GA-Serie "Bonn macht erfinderisch" - Folge 7

Geschäftsideen für Geduldige

Bonn. Die Welt der Start-ups gilt als schnelllebig, kreativ und sexy. In der Welt der Medizin gelten aber andere Regeln. Wer ein Medizinprodukt auf den Markt bringen will, braucht irre viel Geld und einen langen Atem. Wie Bonner Gründer diesen Spagat aushalten und warum Medizingründer mitunter Jahre brauchen, bis sie ihr Produkt auf den Markt bringen.

Wer einmal einen Stromschlag abbekommen hat, weiß: Elektrizität kann wehtun. Zwei Brüder aus Bonn bringen den Strom trotzdem unter die Haut. Allerdings wollen sie so Schmerzen lindern. Tobias und Johannes Weigl haben ein Stimulationsverfahren gegen chronische Schmerzen entwickelt.

Ihr Produkt ist ein Band, das um Rücken, Nacken, Ellbogen oder Knie gelegt wird und dort mit elektrischen Impulsen das Schmerzgedächtnis ihrer Kunden verändert. „Wie der Strom durch den Körper fließt, ist so etwas wie unser Coca-Cola-Rezept“, sagt Tobias Weigl. Aus der Idee machten die Brüder ein Unternehmen und starteten 2012 Bomedus als Ausgründung der Uni Bonn. Dann lernten sie kennen, was es heißt, eine Medizinfirma zu gründen. „In meinen Augen gibt es für ein Start-up nichts Schwierigeres als den Gesundheitsmarkt“, sagt Weigl.

Die Welt der Start-ups, sie gilt als schnelllebig, cool und kreativ. In der Medizintechnik zählen andere Werte. „Die Branche ist sehr konservativ“, sagt Weigl. Neuerungen begegne sie meist zögerlich. „In der IT-Branche sieht man die Chancen, bei Medizintechnik herrscht eher die Angst davor, es könnte in die Hose gehen, und das spürt man immer.“

Bis ein Medizinprodukt auf den Markt kommt, vergehen zudem meist Jahre. Es braucht ungeheuer viel Zeit und Geld für Forschung, klinische Studien und Zertifizierungen. Bomedus hat dafür 1,5 Millionen Euro an Förder- und 3,1 Millionen Euro an Investorengeldern erhalten. 500 000 Euro davon hat der halbstaatliche High-Tech Gründerfonds gegeben, der in Bonn zurzeit in zwei Medizin-Start-ups investiert und bundesweit 73 Unternehmen aus der Branche mit 54 Millionen Euro finanziert. 100.000 Euro haben die Brüder selbst beigesteuert.

Auch die Vermarktung gestaltet sich bei Bomedus schwieriger als anderswo. „Schmerz als Thema ist eben leider nicht so sexy“, sagt Weigl. „Bei anderen Start-ups macht es Spaß, schmeckt gut oder sieht gut aus. Wir haben ein Produkt, auf das eigentlich keiner angewiesen sein will.“ Die Hürden, in die Kataloge der Krankenkassen aufgenommen zu werden, sind zudem hoch. Die Kunden müssen die Schmerzbänder deshalb aus eigener Tasche bezahlen.

Sie kosten 549 Euro. „Das sind deutsche Patienten nicht gewohnt“, sagt Weigl, der Medizin und BWL studiert hat. Diese Hürde wollen die Brüder dadurch senken, dass Kunden das Produkt gegen eine Leihgebühr von monatlich 25 Euro testen können, die bei Kauf angerechnet wird. Das Textilband für 150 Euro müssen sie aber kaufen. Bis zu 25 Geräte verkauft Bomedus pro Woche. 1000 Kunden verwenden die Schmerzbänder der Bonner inzwischen.

12 Jahre und eine Milliarde Euro bis zur Marktreife

Noch mehr Geld und einen noch längeren Atem braucht es bei medizinischer Hochtechnologie. Am Exzellenzcluster ImmunoSensation der Uni Bonn, das seit 2012 Grundlagenforschung zum menschlichen Immunsystem betreibt, wurden die Start-ups Rigontec und IFM Therapeutics ausgegründet. Beide Unternehmen arbeiten an Medikamenten, die das Immunsystem künstlich aktivieren. Für Krebspatienten kann das lebensrettend sein.

IFM Therapeutics hat dafür bislang 25,5 Millionen Euro an Investorengeldern bekommen, Rigontec kommt auf rund 30 Millionen Euro. Im Schnitt verschlingt die Entwicklung eines Medikaments laut ImmunoSensation eine Milliarde Euro. Vom ersten wissenschaftlichen Ergebnis bis zum fertigen Arzneimittel vergehen demnach im Schnitt zwölf Jahre. Doch gerade einmal zwei Prozent aller Medikamente schafften es bis zur Marktreife.

So viel Zeit will Katrin Reuter nicht verstreichen lassen. Die 40-jährige Quereinsteigerin aus Schwarzrheindorf will es mit ihrem Medizinprodukt bereits bis Mitte 2017 auf den Markt schaffen. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie Ende 2015 Trackle gegründet. Ihre Idee: Die Entwicklung eines Sensors, der den weiblichen Zyklus registriert und so bei Familienplanung und Verhütung helfen soll. „Ich bin meine eigene Zielgruppe“, sagt Reuter, die nach der Geburt ihres zweiten Kindes auf die Idee kam, Trackle zu entwickeln.

Noch ist das Gerät ein Prototyp. Das fertige Produkt soll groß wie ein Tampon werden und wird nachts vaginal getragen. Es misst die Körpertemperatur und stellt den Zeitpunkt des Eisprungs fest, wenn die Kerntemperatur um 0,5 Grad ansteigt.

Die Methode ist nicht neu. Bislang müssen Frauen die Temperatur aber nach strengen Vorgaben per Hand messen und die Werte täglich in eine Tabelle eintragen und bekommen dann lediglich einen Näherungswert. „Ich fand die Methode super, aber das ist wirklich irrsinnig kompliziert“, sagt Reuter. Die Fehleranfälligkeit sei hoch. Mit Trackle werden die Daten hingegen automatisch ausgewertet und verschlüsselt auf das Smartphone übertragen.

Für Reuter und ihren Mann, die beide aus der IT-Branche kommen, war das anfangs eine fremde Welt: „Wenn man aus der Software-Ecke kommt und medizinische Hardware erstellt, ist das ein bisschen so, als würde man eine Mondrakete bauen.“

Anteil der medizinischen Start-ups wächst

Auch deshalb hält sie die strengen Anforderungen im Gesundheitswesen für sinnvoll. „Man kann eben nicht einfach vor sich hinbasteln, ohne dass jemand einem auf die Finger schaut.“ Allerdings sind die Hürden für die Trackle-Gründerin nicht so hoch wie für Bomedus, Rigontec und IFM Therapeutics. Das liegt auch daran, dass Trackle das Rad nicht neu erfindet, Fieberthermometer gibt es bereits.

Trotzdem gelten für das junge Unternehmen strenge Regeln und Normen, die der Gesetzgeber für Medizinprodukte vorschreibt. Das Qualitäts- und Risikomanagement muss etwa von einem externen Dienstleister zertifiziert werden. Zwar braucht es für das Gerät keine klinischen Studien, trotzdem wird es einem breit angelegten Gebrauchstest unterzogen. „Man braucht für ein Hardware-Start-up irre viel Geld“, sagt Reuter.

Hohe Auflagen, teure Studien und lange Forschungs- und Entwicklungszeiten mögen dazu beitragen, dass der Anteil der medizinischen Start-ups in Deutschland laut dem Start-up-Monitor des Bundesverbands Deutsche Startups nur 5,4 Prozent beträgt. Allerdings ist er in den letzten zwei Jahren um 70 Prozent gewachsen. „Wie das Gesundheitssystem tickt, steht im maximalen Gegensatz dazu, wie Start-ups funktionieren – dass Dinge schnell und ohne viel Geld funktionieren und Ideen sich im Lauf der Zeit verändern“, sagt Reuter.

Start-ups und kreative Ideen: Die Gründerszene in der Region beleuchten die GA-Volontäre in der GA-Serie „Bonn macht erfinderisch“ zweimal die Woche bis zum Ende des Jahres. Am kommenden Mittwoch, 14. Dezember, lassen wir gescheiterte Jungunternehmer zu Wort kommen und beschäftigen uns mit Fehlerkultur. Anschließend sehen wir uns die Lifestyle-Branche an und lassen Gründer erzählen, was es heißt, plötzlich Chef zu sein.