Online-Handel gewinnt Anteile

Deutlich weniger Geschäfte in den Innenstädten

Köln. Der stationäre Einzelhandel verliert, während Einkäufe im Internet zunehmen. Eine Studie geht davon aus, dass in NRW bis 2030 schlimmstenfalls 25.000 Läden verschwinden.

Der wachsende Onlinehandel drängt den stationären Einzelhandel in den kommenden Jahren weiter zurück. Die Frage ist nur, in welchem Umfang die klassischen Geschäfte in den Innenstädten und Ortszentren wegbrechen. Das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) geht davon aus, dass bis 2030 in Nordrhein-Westfalen insgesamt 13.000 bis 20.000 Betriebe verschwinden, im schlimmsten Fall sogar bis zu 25.000. Derzeit gibt es in NRW 108.000 Geschäfte, der Trend ist bereits seit Jahren rückläufig.

Das ist das Ergebnis einer Studie, die das IFH im Auftrag des NRW-Wirtschaftsministeriums erarbeitet hat. Zusammen mit Minister Andreas Pinkwart stellte das IFH die Untersuchung am Donnerstag beim eCommerce-Tag in Köln vor. Zugleich präsentierten sie den Digitalisierungsatlas Handel, der Geschäftsbetreibern Anregungen und Hilfestellung geben soll, damit sie beim Strukturwandel nicht auf der Strecke bleiben. Dieser werde vor allem von der Digitalisierung bestimmt, sagte Pinkwart.

„Wir gehen von einem immer brutaler werdenden Wettbewerb aus“, sagte IFH-Geschäftsführer Boris Hedde mit Blick auf Standorte, Vertriebskanäle und technologischen Fortschritt. „Die Frage ist, mit welcher Geschwindigkeit sich der Wandel vollzieht.“ Dazu hat das IFH vier verschiedene Szenarien entworfen, in denen die Folgen für den stationären Handel untersucht wurden. Ein entscheidender Punkt bei allen Modellen ist das zukünftige Wachstum der Städte, das sich auf die Bevölkerungsstruktur und letztlich das Kaufverhalten auswirkt. Je urbaner die Bevölkerung, desto größer die Rolle digitaler Angebote im Alltag, so die Annahme des IFH. Der moderne Stadtmensch lebt im Smart Home, arbeitet daheim, nutzt Carsharing und kauft fast nur noch im Internet ein. Wenn diese Trends voll durchschlagen sollten, prognostizieren die Gutachter bis 2030 einen Verlust von 25.000 Geschäften in NRW. Verlierer wären dabei vor allem ländliche Gebiete.

Alles muss sich um den Kunden drehen

Hedde geht aber davon aus, dass die Entwicklung etwas moderater ausfällt und „nur“ 13.000 bis 20.000 Geschäfte aufgegeben werden. Unabhängig von der Höhe der Prognosen müssten Händler und Kommunen „schnell auf unterschiedlichen Ebenen aktiv werden“, so der Experte: Früher sei die Lage das Nonplusultra gewesen, heute müsse sich alles um den Kunden drehen. Die Geschäfte müssten sich auf Kernkompetenzen besinnen, zugleich müsse das Einkaufen mehr zu einem Erlebnis werden.

„Der Handel dient nicht mehr nur der Versorgung, sondern zunehmend auch der Freizeitgestaltung“, erklärte Frank Rehme, der das Projekt „Future City“ in Langenfeld vorstellte. Für die Geschäftswelt sei deshalb auch das städtische Umfeld wichtig. So wird in der 60.000-Einwohner-Stadt zwischen Köln und Düsseldorf erprobt, wie Handel und Lebensqualität im digitalen Zeitalter miteinander verbunden werden können. Zu den Projekten gehören etwa interaktive Schaufenster-Displays und ein bargeldloses Parksystem, das mit Bonuspunkten beim Einkauf verbunden ist.

Stationärer Handel muss online präsent sein

Die Studie unterstreicht, dass der stationäre Handel auch online präsent sein muss – etwa mit Blick auf die Auffindbarkeit in Suchmaschinen, soziale Netzwerke oder Onlineshops. Mittelfristig seien das aber nur „Basisanforderungen“, resümiert die Studie des IFH. „Es wird darum gehen, wie man Daten online und offline generiert und im Sinne einer konsequenten Kundenzentrierung auch unter Einsatz Künstlicher Intelligenz nutzbar macht.“ Heißt: Der Händler liefert dem Kunden individuelle, maßgeschneiderte Angebote.

„Es gibt keinen Grund zur Schwarzmalerei, aber viele Gründe zum Handeln“, sagte Minister Pinkwart. Das Land unterstütze die Branche bei ihrem Transformationsprozess, etwa indem es innovative Ideen fördere. Zugleich will der Minister aber auch den zukunftsträchtigen Onlinehandel in NRW stärken. Der Anteil der nordrhein-westfälischen Versand- und Internethändler am Gesamtumsatz in Deutschland beträgt laut IFH bislang zehn Prozent. Im Lebensmitteleinzelhandel und bei Kauf- und Warenhäusern sind es 42 Prozent. Hedde: „Das ist ein gutes Fundament für die weitere Entwicklung.“

Studie und Digitalisierungsatlas sind abrufbar unter www.wirtschaft.nrw/ecommerce