Internationale Konferenz in Bonn

Die Weltvermesser

Bonn. Die Open-Source-Software-Konferenz „Foss4G“ startet am Mittwoch im WCCB. Einer der Organisatoren ist Arnulf Christl. Im Interview spricht er über die tägliche Anwendung von Open-Source-Software und Geoinformationen.

Erstmals treffen sich führende Entwickler von sogenannter Open-Source-Software in Sachen Kartographie und Geographie (GIS) auf der Foss4G-Konferenz im Bonner World Conference Center (WCCB). Was zunächst nach einem reinem Spezialistenthema klingt, hat längst enorme Bedeutung für Unternehmen, die öffentliche Verwaltung und – zum Beispiel durch Apps auf Smartphones – auch für unseren Alltag gewonnen. Dabei beruhen die Entwicklung und Wertschöpfung der Software auf frei ausgetauschten Daten und Informationen. Im Interview mit erklärt Arnulf Christl, Bonner GIS-Berater und Mitorganisator der Konferenz wie das Prinzip „Open Source“ funktioniert.

Was ist das Besondere an freier Open Source Software?

Arnulf Christl: Open Source bedeutet, dass der Quellcode einer Software in der Rohform verändert werden kann. Ähnlich wie Sand und Zement – wenn man Wasser zu einer bestimmten Menge hinzu gibt und aushärten lässt, hat die Mischung bestimmte Eigenschaften. Die Software, die man zum Beispiel von Microsoft kaufen kann, gleicht dem fertigen Beton – ich kann nichts mehr verändern. Bei Open-Source-Software können wir selbst entscheiden, wie viel Sand und Beton wir beimischen. So entstand zum Beispiel das Open-Source-Betriebssystem „Android“, für das kein Mensch etwas bezahlen muss, das trotzdem auf der Hälfte aller Smartphones installiert ist.

Welche Rolle spielt das Internet dabei?

Christl: Der Austausch von Quellcode, also Sand und Zement, kam erst richtig in Schwung nachdem sich das Internet durchgesetzt hat. Bill Gates und Microsoft zum Beispiel hatten die größten Erfolge in der Zeit davor, als der Austausch noch nicht so einfach war. Seine Idee war, Hardware direkt mit der Software auszuliefern – und schon hatte man den Weltmarkt erobert.

Das Betriebssystem Android, Open-Office-Software oder Wikipedia sind wohl schon jedem Internetnutzer begegnet – aber Open-Source-Systeme für Geoinformationen?

Christl: Tatsächlich ist es weltweit ein gigantischer Markt im IT-Bereich. Man muss sich klar machen: Eine Grundlage der Wirtschaftsstruktur in der ganzen entwickelten Welt beruht darauf, dass man gewisses Landeigentum hat, worauf man Steuern erheben kann – dazu muss man eben wissen, wo dieses Land liegt und welche Fläche es umfasst. 80 Prozent aller Informationen hat einen Raumbezug und ist somit für uns relevant. GIS ist also ein riesiges Feld, aber kaum jemand bekommt es mit. Die, die sich darum kümmern, bilden eine relativ kleine Community – vielleicht 50 000 Leute weltweit. 800 bis 1000 kommen jetzt nach Bonn und besuchen unsere Konferenz.

In welchen Bereichen kommen diese Systeme konkret zur Anwendung?

Christl: GIS kommt zum Beispiel in Navigationssystemen zum Einsatz, wenn es also darum geht, die schnellste Verbindung zwischen zwei Punkten zu finden. Die Stadt Bonn benutzt ein geografisches Informationssystem, um ihr Grünflächenkataster zu verwalten. Der Traktorenhersteller John Deere setzt zum Beispiel GIS ein, um die genaue Menge Dünger steuern zu können, die auf einem bestimmten Bereich eines Feldes ausgebracht werden muss.

Wie kommen die Open-Source-Entwickler an die nötigen Daten?

Christl: Da ist zum einen das Projekt Open Street Map zu nennen. Das funktioniert ähnlich wie Wikipedia. Als das Online Lexikon an den Start ging, haben alle gesagt „das funktioniert niemals“. Inzwischen haben alle großen Lexika-Hersteller eingepackt. Open Street Map (www.openstreetmap.org, Anm. d Red.) hat heute fast drei Millionen Mitglieder, die mit GPS-Geräten weltweit die Gegend kartieren oder von Luftbildern abzeichnen. Eine andere Quelle sind Datenhersteller wie Behörden, die zum Teil ihre Daten frei herausgeben, zum Teil aber auch nicht. Die Stadt Bonn ist zusammen mit anderen Städten hierbei ein Vorreiter, die solche Daten eben auch bereitstellen.

Google hat das Prinzip perfektioniert, behält die gesammelten Daten aber für sich – regt Sie das auf?

Christl: Google würde ohne Open Source nicht existieren. Alle, die auf ihrem Handy Google benutzen, liefern Daten – etwa wo sie sich aufhalten. Das fließt dann in die Navigationssoftware ein. Google betrachtet Daten als Rohstoff und setzt diesen Rohstoff in Wert. Woher der Rohstoff kommt, ist dem Unternehmen egal. Dass wir die Daten von Google nicht nutzen dürfen, liegt normalerweise daran, dass der Datenersteller – zum Beispiel das Land Frankreich – Google sagt, gebt die Daten nicht weiter, denn wir wollen sie noch einmal verkaufen.

Lässt sich denn mit frei verfügbaren Rohstoffen Geld verdienen?

Christl: Ja, gerade Bonn ist in dem Bereich ein echter Hotspot mit relativ vielen Firmen, die in diesem Bereich unternehmerisch unterwegs sind und Open Source basierte Software-Lösungen anbieten. Das hat auch mit der Universität zu tun, die sich relativ schnell dem Trend in der Lehre angepasst hat. Die Kommerzialisierung ist in den letzten Jahren in diesem Bereich stark fortgeschritten. Es ist heute viel einfacher, jemanden zu finden, der einem die passende Software zusammenbaut als noch vor einigen Jahren. Dennoch gilt weiterhin, dass alles offen ist, dass heißt: jeder kann da mitmachen.

Sie verabschieden sich vom geistigen Eigentum?

Christl: Ich glaube nicht, dass so etwas wie geistiges Eigentum in Zukunft Bestand haben wird. Alles, was wir entwickelt haben, beruht darauf, dass wir in unserer Kultur seit ein paar Jahrtausenden Wissen weitergegeben haben. Wenn ich meine Software weitergebe, vermehrt sie sich dadurch und damit ihr positiver Effekt. Das passt nicht in unser Wirtschaftssystem, wo der Preis für ein Produkt nur dann steigt, wenn die Verfügbarkeit knapp wird. Bei Open Source wird man nur dafür bezahlt, was man tatsächlich macht. Die eine tolle Erfindung 60 Millionen mal verkaufen, wie es Bill Gates gemacht hat – das funktioniert nicht.

Wie ist denn dabei ein wirtschaftlicher Wettbewerb möglich?

Christl: Gerade weil der Quellcode offen ist, muss man die besten Software liefern, denn die Konkurrenz kann sich den Code jederzeit schnappen und die Software verbessern. Das ist der Grund warum der Bereich unter großem Wettbewerbszwang steht und die Branche so stark wächst. Dennoch wird der Beruf des Softwareentwicklers niemals so verbreitet werden wie der Schreinerberuf. Ich brauche viele Schreiner, um überall eine Haustür einzubauen, aber ich benötige eigentlich nur eine einzige Person, die Software entwickelt, um Haustüren zu designen.