. Wer in einer fremden Stadt ein belegtes Brötchen kaufen will, lässt sich zum Teil schon heute von seinem Smartphone den Weg zum besten Anbieter weisen. Wer keinen digitalen Footprint hat, wird auch in der physischen Welt nicht mehr gefunden. Alles was digitalisierbar ist, wird digitalisiert werden. Danach wird es vernetzt und zum Schluss automatisiert.

Wie verbreitet ist diese Erkenntnis im Mittelstand?
Land: Allgemein ist die deutsche Wirtschaft im Vergleich etwa zu der US-amerikanischen oder chinesischen nicht besonders weit bei der Digitalisierung. Wir haben in Deutschland 1460 Hidden Champions, also mittelständische Weltmarktführer, aber nur zwei davon sind IT-Unternehmen.

Was müssten die herkömmlich arbeitenden Unternehmen tun?
Land: Sie müssen erkennen, dass Wertschöpfung bald nur noch digital stattfindet. Der Landmaschinenbauer Claas stellt zum Beispiel nicht mehr nur noch Traktoren oder Mähdrescher her, sondern bietet über eine Tochterfirma Software an, die den Bauern Daten liefert, die ihre Maschinen bei der Feldbearbeitung sammeln. Durch deren Auswertung können die Landwirte etwa Pestizide sparen.

Wie werden selbstfahrende Autos, an denen einige Hersteller derzeit arbeiten, unsere Wirtschaft verändern?
Land: Die Konsumenten wollen heute benutzen, aber nicht besitzen. Dinge zu teilen, ist Trend. Daher werden die selbstfahrenden Autos künftig gemeinsam genutzt werden und die Fahrzeugproduktion wird drastisch zurückgehen. Das ist sowohl ökologisch als auch ökonomisch effizienter.

Was wird aus anderen Produkten?
Land: Langfristig wird ein Großteil der herkömmlichen Wertschöpfung verschwinden. Wenn etwa Eintrittskarten nur noch elektronisch erstellt werden, braucht man keine Drucker für die Karten mehr, und auch die Zulieferer der Druckerhersteller werden Schwierigkeiten bekommen. Ganz viele Dinge werden dematerialisiert. Gleichzeitig werden Roboter immer leistungsfähiger. Sie können zukünftig Hebamme oder Krankenpfleger sein.

Was bedeutet das für unsere Arbeitsplätze?
Land: Die Hälfte der Jobs, wie wir sie heute kennen, wird es in wenigen Jahren nicht mehr geben. Und es wird für sie auch nicht ausreichend neue Stellen geben, die durch die Digitalisierung entstehen. Die Menschen werden arbeitsfrei sein.

Die gesellschaftlichen Folgen wären gravierend.
Land: Die große gesellschaftliche und politische Frage wird sein, wie wir die verbleibende Arbeit und das Einkommen aus der verbleibenden Arbeit verteilen. Die Kluft zwischen arm und reich wird immer größer.

Was wäre dagegen zu tun?
Land: Mit unserem bisherigen Modell des Kapitalismus kommen wir nicht weiter. Es kann nicht sein, dass Konzerne wie Google Milliarden verdienen und gleichzeitig ein wachsender Teil der Gesellschaft verarmt. Wir müssen über Dinge wie das Grundeinkommen oder die Besteuerung von Maschinen oder Datentransfers neu nachdenken. Es muss zu einer Neuverteilung von Ressourcen in der Welt kommen. Die Digitalisierung wird für die Menschheit zu einer Art Nadelöhr.

Welches Ergebnis erwarten Sie? Paradies oder Albtraum?
Land: Ich glaube, am Ende werden die Ressourcen als Folge der Digitalisierung gerechter verteilt werden. 2015 könnte dabei als Wendejahr in die Geschichte eingehen. Erstmals gibt es mehr Smartphones als herkömmliche Handys, das heißt, die Digitalisierung hat sich weltweit durchgesetzt. Im Positiven wie im Negativen ist die Welt dadurch näher zusammengerückt. Die Terroristen koordinieren ihre Attacken in Europa zum Teil über vernetzte Spielekonsolen, weil dieser digitale Kommunikationsweg kaum überwacht werden kann. Gleichzeitig hat sich die Welt auf neue Klimaziele geeinigt. Es wurde also erkannt, dass ein Neuanfang notwendig ist.

Wie soll so ein Neuanfang Ihrer Meinung nach aussehen?
Land: Die Gesellschaft hat ein Interesse daran, eine noch tiefere Spaltung auf der Welt zwischen arm und reich zu vermeiden. Die Produktionsrückgänge durch die Digitalisierung müssen ausgeglichen werden, damit der Wirtschaft nicht der Dampf ausgeht. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass Hunderte von Milliarden Euro, die aus der Besteuerung von digital erwirtschafteten Gewinnen kommen, in Arbeitsplätze im Umweltschutz investiert werden.

Der Bonner Cloud Unternehmertag

Eine „Aufrüttel-Veranstaltung“ soll der Bonner Cloud Unternehmertag sein. Das hofft zumindest Veranstalter Jörg Haas, Gründer des Bonner Softwareanbieters Scopevisio AG. Rund 500 Firmenvertreter aus der Region kamen gestern zu dem Treffen ins Bonner Kameha Grand Hotel, das sie von den Vorzügen der Digitalisierung überzeugen sollte. Was das Internet betrifft, seien Unternehmer oft viel konservativer als Konsumenten, so Haas.

Nicht nur die Cloud (englisch: Wolke) mit ihren ins Netz verlagerten Unternehmensdaten soll Geschäftsabläufe billiger und effizienter machen, so der Unternehmer. Es sei eine „große gesellschaftliche Herausforderung“ neue Regeln für das digitale Zeitalter aufzustellen. Die Mittelständler in der Region Bonn sieht Haas vergleichsweise gut aufgestellt. Zwar fehle in Bonn eine ausgeprägte digitale Gründer-Szene wie in Berlin, aber Konzerne wie Post und Telekom trügen zur Ansiedlung von vielen kleineren IT-Firmen bei. Nachholbedarf sieht Haas vor allem bei kleineren Dienstleistungsunternehmen wie Steuerberatern oder Anwaltskanzleien, die eine digitale Automatisierung ihrer Abläufe oft nicht einmal in Betracht ziehen würden. Um die IT-Wirtschaft in der Region zu stärken, plädierte der Unternehmer gestern für den Aufbau einer speziellen Weiterbildungseinrichtung für Entrepreneurship, in der künftige Startup-Unternehmer gefördert werden. „Daran würden wir uns auch finanziell beteiligen“, so der Scopevisio-Gründer. (Delphine Sachsenröder)