Netzwerk für Arbeitsplätze

Fairbindet bringt Inklusion Unternehmen nahe

Bonn. Das Regionale Netzwerk fairbindet will Unternehmer über die Chancen bei der Beschäftigung von Schwerbehinderten aufklären. Auch die IHK engagiert sich mit einem Fachberater.

Ali Osman Atak kennt die gängigen Vorurteile. Als Fachberater Inklusion der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg hat er die Gründe, die vermeintlich gegen eine Beschäftigung von Behinderten sprechen, zigfach gehört: „Viele Arbeitgeber denken, schwerbehinderte Mitarbeiter seien unkündbar und ständig krank, sie säßen entweder im Rollstuhl oder seien geistig eingeschränkt“, sagt er.

Dabei sei nichts von dem generell zutreffend. Im Gegenteil: Kündigungen seien nach Anmeldung beim Landschaftsverband Rheinland (LVR) durchaus möglich, Schwerbehinderungen hätten ganz unterschiedliche Ausprägungen wie zum Beispiel überwundene Krebserkrankungen, und behinderte Mitarbeiter seien besonders motiviert und bemüht um geringe Fehlzeiten.

Um Vorurteile auszuräumen und Erfahrungen auszutauschen, hatten die IHK und das Netzwerk Bonn Rhein/Sieg fairbindet am Mittwoch Vertreter von Unternehmen und Institutionen eingeladen. In dem Netzwerk haben sich Kommunen, Organisationen und Unternehmen ganz unterschiedlicher Branchen vom Bad Godesberger Kinopolis bis zum Bornheimer Lebensmittel-Großhandel Baum zusammengeschlossen, um Menschen mit Behinderung den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu ebnen. Auch die Telekom Baskets sind Teil des regionalen Netzwerks.

Interesse der Arbeitgeber wächst

Mehr als 100 Menschen hat fairbindet bereits auf Arbeitsplätze in Unternehmen vermittelt. Das Interesse der Arbeitgeber in der Region wachse, sagt Atak. Er führt das zum einen auf den Fachkräftemangel, zum anderen aber auf eine wachsende ethische Orientierung in der Wirtschaft zurück. Das bestätigt Wolfgang Pütz vom Netzwerk fairbindet: „Soziales Engagement spielt mittlerweile auch eine wichtige Rolle beim so genannten Employer Branding, der Eigendarstellung von Firmen, die sich um Fachkräfte bemühen.“

Pütz verweist auf das mehrstufige System, das den Übergang von Menschen mit Behinderung aus betreuten Werkstätten auf den regulären Arbeitsmarkt erleichtern soll: „Nach einem erfolgreichen Praktikum wechseln die Beschäftigen auf einen so genannten betriebsintegrierten Arbeitsplatz“, so der Experte. Das bedeutet, dass die Menschen zwar bereits in der freien Wirtschaft arbeiten, aber in der Behindertenwerkstatt angestellt bleiben. „So können erst einmal beide Seiten ohne Risiko ausprobieren, ob das Arbeitsverhältnis für sie passt“, erklärt Pütz. Oftmals zeige sich allerdings bei der Arbeit im Betrieb, dass die Schwerbehinderten über mehr Fähigkeiten verfügten, als anfänglich erwartet.

Integrationsprojekte

Das Potenzial dieser Gruppe für den Arbeitsmarkt werde oft unterschätzt, so Pütz. In Nordrhein-Westfalen sei mittlerweile jeder zehnte Einwohner zu unterschiedlichen Graden schwerbehindert. Davon hätten 60 Prozent eine Fachausbildung abgeschlossen.

Als Beispiel für ein gelungenes Integrationsprojekt nannte der Experte das Bad Godesberger Restaurant „Godesburger“, wo Menschen mit und ohne Behinderung seit nunmehr fünf Jahren gemeinsam in Küche und Service arbeiten – und sich gegen die starke Gastronomie-Konkurrenz in der Gegend behaupten können, wie Pütz betont.

Insgesamt stoßen Schwerbehinderte jedoch weiterhin auf große Probleme am deutschen Arbeitsmarkt: Im Jahr 2018 waren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit 157 000 schwerbehinderte Menschen arbeitslos. Die Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen ist den Angaben zufolge zwar von 2017 auf 2018 um vier Prozent gesunken. Der Rückgang bei nicht behinderten Menschen war jedoch mit acht Prozent deutlich höher.