Duales System Deutschland

Grüner Punkt steht kurz vor Verkauf

Für die Entsorgung von Verpackungen sind in Deutschland die dualen Systeme zuständig.

Für die Entsorgung von Verpackungen sind in Deutschland die dualen Systeme zuständig.

Bonn/Köln. Die Gespräche zwischen Remondis und dem Dualen System Deutschland (DSD) aus Köln sind offenbar fast abgeschlossen. Für die Verbraucher und die Müllbranche hat die Übernahme Folgen.

Das mit Abstand größte duale System in Deutschland steht offenbar kurz vor dem Verkauf. Wie der General-Anzeiger am Montag aus informierten Kreisen erfahren hat, soll Remondis das Duale System Deutschland (DSD) – besser bekannt unter der Marke Grüner Punkt – übernehmen. Die Gespräche über den Verkauf stünden kurz vor dem Abschluss. Eigentlich hätten am Montag bereits die Verträge unterzeichnet werden sollen. Die beteiligten Unternehmen selbst wollten sich auf Anfrage nicht äußern. Man kommentiere „Gerüchte“ nicht, antwortete ein Sprecher des Kölner Unternehmens DSD. Das Bundeskartellamt teilte mit, es sei bisher noch keine entsprechende Anfrage eingegangen.

Der Grüne Punkt, beziehungsweise DSD, ist eins von neun dualen Systemen in Deutschland, die für die Entsorgung von Verpackungsmüll zuständig sind – also, das, was auch im gelben Sack oder in der gelben Tonne landet. Mit einem Anteil von rund 35 Prozent gilt das Kölner Unternehmen als Marktführer. Der zweitgrößte ist nach Brancheninformationen Bellandvision aus Bayern. Ihr Marktanteil beträgt etwa 17 Prozent. Bis zum Frühjahr gab es noch zehn Systeme. Das Bonner Unternehmen ELS hatte allerdings Insolvenz angemeldet und im Juni den Betrieb eingestellt.

Der potenzielle neue Mehrheitseigner von DSD, Remondis, ist der mit Abstand größte Entsorgungskonzern in Deutschland mit einem Gesamtumsatz von 7,3 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. Die gesamte Gruppe beschäftige derzeit nach eigener Aussage national und international 34 000 Mitarbeiter. Das Unternehmen aus Lünen betreibt selbst kein eigenes duales System mehr. Remondis beendete sein Engagement in diesem Segment vor vier Jahren. Zum einen aus „wirtschaftlichen Gründen“, aber auch, weil innerhalb der Branche nicht „immer alles einwandfrei ablaufe“, erklärt Remondis-Sprecherin Anna Ephan.

Verhandlungen seit Anfang 2017

Zwischen den einzelnen dualen Systemen gibt es nämlich immer wieder Betrugsvorwürfe. Die Unternehmen werfen sich gegenseitig vor, ihre Müllmengen kleinzurechnen. Das führt wiederum zu Finanzierungslücken, weil die Unternehmen teilweise dieselben Entsorger beauftragen und diese eigentlich anteilig nach Marktanteil bezahlen. Auch dem Bonner System ELS wurde solches Vorgehen von Wettbewerbern vorgeworfen. Dazu kommt der Vorwurf, Handelsunternehmen und Hersteller würden zu wenig Müll anmelden. Aus diesen Gründen kommt es immer wieder dazu, dass bundesweit mehr Müll entsorgt als bezahlt wird.

Die Verhandlungen zwischen Remondis und DSD um einen möglichen Verkauf sollen bereits seit Anfang 2017 laufen. Im März galten die Gespräche bereits als gescheitert. Gründe sollen Uneinigkeit über Kartellrisiken und den Preis gewesen sein. Vor einem Jahr kursierte in Medienberichten ein Übernahmepreis von rund 100 Millionen Euro.

Sehr kritisch sieht der Bundesverband für Sekundärstoffe und Entsorgung (BVSE) mit Sitz in Bonn die anstehende „Hochzeit der Giganten“: Eine Übernahme führe zu einer weiteren Marktkonzentration, heißt es in einer Pressemitteilung. Auf Nachfrage erklärt der Verband das Problem: Die dualen Systeme entsorgen die Verpackungen nicht selbst. Sie erheben von Handel und Herstellern Gebühren für die Organisation der Entsorgung. Dann beauftragen sie Unternehmen, unter anderem Remondis, aber auch zahlreiche Mittelständler, die der Verband BVSE vertritt. „Remondis hat jetzt schon ein Drittel der Sammelaufträge“, erklärt Verbandssprecher Jörg Lacher. Mit einer Übernahme vom DSD würde ein Hauptkonkurrent der kleineren Entsorgungsunternehmen gleichzeitig zum Auftraggeber.

Neues Verpackungsgesetz

Auch ein Konkurrent von DSD erklärt: Die Begeisterung unter den anderen Dualen Systemen halte sich in Grenzen. Deutschlands größter Entsorger Remondis beherrsche nach und nach die gesamte Entsorgungskette. „Remondis ist dafür bekannt, dass es kleine Unternehmen aufkauft, dann Platzhirsch in einer Region wird und schließlich die Preise erhöht“, erklärt der DSD-Konkurrent.

Letztendlich könnte auch der Verbraucher am Ende zur Kasse gebeten werden, erklärt der BVSE. Denn Handelsunternehmen und Hersteller von Produkten, die für die Entsorgung ihrer Verpackungen Gebühren an die dualen Systeme zahlen müssen, können höhere Preise letztendlich auf die Kunden umlegen, indem sie die Produkte verteuern.

Weitere Marktveränderungen erwartet der BVSE im kommenden Jahr durch das neue Verpackungsgesetz. Möglich sei, dass dann einige duale Systeme ihr Geschäft aufgeben. Die Kontrollen, wer wie viele Mengen Müll entsorgen lässt, würden strenger. Tricksen werde dadurch wesentlich schwieriger.