Interview mit Ulrich Voigt

Das sagt der neue Sparkassen-Chef zur Zukunft

Ulrich Voigt ist neuer Vorstandschef der Sparkasse KölnBonn.

Ulrich Voigt ist neuer Vorstandschef der Sparkasse KölnBonn.

Bonn. Anfang Mai wurde Ulrich Voigt Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Köln-Bonn. Ein Gespräch über Filialen, die Digitalisierung in der Bankenbranche, das Thema Ausbildung und die Sparkassen-Tochter Pro Bonnum, deren Tage wohl gezählt sind.

Er ist neu im Amt und doch ein alter Bekannter. Ulrich Voigt ist seit Anfang Mai Vorstandsvorsitzender der Sparkasse KölnBonn, die ihren Hauptsitz in Köln hat. Schon über längere Zeit hatte er diese Aufgabe kommissarisch ausgeübt – zuletzt durch die Erkrankung seines Vorgängers Rüdiger Linnebank.

Ist der Posten des Vorstands-Chef der Sparkasse Köln-Bonn Ihr Traumjob?

Ulrich Voigt: Ja, schon! Es ist nicht so, dass ich konsequent darauf hingearbeitet hätte, als ich meine Lehre bei der Stadtsparkasse Köln begonnen habe. Ich habe ursprünglich gesagt, wenn du mal Abteilungsleiter bist, dann hast du es geschafft. Das war ich dann schon mit 33 und dann versucht man doch weiterzukommen.

Macht der Job Spaß in Zeiten von Niedrigzins, neuen Konkurrenten im Internet, Ertragsdruck und dem Zwang, in neue Techniken und Digitalisierung zu investieren?

Voigt: Wer gerne mit Menschen arbeitet, der hat bei der Sparkasse Spaß. Wir wollen den Kunden Finanzdienstleistungen zur Verfügung stellen, und wollen sie vernünftig beraten. Und das in Situationen, die für die Kunden vielleicht sogar lebensverändernd sind. So kauft man eine Immobilie im Zweifel nur einmal im Leben. Wir arbeiten bei der Sparkasse auch nicht für den nächsten Quartalsgewinn, sondern haben einen gesellschaftlichen Auftrag und sind in der Region vernetzt.

Wie wichtig wird die Präsenz vor Ort in Zukunft sein?

Voigt: Das ist sehr, sehr wichtig. Wir werden immer die Präsenz halten, die erforderlich ist, damit wir fühlbar sind und für den Kunden zur Verfügung stehen. In welcher Ausprägung, das wird sich entwickeln.

Planen Sie derzeit Filialschließungen?

Voigt: Wir schauen uns immer unser Geschäftsstellennetz an. Wir denken in erster Linie aber darüber nach, ob die Filiale, die wir seit 150 Jahren kennen, noch das richtige Format ist. Wir wollen innerhalb der nächsten zwölf Monate in einer Filiale etwas Neues ausprobieren und sehen, ob das sowohl den Nerv der Kundinnen und Kunden, als auch der Zeit trifft. Vorstellbar sind etwa separate Beratungsräume, die der Kunde mit seiner Sparkassen-Karte öffnen kann. Hier kann er per Knopfdruck unsere neue Direktfiliale zuschalten und sich beraten lassen.

Das könnte der Kunde auch von zu Hause…

Voigt: Ja, der Kunde möchte seine Angelegenheit aber vielleicht in der Mittagspause erledigen. Das ist eine Idee, mit der wir uns beschäftigen, ob das so kommt, ist noch offen.

Wird die klassische Beratung von Ihren Kunden noch nachgefragt oder regeln die nach Vergleichen im Internet ihre Geldanlagen schon selbst?

Voigt: Es gibt die Selbstentscheider. Es gibt aber auch die Kunden, die sich ein YouTube-Video angesehen haben und bei wichtigen Entscheidungen wie der Altersvorsorge oder der Immobilienfinanzierung dennoch eine persönliche Beratung wünschen oder Fragen stellen wollen, die in dem Video nicht beantwortet werden. Diese Kundengruppe ist stark, und die wollen wir weiter bedienen.

Wie wird Ihre Direktfiliale, in der Berater per Telefon, Mail, SMS- oder Video-Chat mit den Kunden in Kontakt treten, angenommen?

Voigt: Sehr gut. Ich bin überzeugt, dass das einer der ganz wesentlichen Kanäle für die Zukunft ist. Wir haben das Telefon inzwischen ständig dabei, und die Kunden schätzen, dass sie schnell anrufen können, wenn sie Bedarf haben.

Wie viele Mitarbeiter arbeiten derzeit dort?

Voigt: Im Moment sind das 25. In den nächsten ein bis zwei Jahren soll ihre Zahl auf 100 steigen.

Sie planen eine ähnliche Filiale für Geschäftskunden…

Voigt: Ja, der Arbeitstitel ist Business-Center. Das startet am 1. Oktober mit einem Standort in Köln und in Bonn. Wir können hier auch etwas ganz Neues ausprobieren und überlegen etwa, ob wir Sprach Chatbots einsetzen, die einfache Kundenfragen beantworten. Ich glaube, dass das eine Zukunftstechnologie ist, auch wenn Chatbots für uns ein langfristiges Projekt sind.

Was ist für Sie die spannendste neue Entwicklung im Bereich Digitalisierung?

Voigt: Die spannendste Entwicklung ist die Künstliche Intelligenz. Die wird zu ganz neuen Entwicklungen und Anwendungen führen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Digitalisierung, so haben Sie einmal formuliert, ist für Sie eine Chance für mehr Kundenähe?

Voigt: Definitiv. Smartphones haben die Kunden immer dabei. Und darauf haben sie oft die Sparkassen-App. So nah waren wir dem Kunden noch nie. Nähe ist freilich auch emotionale Nähe. Wir müssen zur Verfügung stehen, wenn der Kunde uns braucht. Beispielsweise wenn er im Ausland alle Karten verloren hat, ruft er bei unserer Direktfiliale an. Die kümmert sich dann darum.

Wo positionieren Sie die Sparkasse zwischen Direktbanken, Volksbanken, privaten Geschäftsbanken und Onlinebanken?

Voigt: Wir positionieren uns als Universalbank und stellen alle Dienstleistungen zur Verfügung. Wir bieten auch jeden Zugangskanal an und vernetzen diese Kanäle. Ziel ist, dass zum Beispiel ein Kunde auf unserer Internetseite damit beginnt, einen Darlehensantrag auszufüllen. Falls er oder sie dann weitere Erläuterungen benötigt oder Fragen hat, besteht die Möglichkeit, in der Direktfiliale oder Geschäftsstelle alles Offene zu klären und den Kredit unkompliziert abzuschließen.

Es wird immer mal wieder gemunkelt, die Sparkassen-Gruppe könnte für die besonders preissensitiven Kunden eine eigene nationale Direktbank aufsetzen. Was halten Sie davon?

Voigt: Die Diskussion gibt es schon 20 Jahre. So wie die Sparkassen heute organisiert sind, hilft eine nationale Direktbank nicht weiter. Ich bin persönlich auch davon überzeugt, dass wir als Sparkasse KölnBonn ein ausreichend gutes Angebot auf die Beine stellen können, das das nicht nötig macht.

Wie sehen Sie das Fusionsgeschehen im Sparkassenlager? Müssen Sie da eventuell selbst auch nochmal aktiv werden?

Voigt: Es wird weitere Fusionen geben. Allein der Aufwand für die Regulierung erfordert bestimmte Betriebsgrößen, um das zu bewältigen. Druck auf die Institute gibt es auch bei andauernden Niedrigzinsen und dem entsprechenden Druck auf die Erträge. Die Sparkasse Köln-Bonn ist stark und groß genug, um allein zu bleiben.

Sie heben aber auch nicht begeistert die Hand, wenn ein Institut einen Partner sucht angesichts Ihrer Größe? Wenn Sie stark wachsen, kommen Sie unter die Aufsicht der EZB.

Voigt: Eine Fusion wäre schon eine Herausforderung, weil unterschiedliche Firmenkulturen zusammengeführt werden müssen. Bei Sparkassen besteht auch immer das Risiko, dass die regionale Identität ein Stückweit verloren geht. Nach der Fusion der Institute von Köln und Bonn haben beide Städte anfangs empfunden, dass die Sparkasse in ihrer Stadt nicht mehr so präsent war. Gleichzeitig müssten wir uns bei einer Fusion möglicherweise auf eine neue Aufsicht durch die EZB einstellen. Das wäre dann noch eine zusätzliche Herausforderung.

Die Bilanzsumme 2018 ist nicht wie geplant kleiner geworden.

Voigt: Wenn wir uns auf dem derzeitigen Niveau von 26 oder 27 Milliarden Euro einpendeln, ist das für die nächsten Jahre gut. Dann bleiben wir mit großer Wahrscheinlichkeit im deutschen Aufsichtssystem, das wir kennen. Wir wollen aber weiter am Wachstum der Region teilnehmen. Dazu können wir noch Randgeschäfte oder Geschäfte, die nicht so profitabel sind, aus der Bilanz herausnehmen oder Liquidität abbauen.

Sie haben in Bonn die Immobilientochter Pro Bonnum. Was wird daraus?

Voigt: Die Pro Bonnum war 2000 gegründet worden, um in der schwierigen Phase des Regierungsumzugs in Bonn das ein oder andere Projekt zu realisieren. Jetzt sind wir in einer anderen Situation. Bonn ist eine boomende Stadt. Und die Bauträger unter unseren Kunden reißen sich darum, Immobilien zu bekommen, um darauf Wohnungen zu bauen. Da werden auch Preise bezahlt, die wir nicht bezahlen wollen. So haben wir in Bonn schon seit zehn Jahren kein eigenes Projekt mehr realisiert und im Umland seit drei Jahren nicht mehr. In dieser Situation haben wir überlegt, ob wir die Dienstleistung, wie sie Pro Bonnum zur Verfügung gestellt hat, weiter anbieten müssen, zumal wir nicht in Konkurrenz zu unseren Kunden treten wollen. Zusätzlich will sich die Stadt Bonn ebenfalls mit Immobilien beschäftigen, Stichwort: Gründung der Stadtentwicklungsgesellschaft. Das wollen wir uns gerne ansehen, weil sich die Sparkasse im Interesse der Stadt Bonn und der Region einbringen kann. Deshalb gibt es die Pro Bonnum noch. Projekte, die Pro Bonnum zuletzt gemacht hat, hätten wir übrigens auch aus der Sparkasse heraus machen können. Die Ingenieure dafür haben wir im Haus. Wir haben auch in Köln keine Projektentwicklungsgesellschaft mehr. Wenn es aber städtebauliche Themen gibt, wären wir dabei, in Bonn und Köln, hier etwa im Deutzer Hafen. In Köln sind wir mit neun Prozent an "Modernes Köln" beteiligt.

Zum Bereich Fördern gehören auch die Stiftungen der Sparkassen. Planen Sie hier einen Neuzuschnitt?

Voigt: In Bonn fühlen wir uns mit den Schwerpunkten internationale Zusammenarbeit, Jugend, Beethoven, Macke sehr wohl.

Die Sparkasse hat 2018 Kosten gesenkt und den Gewinn gesteigert. Gelingt das weiter in Zeiten des Niedrigzinses?

Voigt: Wir wollen uns entwickeln und investieren. Dazu müssen wir die Erträge steigern. Gelegenheiten, Sach- und Personalkosten zu reduzieren, nutzen wir natürlich. Ich bin zuversichtlich, dass wir das gut ausbalanciert bekommen. Ich erwarte keine Sprünge in der Profitabilität, bin aber überzeugt, dass wir die laufend verbessern können.

Gelingt ein Personalabbau über die Fluktuation?

Voigt: Wir betreiben einen Personalumbau. Im Moment stellen wir ein, weil wir auch neue Qualifikationen brauchen etwa im Bereich Internet. Wir stellen auch mehr Auszubildende ein. Die Fluktuation nutzen wir, um den Umbau zu organisieren. So arbeitet die Industrie schon seit mehr als 30 Jahren, die Bankenwelt seit zehn Jahren.

Stichwort Ausbildung. Ist der Beruf der Bankkauffrau, des Bankkaufmanns noch so gefragt wie früher?

Voigt: Er ist gefragt und attraktiv, aber nicht mehr so wie zu dem Zeitpunkt, als ich die Lehre gemacht habe. Das liegt daran, dass die Jahrgänge kleiner sind als in der Zeit der Babyboomer und daran, dass es jetzt viele neue attraktive Berufe gibt. Aber auch wir entwickeln uns weiter und treten in eine neue Welt ein. Da ist es spannend, dabei zu sein. Auch lernt man bei uns kaufmännisches Rüstzeug in einer Breite, die man in keinem anderen Ausbildungsberuf hinbekommt.

Fällt es auch Ihrem Institut schwerer als früher, gute Auszubildende zu bekommen?

Voigt: Das ist so. Auch haben wir relativ viele junge Menschen, die nach der Ausbildung studieren wollen. Das ist uns gar nicht unlieb, wenn sie nach dem Studium zu uns zurückkommen. Wir brauchen schließlich mehr Hochschulabsolventen als in früheren Jahren. Wir haben auch Förderprogramme, mit denen wir gute Auszubildende bei einem anschließenden Studium unterstützen.

Verändern die neuen Zugangskanäle die Ausbildung?

Voigt: Die Ausbildung der IHK wird dadurch noch nicht verändert. In unserem eigenen Ausbildungsbereich beschäftigen wir uns intensiv mit der Digitalisierung. Wir machen auch viel Weiterbildung in unserem Haus auf dem Feld. Wir verändern uns, da müssen wir auch den Kolleginnen und Kollegen klar machen, dass sie sich permanent weiterentwickeln und verändern müssen. Sie müssen in sich selbst investieren, um die Veränderungen mitgehen zu können.

Ist Herr Linnebank wieder im Dienst?

Voigt: Nein. Wir haben keine neuen Informationen und warten ab, wie sich sein Gesundheitszustand entwickelt.