Wunsch nach flexibleren Arbeitszeiten

Frauen wollen raus aus der Teilzeit-Falle

Viele Beschäftigte in Berufen mit hoher Stressbelastung wie Pflegepersonal oder Erzieher würden die Stunden im Job gerne reduzieren.

Viele Beschäftigte in Berufen mit hoher Stressbelastung wie Pflegepersonal oder Erzieher würden die Stunden im Job gerne reduzieren.

16.02.2016 Wiesbaden. Millionen Arbeitnehmer in Deutschland würden gerne länger arbeiten. Laut Statistischem Bundesamt reicht rund 2,9 Millionen Erwerbstätigen ihr Arbeitspensum derzeit nicht aus.

Vor allem Frauen wollen auf Teilzeitbeschäftigung verzichten und ihre Zeit im Job von rund 20 Stunden in der Woche auf knapp 32 Stunden erhöhen.

Vor allem in Ostdeutschland suchen sie eigentlich Vollzeitstellen, während im Westen die freiwillige Teilzeit häufiger ist. Im Schnitt verbringen Erwerbstätige 35,7 Stunden pro Woche an ihrem Arbeitsplatz. Grundlage für die gestern vorgestellten Zahlen sind Umfragen aus dem Mikrozensus 2014.

Der Mini-Job oder die Erwerbstätigkeit in Teilzeit ist für viele eine Notlösung. „Es gibt eine ganze Reihe an Leuten in Deutschland, die unfreiwillig in Teilzeit arbeiten“, sagt Karl Brenke, Arbeitsmarktexperte beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Dank der guten Konjunktur und der verbesserten Lage am Arbeitsmarkt ist ihr Anteil in den vergangenen Jahren aber deutlich zurückgegangen. Während 2008 noch rund 23 Prozent der Erwerbstätigen unfreiwillig in Teilzeit beschäftigt waren, waren es 2014 nur noch rund 15 Prozent. Bleibt die wirtschaftliche Lage so gut, sollte dieser Trend anhalten, vermutet Brenke.

Es sind nicht nur Frauen, die auf mehr Arbeit hoffen. Auch ältere Männer ab 50 Jahren würden ihre Zeit im Job gerne ausbauen. Vermutlich geht es ihnen darum, die Zeit vor dem Rentenalter noch zu nutzen. Das stärkste Bedürfnis nach einer aufgestockten Arbeitszeit gibt es bei Mini-Jobbern. Die Gründe, warum der Wunsch nicht erfüllt wird, sind vielfältig. Manchmal gibt es schlichtweg keinen Job mit mehr Stunden in der Firma.

In anderen Fällen ist mehr Arbeit nur dann möglich, wenn die Zeit für die Tätigkeit flexibel bleibt. Sonst kommen zum Beispiel die Kinder zu kurz oder ein kranker Angehöriger kann nicht mehr die Pflege bekommen, die er eigentlich braucht. Hier sind die Chefs gefragt, sich stärker mit der Lebenssituation ihrer Mitarbeiter auseinanderzusetzen.

Doch es gibt auch diejenigen, die lieber weniger Zeit mit Kollegen und Chef verbringen würden. Laut Statistik sind das etwa 900 000 Beschäftigte. Im Durchschnitt würden sie auf rund elf Stunden im Job pro Woche verzichten. Dazu gehören Berufe, die in Stressstatistiken ganz oben auftauchen. Das sind Erzieher, Lehrer oder Pflegepersonal, aber auch Mitarbeiter bei Banken und Versicherungen oder in der Kommunikations- und Informationsbranche. Überall dort, wo die Digitalisierung für Arbeitserleichterungen sorgen soll, belastet die Technik auch die Arbeitsweisen der Beschäftigten.

Aber auch immer mehr Männer und Frauen in Führungsjobs und mit längeren Arbeitszeiten würden gerne reduzieren. „Doch viele Vollzeit-Beschäftigte scheuen sich vor der Teilzeit“, sagt Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter Prognosen und Strukturanalysen beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Es ist leider immer noch so, dass Teilzeit auf dem Karrierepfad nicht vorgesehen ist.“ Man müsse Arbeitnehmer und Arbeitgeber ins Boot holen, um die Grenze zwischen Teilzeit- und Vollzeitjob aufzuweichen, so Weber. Denn auch der Wissenschaftler weiß, dass vor allem für kleinere und mittlere Unternehmen Schwierigkeiten entstehen können, wenn etwa die Führungskraft ihr Arbeitspensum reduziert.

Generell wünschen sich Arbeitnehmer mehr Flexibilität von ihren Chefs. „Gut qualifizierte Mitarbeiter wollen mehr Zeit haben, ganz unabhängig, ob Kinder im Haushalt leben ober nicht“, sagt Arbeitsmarktexperte Brenke. Statt ins Büro zu gehen, bleiben sie lieber am heimischen Schreibtisch. Schließlich können sie überall arbeiten – und zuhause in vielen Fällen deutlich effektiver als am Arbeitsplatz und unter Kollegen.