Karriereabbruch als Chance

Eine Bonner Tagung thematisiert den Umgang mit Insolvenz

Ob Handwerker, Manager oder Angestellter: Wer beruflich scheitert, steht zunächst oft allein da.

BONN. Als der Düsseldorfer Schlossermeister Arnd Berlin für seinen Betrieb Insolvenz anmelden musste, da brach für ihn eine Welt zusammen. "Mein Lebenstraum, die Selbstständigkeit, schien beendet. Ich fühlte mich als der absolute Versager", berichtet der Schweißfachmann im Rückblick.

Trotzdem musste er sich der Situation stellen. "Ich musste mich doch um meine verbliebenen Mitarbeiter kümmern." Kunden, die noch Arbeiten bekamen, mussten ebenso versorgt werden. Und das Schlimmste: "Ich musste auch die Gläubiger unterrichten, dass ich den Gang in die Insolvenz angetreten hatte." Der gestandene Mann war am Boden. Arnd Berlin holt tief Luft. "Neu motiviert hat mich dann ein therapeutisches Gespräch, Hilfe zur Selbsthilfe, indem ich mich an meine ursprünglichen Fähigkeiten und Ressourcen erinnert habe." Berlin arbeitet inzwischen als freiberuflicher CAD-Konstrukteur.

Scheitern, das sei ein hässlich bedrohliches Wort der Leistungsgesellschaft, ja ein Tabu, das gleichzeitig die Populärkultur dazu reize, genau darüber zu berichten, schreibt dazu der Wiener Geschichtsprofessor Stefan Zahlmann in seinem Buch "Scheitern und Biographie".

Die Betroffenen mögen wie der Schlossermeister am besten selbst die Fähigkeit zum Sprechen über eigenes Scheitern "jenseits der Selbstverurteilung und einer ins Leere zielenden Klage" entwickeln, rät Zahlmann. Er sieht in Westeuropa angesichts der aktuell zahllosen Abbrüche beruflicher Karrieren schon "eine Kultur des Scheiterns" heranwachsen. Diese Kultur stelle Sprach- und Denkmuster sowie Strategien bereit, Scheitern nicht als Sackgasse, sondern als "selbstverständlichen Bestandteil moderner Biographien" zu verstehen.

An dem Punkt dürften die meisten Betroffenen aber noch lange nicht sein. Gerade die Kirchen müssten Unternehmenskrisen und betriebliche Insolvenzen als Herausforderungen verstehen, meint der Bonner evangelische Landespfarrer Peter Mörbel. "Sie tun sich jedoch schwer mit dem Unternehmertum. Die Kirchen kritisieren schnell und heftig jegliche Gewinnorientierung, sie beschäftigen sich aber kaum mit unternehmerischen Risiken, zu denen auch das des Scheiterns gehört - und das, obwohl sie angesichts zahlreicher eigener Pleiten selber ein Lied davon singen könnten", meint Mörbel.

Betriebliches Scheitern sei letztlich ein Zwilling des Erfolgs, werde jedoch trotz des verbesserten Insolvenzrechts noch immer mit dem Stigma des betrügerischen Bankrotts belegt. "Dadurch geraten auch bislang ehrbare Kaufleute rasant in wirtschaftlich wie psychisch aussichtslose Lagen und sind akut suizidgefährdet", so Mörbel. Was fehle, seien schnelle, kompetente, kostenlose und diskrete Beratungsmöglichkeiten für Eigentümer, Manager und Betriebsangehörige in akuter Notlage, von denen Betroffene wie der Schlossermeister profitieren würden.

Der hat sich inzwischen selbst neu ausgerichtet - und hilft anderen: Im Bundesverband "Menschen in Insolvenz und neue Chancen e. V." moderiert Arnd Berlin in der Region einen Gesprächskreis "Anonyme Insolvenzler". "Die meisten schämen sich ja, so dass selbst Verwandte und gute Freunde nicht über ihre Situation Bescheid wissen", sagt er. Der Austausch helfe. Man gebe sich Tipps, unterstütze sich moralisch. "Wir kommen aus fast allen Gesellschaftsschichten. Wir sind Kleinunternehmer, Mittelständler, Handwerker, Dienstleister." Aber auch Fälle reiner Privatinsolvenz seien in der Gruppe dabei. Vom Studenten bis zum Rentner, alle brauchten Hilfe.

Arnd Berlin, Stefan Zahlmann und Matthias Jung sind drei Referenten der von Peter Mörbel organisierten Tagung "Wenn Angst die Seele frisst... Das Risiko beruflichen Scheiterns als Herausforderung für Einzelne und die Unternehmenskultur", Freitag und Samstag, 27. und 28. September, Evangelische Akademie, Mandelbaumweg 2, Anmeldung: Tel. 0228/95 23 203.