GA-Interview

Frank Thelen: Digitalisierung lässt sich nicht aufhalten

Die Digitalisierung lässt Arbeitsplätze wegfallen. Wie ein Barkeeper schenkt dieser Roboter der Firma Kuka Bier ein.

Die Digitalisierung lässt Arbeitsplätze wegfallen. Wie ein Barkeeper schenkt dieser Roboter der Firma Kuka Bier ein.

Bonn. In der digitalen Welt geben die USA und China den Ton an. Der Bonner Unternehmer Frank Thelen erklärt, wie Deutschland sich aus dem digitalen Niemandsland befreien kann und malt dabei ein blühendes Bild von der Zukunft.

Schaut man sich Umfragen zum Thema Digitalisierung an, scheint das Stichwort bei vielen Deutschen immer noch Ängste zu wecken – vor Jobverlust, vor übermächtigen Unternehmen, vor steigenden Gehaltsunterschieden. Dabei lasse sich der technische Fortschritt längst nicht mehr aufhalten, meint der Bonner Unternehmer und Investor Frank Thelen. Warum das eine riesige Chance für Deutschland ist, die das Land zu verpassen droht, erklärt er im Interview mit .

Herr Thelen, welche Chancen bietet die Digitalisierung?

Frank Thelen: Zunächst, dass alles das, was digital werden kann, digital wird. Das muss man erst mal verstehen. Dadurch, dass die Technologie immer günstiger und intelligenter wird, wird sehr schnell sehr viel digitalisiert.

Welche Rolle spielen Deutschland und Europa?

Thelen: Beide sind weit abgeschlagen. Deutschland ist irrelevant, weil es keine bedeutende Plattform in der digitalen Zeit geschaffen hat – mit Ausnahme von SAP, die die Daten der Firmen beherrschen. Wir haben im Grunde genommen zwei Supermächte. Das eine ist GAFA – Google, Apple, Facebook, Amazon – auf der US-Seite, die weltweit alles bedienen, was nicht China ist. Auf der chinesischen Seite haben wir BAT – Baidu, Alibaba und Tencent. Diese haben über fünf Billionen Dollar Marktkapitalisierung und beherrschen alle digitalen Themen von A bis Z, mit einer Ausnahme: Die Musik bestimmt das schwedische Unternehmen Spotify.

Was muss Deutschland tun, um das zu ändern?

Thelen: Glücklicherweise sind wir noch in den Kinderschuhen der Digitalisierung. Diese Kindergartenjahre haben wir als Deutschland komplett verpennt. Aber es kommen neue Themen hoch: Quantencomputer, Künstliche Intelligenz, Distributed-Ledger-Technologien – im Volksmund oft Blockchain genannt –, Elektromobilität, Energie. Viele Bereiche werden sich radikal durch Digitalisierung ändern. Wir müssen uns als Deutschland darauf fokussieren, dass wir in einem oder zwei dieser Bereiche den Weltmarktführer aufbauen.

Warum lieber spezialisieren als breit streuen?

Tehlen: Bei technischen Plattformen werden die Macht und der unfaire Vorteil jeden Tag größer. Das hat man in der analogen Welt nicht. Im E-Commerce-Bereich ist entscheidend: Wer hat den größten Marktanteil? Bei Amazon zahlen die meisten Kunden nichts mehr für den Versand, weil sie alles dort bestellen. Das ist ein so brutaler Vorteil, da kannst du keinen Internetshop mehr aufmachen.

Wie realistisch ist es, dass Deutschland das schafft?

Thelen: Das weiß ich nicht. Dinge bewegen sich. Mit Dorothee Bär gibt es immerhin eine Digitalministerin im Kanzleramt. Die Politik ist auf dem Weg, genauso wie der Risikokapitalmarkt und die Gründer. Aber wir sind schon weit abgeschlagen.

Was könnte Digitalisierung für jeden Bürger im Alltag bringen?

Thelen: Wenn wir es richtig machen, wird sich unser gesamtes Leben durch Digitalisierung verbessern. Digitalisierung ermöglicht völlig andere Produktionsmechanismen. Nehmen wir Lilium Aviation, das ist ein kleines Start-up in München, das sagt: Ich baue ein Flugzeug, das vertikal starten und landen kann, das keine Emission hat und das günstiger zu betreiben ist als ein Auto. Warum können die das machen? Weil durch Cloud-Computing, 3D-Druck und Künstliche Intelligenz auf einmal auch ein kleines Team deutlich intelligentere Produkte bauen kann als Airbus oder Boeing. Deswegen kriegen Konsumenten bessere Produkte. Ein Smartphone mit Kamera, GPS und LTE hat heute mehr Leistung, als ein ganzes Rechenzentrum vor 20 Jahren hatte. Durch Digitalisierung hast du plötzlich ein Universum an Möglichkeiten in deiner Hosentasche. Die einstige Utopie, wir können Maschinen für uns arbeiten lassen, steht kurz vor der Vollendung.

Zum Thema Automatisierung und Wegfall von Jobs: Was würden Sie Fließbandarbeitern entgegnen?

Thelen: Diese Angst ist nicht unberechtigt. Aber nicht nur die Fließbandarbeiter sind gefährdet, sondern zum Beispiel auch die Journalisten, denn Texte schreiben und verstehen kann KI schon relativ gut. Ärzte, Radiologen, Taxifahrer. Leute in der Versicherung, die Akten abheften. Das ist sicherlich eine große Gefahr. Die Antwort ist ein Grundeinkommen – dass wir den Produktivitätsschub durch die Digitalisierung nutzen, damit jeder ein gutes Leben hat, ohne zu arbeiten. Als Lektüre empfehle ich „Jäger, Hirten, Kritiker“ von Richard David Precht.

Gefühlt ist das Thema bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland eher verschrien...

Thelen: Keiner will das wahrhaben. Wenn man mit den führenden Politikern spricht, verstehen sie das, aber keiner will es auf die politische Agenda setzen. Nicht mal die Linke. Das ist ja völlig geisteskrank. Aber am Ende des Tages ist es der einzige Weg. Es wird kommen. Die Frage ist, ob in fünf, zehn oder 20 Jahren.

Warum muss man keine Angst vor der Digitalisierung haben?

Thelen: Böse gesagt: Weil sie kommt und wir sie nicht aufhalten können. Digitalisierung funktioniert global. Wir haben die Chance, zu gestalten. Heutzutage ist Deutschland durch Bedenkenträger und Angst ins Hintertreffen geraten. Das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass wir den Anschluss an China und die USA komplett verlieren. Auf dem Weg sind wir gerade. Zu sagen, Künstliche Intelligenz ist böse – damit erreichen wir gar nichts. Wir müssen die Digitalisierung aktiv gestalten und als Chance begreifen. Allen Leuten, die Angst davor haben, muss ich sagen: Ja, du wirst vielleicht deinen Job verlieren, aber du wirst ein besseres Leben bekommen. Ich rufe jeden dazu auf: Befasst euch damit, bildet euch eine Meinung und bringt euch aktiv ein.

Zu sagen, alle, deren Job wegfällt, könnten umgeschult werden – ist das realistisch?

Thelen: Es wird gar nicht mehr genug Arbeit für alle geben. Deswegen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Dann wird Zeit übrig sein, die wichtigen Fragen zu stellen: Warum bin ich hier, was tue ich? Wir werden hoffentlich viele Sportvereine sehen, Kunst, Kreativität. Aber kein Mensch wird mehr Akten verwalten, diagnostizieren, ob jemand Krebs hat, Taxi fahren. Das sollte er auch gar nicht tun, weil der Computer das viel besser kann als er. Das Gute ist: siehe Lilium Aviation, jeder kann Privatjet fliegen, jeder kriegt den besten Radiologen der Welt, die beste Sekretärin. Dahin geht es.

Wie lange dauert es noch, bis aus der Vision Wirklichkeit wird?

Thelen: Es hat immer länger gedauert, als man gedacht hat. Auch wird nicht alles an einem Tag passieren. Realistisch ist: die ersten größeren Änderungen alle fünf Jahre. Spätestens komplett vollzogen haben wir den Wandel in 30 Jahren.