Industriegeschichte in der Region

Flucht vor dem Krieg von Köln nach Bonn

Der Backsteinbau an der Hein-Moeller-Straße in der Weststadt wurde wieder aufgebaut und dient noch heute als Unternehmenszentrale.

Bonn. Seit rund 100 Jahren stehen dicke rote Backsteinmauern des Betriebsgebäudes von Eaton in der Bonner Weststadt direkt hinter den Bahngleisen. Sie sind eine der wenigen Konstanten in der wechselhaften Entwicklung des Elektrotechnik-Konzerns.

Der Name hat gewechselt, die Eigentümer sitzen heute nicht mehr in Bonn sondern in Cleveland/Ohio. Das vielen Bonnern noch als Klöckner-Moeller bekannte Unternehmen steht für Bonner Industriegeschichte wie kaum ein anderes: vom genialen Erfinder über den typischen Wirtschaftswunder-Aufstieg bis hin zur Beinahe-Pleite und der anschließenden Rettung.

Eigentlich beginnt die Firmengeschichte in Köln. Bereits 1899 gründete hier der junge Ingenieur Franz Klöckner seine "Spezialfabrik für elektrische Schaltgeräte". Wenig später steigt Hein Moeller in das Unternehmen ein und entwickelt den Verkaufsschlager, einen speziellen elektrischen Schalter.

1920 kommt Klöckner-Moeller nach Bonn. Am heutigen Standort fertigen die "Bonner Grund- und Schmirgelwerke" keramische Teile, die für die elektrischen Schalter benötigt werden. Nach dem Tod des Mitinhabers übernimmt Moeller, der als begabter Tüftler gilt, das Unternehmen und krempelt die Organisation um. "Dieser Mensch ist total verrückt", wird ein Mitarbeiter in einer Firmenchronik zitiert. "Das Ganze wird mir zu unsolide, ich gehe, bevor es zu spät ist."

Die Entscheidung war offenbar voreilig. Denn schon wenige Jahre später sollte Klöckner-Moeller den Durchbruch schaffen. Tüftler Hein Moeller setzte nicht nur seine Mitarbeiter ab 1938 ans Fließband, er erfand unter anderem einen durchsichtigen Deckel für Schalter und setzte erstmals Kunststoff als isoliertes Gehäuse ein.

Den Zweiten Weltkrieg überstand das Unternehmen vergleichsweise unbeschadet. Die Strategie Moellers: Die Produktion wurde auf mehrere ländliche Standorte verteilt und die Firmenzentrale nach Bonn verlegt, das als weniger angriffsgefährdet als Köln galt. 1944 werden die Hauptverwaltung und das Werk in Köln durch Luftangriffe völlig zerstört.

Der Wiederaufbau des Unternehmens beginnt mit dem Umzug der Hauptverwaltung nach Bonn, auch hier muss das Werk in der Weststadt nach Bombenangriffen erneuert werden. Per Zeitungsanzeigen trommelte Moeller nach dem Krieg seine ehemaligen Mitarbeiter für den Wiederaufbau zusammen. Mit Erfolg. Bereits 1950 war das Unternehmen wieder so weit im Geschäft, dass es in Belgien seine erste Auslandstochter gründete.

Es folgt die Zeit des Wirtschaftswunders: Das Bonner Industrieunternehmen wächst, Ender der 50er Jahre beschäftigt Klöckner-Moeller bereits 1500 Mitarbeiter. Die zweite Generation knüpft nach dem Tod Hein Moellers 1962 an dessen wirtschaftlichen Erfolg an. Ende der 80er Jahre arbeiten bereits 5000 Menschen für das Elektrotechnik-Unternehmen unter der Leitung seines Sohnes Gert.

Doch es geht nicht immer nur bergauf. Wie viele Mittelständler steht Moeller in den 90er Jahren vor einem Nachfolgeproblem. Die Töchter wollen nicht in die Firma einsteigen, später erweist sich der damalige Schwiegersohn Emil Seidel als Geschäftsführer mit wenig unternehmerischer Fortune.

1998 kauft das Unternehmen den Kölner Konkurrenten Felten & Guilleaume und wächst damit auf 12.000 Angestellte. Kurz darauf schwächt sich die Konjunktur ab, der erfolgsverwöhnte Bonner Konzern gerät ins Strudeln. Kurz nach der Jahrtausendwende steht das Traditionsunternehmen kurz vor der Pleite. Nur ein Verkauf kann Moeller retten. Finanzinvestoren übernehmen das Ruder von der Unternehmerfamilie, erst Advent International, dann Doughty Hanson.

Eine schwierige Zeit für das Unternehmen: Finanzinvestoren versorgen angeschlagene Firmen zwar mit dem lebensnotwendigen Kapital, gelten aber auch als "Heuschrecken", die für ihre Investitionen auch eine hohe Rendite - oft auf Kosten der Unternnehmenswerte - erwarten. In der Bonner Moeller-Zentrale atmeten daher viele auf, als 2008 mit dem amerikanischen Eaton-Konzern ein Unternehmen aus der eigenen Branche bei Moeller das Ruder übernahm.

Heute ist wieder Ruhe hinter den roten Backsteinmauern eingekehrt. Die langen Jahre der Umstrukturierungen und des Personalabbaus sind offenbar vorbei. Auch wenn in Bonn nicht mehr produziert wird: In den Forschungslabors und Prüfwerkstätten des Konzerns schrauben und tüfteln die Bonner Eaton-Beschäftigten wie eh und je an elektrischen Schaltanlagen.

Die GA-Serie "Industriegeschichte bei uns" stellt in lockerer Folge vor, wie sich Unternehmen und Standorte entwickelt haben.