Crowdfunding

Die Masse macht's - Wie Firmengründer und Künstler im Internet Geld sammeln

BONN. Sie sind jung und brauchen das Geld. So geht es zumindest den meisten, die im Internet über Crowdfunding ihre Projekte finanzieren. Immer mehr Unternehmensgründer, Künstler und Idealisten versuchen, bei Privatleuten Startkapital einzusammeln. Rund zwei Millionen Euro wechselten im ersten Halbjahr 2013 auf diesem Weg den Besitzer.

Immerhin rund 50 Prozent mehr als im vorhergehenden Halbjahr, wie das Internetportal Fuer-Gruender.de ausgerechnet hat. Das Prinzip ist einfach: Auf einem Crowdfunding-Portal wie dem Deutschland-Marktführer "Startnext.de" stellen die Projektgründer sich und ihr Vorhaben vor. Wer ihnen Geld zu Verfügung stellen will, kann dies online tun.

Erst wenn die veranschlagte Gesamtsumme erreicht ist, wird das Geld ausgezahlt. Kommt die Finanzierung nicht zustande, erhalten die Geldgeber ihre Beiträge zurück. Die "Investoren" erhalten je nach Vereinbarung eine Gegenleistung - die reicht vom symbolischen "Dankeschön-Geschenk" bis zum fertigen Produkt etwa einem Film oder einem Musik-Album.

Wer das "social business" des Bonners Tobias Gerhard mit 59 Euro unterstützt, erhält im Erfolgsfall eine Laptop-Hülle aus Wollfilz und Leder - handgearbeitet in Kirgisien. Vor Ort in der Hauptstadt Bischkek hat der 27-Jährige die Produktion vorbereitet, seit August läuft die Finanzierung seines Unternehmens "Kancha".

Bisher hat der Jungunternehmer knapp 4000 Euro eingesammelt, 15.000 Euro braucht er, um die Produktion ans Laufen zu bekommen. Das gute Gewissen ist im Preis inbegriffen: "Angesichts der schlechten Arbeitsbedingungen in der weltweiten Textilindustrie wollen wir in Kirgisien einen Gegenentwurf ausprobieren", sagt der Bonner. "Wir wollen die Arbeiter gerecht bezahlen und Umweltverschmutzung vermeiden." Die Abhängigkeit der kirgisischen Wirtschaft von Entwicklungshilfe solle sinken.

Reich werde er durch die Gründung wohl nicht, räumt Gerhard ein. Derzeit lebt er von seinen Ersparnissen und hofft, in Kirgisien künftig mit einem Teilzeit-Job sein Projekt mitfinanzieren zu können. Bei der Realisierung ist er nicht nur auf die Geldgeber aus dem Netz angewiesen. Produktdesign und die professionelle Homepage haben Freunde zu "Kancha" beigetragen.

Rund zwei Drittel der Projekte, die sich über Crowdfunding finanzieren haben nach Angaben von René Klein von "fuer-gruender.de" einen wirtschaftlichen Hintergrund. Das andere Drittel sind eine Art Spendensammlungen für soziale Zwecke oder künstlerischer Arbeiten. Im Schnitt werde jedes Projekt mit 3000 bis 4000 Euro finanziert, so der Experte. "Das sind Summen, die keine Bank als Gründungsdarlehen interessieren, und Konsumentenkredite sind oft deutlich teurer", sagt der Experte.

Auch wenn der Markt in Deutschland wächst: Klein schätzt, dass bei zehn Millionen Euro im Jahr die Höchstgrenze für Crowdfunding erreicht sei. Für das laufende Jahr rechnet er mit bis zu sechs Millionen Euro. Ganz anders in den USA. Hier wurden nach der Studie des amerikanischen Marktforschungsinstituts Massolution im vergangenen Jahr umgerechnet 1,2 Milliarden Euro von der "crowd", also der Masse, aufgebracht.

Schließlich hat privates Sponsoring in Amerika Tradition: Zu den berühmtesten von der "Masse" finanzierten Projekten - lange vor dem Internet-Zeitalter - gehört schließlich die Freiheitsstatue. Als der Bau aus Geldnöten ins Stocken geriet, startete im Jahr 1882 eine riesige Spendensammlung, mit der das Wahrzeichen der Vereinigten Staaten fertiggestellt wurde.

Vor wenigen Tagen meldete der US-Regisseur Spike Lee, er habe auf dem Crowdfunding-Portal "Kickstarter" in knapp einem Monat bereits umgerechnet rund eine Million Dollar für sein neues Filmprojekt eingesammelt. Die Geldgeber sollen je nach Höhe der Beteiligung mit Kino-Eintrittskarten oder Statistenrollen im Film belohnt werden. Weltweit beziffern die Marktforscher den Umsatz durch Crowdfunding auf umgerechnet zwei Milliarden Euro.

Auch unter den deutschen Crowdfunding-Projekten tummeln sich viele Künstler. Für Musiker will etwa die Internetseite "sellaband.de" eine Plattform bieten. Der Bad Honnefer Musiker Maximilian Derkum hat die Sponsorensuche im Netz ausprobiert. "Ein großartiges System für Künstler", findet der Gitarrist und Produzent. "Wer als Hobbyband heute den Sprung in die Professionalität schaffen will, bekommt von den Plattenfirmen kaum noch finanzielle Unterstützung", sagt er.

Bis zu 10.000 Euro kosteten Profi-Aufnahmen und vielleicht auch ein Musikvideo, die den Grundstein für den Durchbruch einer Band bilden können. Dass eine von ihm betreute Hip-Hop-Combo auf dem Weg zum von der Internet-Masse finanzierten Ruhm gescheitert ist, schmälert Derkums Überzeugung von der Idee nicht. "Das lag nicht am Crowdfundig", sagt er. Die Musiker seien zwischendurch abgesprungen.

Summen wie die Kosten für eine Musikproduktion gelten bei der "großen Schwester" des Crowdfunding, dem sogenannten Crowdinvesting, als Kleingeld. Bei dieser Variante der Unternehmensbeteiligung steigen Privatinvestoren zum Teil mit mehreren 100.000 Euro bei Neugründungen ein.

Auch für diese Sparte gibt es eigene Plattformen wie "seedmatch.de". Für Branchenkenner René Klein ist das ein Wachstumsmarkt, allerdings nur für Investoren, die auch einen höheren Verlust verkraften können. "Alle die hier ihr Geld in ein Unternehmen stecken, sollten wissen, worauf sie sich einlassen", sagt Klein.