Fraunhofer Gesellschaft in Bonn

Forscher entwickeln Internet-Anwendung als Hilfe für Demenzkranke

Wenn die Erinnerung verschwimmt: Eine demenzkranke Seniorin sitzt mit ihrer Tochter im Wohnzimmer. Computeranwendungen können im Alltag helfen.

BONN. Mal ist die Fernbedienung verschwunden, dann fehlen das Portemonnaie oder die Pillendose. Wenn ältere Menschen vergesslich werden oder an Demenz erkranken, wird das Leben in der eigenen Wohnung schwierig. Moderne Informationstechnologie soll ihnen jetzt helfen, länger unabhängig zu bleiben. Nach drei Jahren Forschungsarbeit stellten Wissenschaftler der Fraunhofer Gesellschaft und Unternehmen aus der Region in Bonn ihr Projekt "WebDA" vor.

"Erstmals haben wir viele verschiedene Anwendungen miteinander vernetzt, die sich auf die individuellen Bedürfnisse der alten Menschen und ihrer Angehörigen einstellen lassen", sagte Fraunhofer-Mitarbeiterin Henrike Gappa. Die Technik hilft ganz konkret: Wichtige Gegenstände wie etwa das Portemonnaie werden mit kleinen Transpondern, sogenannten RFID-Tags, ausgestattet. Gehen sie verloren, kann der Demenzkranke ein Bild des Suchobjekts auf der Tochscreen-Oberfläche eines Tablet-Computers berühren.

Über Antennen im Raum wird der Gegenstand geortet und der Computer gibt Auskünfte wie "das Portemonnaie liegt auf dem Fernseher". Eine weitere Anwendung sorgt beispielsweise dafür, dass die Haustür sich nicht schließen lässt, sollte der Bewohner ohne seinen Schlüssel die Wohnung verlassen. Vor allem Angehörigen von Senioren mit weiter fortgeschrittenen Demenzerkrankungen soll ein Dienst helfen, bei dem sämtliche Bewegungen des Kranken aufgezeichnet werden. Läuft ein Patient etwa über längere Zeit unruhig in der Wohnung umher, werden die Verwandten per Mail oder Sms informiert.

"Für viele pflegende Angehörige ist das eine echte Entlastung", sagt Fraunhofer-Mitarbeiterin Gabriele Nordbrock. "Sie trauen sich dann auch mal, etwa zum Einkaufen, das Haus zu verlassen."

Mehrere Demenzkranke und ihre Familien aus Bonn und Umgebung haben die neue Technik für die Forscher getestet. Nicht immer sei es leicht gewesen, die Senioren anfangs vom Nutzen des Internets zu überzeugen. "Viele wollten mit Computern eigentlich nichts zu tun haben, die Tablets mit den bewusst sehr einfach gehaltenen Anwendungen und der Bedienung per Touchscreen hat ihnen dann aber schnell gefallen", so Gappa. Schließlich helfe die Technik, wertvolle Erinnerungen trotz Demenz zu erhalten. Gemeinsam mit ihren Angehörigen können die Kranken etwa eine auf dem Tablet abrufbare "Biografie" aus Familienfotos, Musik und anderen für sie wichtigen Dingen zusammenstellen.

An der Entwicklung dieser Anwendung war auch das Bonner Softwarehaus Phoenix beteiligt. Projektleiter Guido Müngersdorff sieht gute Chancen, zumindest einen Teil der Forschungsergebnisse des vom Bundesministerium für Forschung geförderten Projekts als Produkt auf den Markt zu bringen. "Deshalb haben wir in die Entwicklung Geld gesteckt." Die 25 Mitarbeiter starke Firma hat sich unter anderem auf Sprachtherapie-Software spezialisiert.

Fraunhofer-Spezialistin Gappa kann sich ein Leasing-Modell vorstellen, um die Kosten für die Nutzer des Internet-Hilfsmodells gering zu halten. "Die Nachfrage wird wachsen" ist sie sich sicher.

Weitere Informationen im Internet unter webda.info