Kölner Ford-Betriebsratschef im Interview

Hennig: Die Ford-Mitarbeiter sind verunsichert

Köln. Der Kölner Betriebsratschef Martin Hennig bezieht Stellung zu US-Kritik am Europageschäft und Umbaupläne des Autoherstellers.

24 900 Mitarbeiter hat Ford in Deutschland, allein 18 500 in Köln. Die hat das US-Management mit Kritik am Europageschäft und der Ankündigung eines Umbaus überrascht. Über die Stimmung bei Ford und mögliche Kostensenkungen sprach mit Betriebsratschef Martin Hennig.

Wie ist die Stimmung in der Ford-Belegschaft nach der Kritik am Europageschäft aus den USA?

Martin Hennig: Im Kölner Werk sind noch Betriebsferien. Bei denen, die da sind, ist die Stimmung gedämpft.

In Saarlouis wird schon wieder gearbeitet. Hier laufen der neue Focus vom Band und auch der C-Max, der von Ford-Finanzchef Bob Shanks als Beispiel für unterdurchschnittliche Fahrzeuge ausdrücklich genannt wurde.

Hennig: In Saarlouis sind die Mitarbeiter verunsichert, wie viele Fragen an den Betriebsrat zeigen. Der Verlust eines Fahrzeugs würde die Auslastung reduzieren und einen Verlust an Stellen bedeuten. Es gibt aber noch keine Hinweise darauf, dass der C-Max nicht mehr gebaut werden soll. Das Fahrzeug läuft gut in Deutschland und es bringt hier eine gute Marge.

Gelobt hat Ford-Chef Jim Hackett leichte Nutzfahrzeuge und sportliche Geländewagen. Davon sollen mehr angeboten werden. Doch keines dieser Modelle wird in Deutschland gebaut. Haben die Fertigung von Fiesta und Focus hier noch eine Zukunft?

Hennig: Diese Frage stellen wir uns. Auch der europäische Kunde schaut auf sportliche Geländewagen und auf Pick-ups. Wenn sich dieser Trend fortsetzt und die Fahrzeug-DNA verändert wird, erwarten wir, dass diese Fahrzeuge nicht nur hier verkauft, sondern auch hier gefertigt werden.

Ist ein Verzicht auf die Volumenmodelle Focus und Fiesta für Ford vorstellbar?

Hennig: Ich kann die aktuelle Diskussion in den USA nicht nachvollziehen. In Europa leben wir von kleineren und mittleren Fahrzeugen. Die laufen gut, und wir verdienen gut mit ihnen. Es bleibt aber nichts von dem Gewinn übrig. Da müssen wir die Kosten in den Blick nehmen. Das muss die wichtigste Aufgabe des Topmanagement sein!

Ford hat eine aggressive Kostensenkung angekündigt. Welche Maßnahmen sind denkbar?

Hennig: Auf jeden Fall muss Ford differenziert an das Thema herangehen. Und es kann nicht nur um Personalkosten gehen. Ein Thema sind die Entwicklungskosten. Eine Strategie, die mehr gleiche Teile bei den Fahrzeugen verwendet, würde helfen oder eine Plattformstrategie. Hier ist Ford noch nicht so gut wie andere Anbieter. Bei Ford gibt es zum Teil seit 20 Jahren Programme zur Kostensenkung, die offenbar nichts gebracht haben. Wir haben gute Mitarbeiter, die motiviert sind, wir haben gute Produkte und verkaufen die gut. Also stimmt etwas in den Strukturen nicht.

Bis Mai 2022 sind die Werke gesichert und betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. Werden über die Fluktuation Stellen gestrichen?

Hennig: Es gibt jedes Jahr Programme zur Altersteilzeit und für Frühpensionierungen. Dabei geht es um die Bewältigung des demografischen Wandels. Auch wenn der Trend zur Elektromobilität geht, muss über die Fluktuation ein Wandel erfolgen. Gebraucht für Elektroautos werden weniger Mitarbeiter und Mitarbeiter mit anderen Qualifikationen.

Kommt der nächste Fiesta auch aus Köln?

Hennig: Ja, behaupte ich einmal. Wenn es einen neuen Fiesta gibt, kommt der auch aus Köln. Es hängt natürlich davon ab, welche Fahrzeuge der Kunde verlangt. Vielleicht kommen auch neue Fahrzeuge an den Start, vielleicht verstärkt E-Autos. Der Fiesta kann möglicherweise auch ein E-Auto sein.

Es gibt ja schon eine kleine Fertigung von E-Autos in Kooperation mit Streetscooter, die auch einen großen Lieferwagen für die Post auf Transit-Basis anbieten.

Hennig: Diese Chance müssen wir nutzen. Wir sammeln hier Erfahrung, auf die wir aufbauen können. Nutzen können wir die auch für elektrische Pkw.

Steht Ford noch zum Europa-Geschäft?

Hennig: Ich habe im April noch Jim Farley getroffen, der für das weltweite Autogeschäft von Ford verantwortlich ist. Er hat mir damals gesagt, dass er zu Europa steht. Den Weg, den GM mit dem Verkauf von Opel gegangen ist, hält er für Ford für falsch. Ich bin sicher: Wenn wir die Kosten im Griff haben, dann kann das Europageschäft zum Ford-Gewinn beitragen. Einen Rückzug würde ich für einen Fehler halten.