Fast jeder zehnte Milchbauer in NRW gibt auf

Druck durch den Handel lässt die Erzeugerpreise weiter sinken - Landwirte erhalten rund 27,7 Cent pro Liter - Bonner Milchkuhhalter fordert Angleichung der EU-Rahmenbedingungen

Bonn/Düsseldorf. 70 Milchkühe und rund 50 Jungtiere stehen bei Landwirt Philip Huttrop auf Gut Marienforst kurz vor der Bad Godesberger Stadtgrenze im Stall. "Langfristig können wir mit diesem Bestand nicht überleben", sagt der Jung-Bauer.

"Wenn es auf Dauer weitergehen soll, müssen wir investieren. 100 Kühe sind das Minimum." Nur so könne der Betrieb bei stetig sinkenden Milchpreisen ein ausreichendes Einkommen erwirtschaften.

Damit geht es Huttrop wie den meisten anderen Bauern in Nordrhein-Westfalen. Einige haben bereits die Konsequenzen gezogen: Die Zahl der Milchkuhhalter sei im vergangenen Jahr um 8,5 Prozent auf 9 348 Landwirte zurückgegangen, teilte die Landesvereinigung der Milchwirtschaft Nordrhein-Westfalen (LV Milch) am Dienstag in Düsseldorf mit.

In Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis waren es nach Angaben der Landwirtschaftskammer bei der letzten Zählung im Jahr 2003 noch 320 Betriebe, 60 weniger als vier Jahre zuvor. "Oft finden die Bauern keinen Nachfolger, der bereit ist, angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage den Hof weiterzuführen", sagte LV-Milch-Geschäftsführer Johannes Spandern am Dienstag.

Durchschnittlich 27,7 Cent haben die Bauern nach Verbandsangaben im vergangenen Jahr für einen Liter Milch von den Molkereien erhalten, 3,3 Prozent weniger als im Vorjahr und "vergleichbar mit dem Niveau aus dem Jahr 1976". Gleichzeitig seien die Kosten in der Milchwirtschaft unter anderem durch die Autobahnmaut und kletternde Energiepreise gestiegen, sagte LV-Milch-Verwaltungsleiter Kristoph Hinze. Die Landwirte hätten im vergangenen Jahr in NRW um 7,2 Prozent weniger verdient.

Im laufenden Jahr wollen die Milchbauern daher einen neuen Anlauf wagen, höhere Preise für ihr Erzeugnis durchzusetzen. Vor allem die Marktmacht der Discounter sorgt nach Ansicht des Verbandes für Druck auf die Molkereien. Die Proteste vor den Firmenzentralen hätten dabei wenig genutzt, so LV-Geschäftsführer Spandern.

Einige Molkereien hätten die Preise der anderen unterboten und damit "den gesamten Markt verschoben". Kunden brauchen jedoch nach Angaben des Verbands keine steigenden Preisen für Milchprodukte zu fürchten. Spandern: "Falls es überhaupt zu höheren Erzeugerpreisen kommt, ist es noch längst nicht klar, ob der Handel sie an den Kunden weitergibt."

Der Bonner Landwirt Huttrop liefert seine rund 1 500 Liter Milch pro Tag an die Milchunion Hocheifel (MUH), eine von zwölf Molkereien in Nordrhein-Westfalen. Ausschlaggebend für seine Wahl sei der Preis gewesen, so der Agrar-Ingenieur, der einen festen Mitarbeiter auf seinem Hof beschäftigt. Der 31-Jährige klagt über eine Ungleichbehandlung der Bauern in der EU durch die Politik. "Die Franzosen zahlen für Agrardiesel deutlich weniger Steuern als deutsche Landwirte." Diese Regelungen sollten angeglichen werden, so der Bonner.

Die befürchtete Konkurrenz durch Milcherzeuger aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten ist jedoch nach Verbandsangaben ausgeblieben. "Der Trend ist eher umgekehrt: Deutsche Molkereien bauen Betriebe in Osteuropa auf", sagte Spandern am Dienstag. Auf den Auslandsmärkten zeichne sich weiteres Wachstum für die Milchwirtschaft ab.

Im Inland setzt die Branche auf einen "Trend zur gesunden Ernährung" und neue Produkte, die den Absatz ankurbeln sollen.

Deren Auswirkung auf die Branchenkonjunktur bleibt jedoch eher fraglich. "Von 200 Neuentwicklungen haben nur zwei bis drei eine langfristige Chance auf dem Markt", schätzt LV-Milch-Verwaltungsleiter Hinze. Was beim Kunden nicht ankomme, sortiere der Einzelhandel sofort aus. 80 Prozent des Umsatzes erziele die Milchwirtschaft in Deutschland mit "Klassikern" wie Erdbeer- und Kirschjoghurt, Kakao oder Frischmilch.

Insgesamt haben die Molkereien in Nordrhein-Westfalen den Angaben zufolge im vergangenen Jahr mit 1,46 Millionen Tonnen Milchprodukten knapp sechs Prozent mehr hergestellt als im Vorjahr. Erstmals seit Jahren hat der Verband wieder einen Anstieg beim Verbrauch von Schulmilch festgestellt. Eine neue Kunden-Generation wollen die Milch-Erzeuger unter anderem mit einer Kampagne im Internet, wo eine "Web-Kuh" für ihre Produkte wirbt, gewinnen.