Interview mit DHL-Paketchef

Darum stellt die Deutsche Post Online-Marktplätze ein

Bonn. Die Post konzentriert sich auf ihr Kerngeschäft und stellt eigene Aktivitäten mit Onlineshops ein. Neben Bonn ist auch ein bundesweites Portal betroffen. DHL-Paketchef Achim Dünnwald spricht im Interview über die Gründe.

Es war ein vielversprechendes Projekt, vor allem für den Bonner Einzelhandel: Unter Federführung der Deutschen Post DHL können seit vergangenem Jahr Bonner Händler ihre Waren auf einer Onlineplattform anbieten, verkaufen und von DHL zum Kunden transportieren lassen. Zum Jahresende stellt der Bonner Logistikriese das Projekt Allyouneed City ein. Über die Gründe sprach Florian Ludwig mit dem DHL-Paketchef Deutschland & Europa, Achim Dünnwald.

Mit viel Aufwand hat die Post in Bonn Allyouneed City gestartet. Zum Jahresende soll nun Schluss sein. Warum?

Dünnwald: Mit Allyouneed City in Bonn haben wir ein Pilotprojekt gestartet – und es war immer klar, dass wir nach einiger Zeit bewerten, wie wir damit weitermachen. Wir haben uns jetzt entschlossen, das Projekt zum Ende des Jahres zu beenden. Das gilt übrigens auch für den bundesweiten Marktplatz allyouneed.com.

Sie schließen die bundesweite Plattform und den hiesigen Ableger, Bonn war also nicht zu klein, um sich zu rechnen?

Dünnwald: Es war für uns eine Variante des großen Marktplatzes, den die Post schon seit 2010 betreibt. Als Logistiker sind wir letztlich ausschließlich an der logistischen Wertschöpfung interessiert. In Bonn haben wir aber die gesamte Kette angeboten. Vom „Schaufenster“ im Internet über die Versandvorbereitung in den Läden bis zur Auslieferung in allen Varianten. Das hat so noch keiner vor uns gemacht – und nach neun Monaten können wir auch sagen, das Thema ist gut angenommen worden. 167 Händler in Bonn, darunter alles was Rang und Namen hat, machten zuletzt mit. Wir sind zufrieden mit der bisherigen Entwicklung. Es steht ein technisch funktionierendes System dahinter, die Händler haben mitgemacht und von der Kundschaft ist es auch angenommen worden.

Das klingt nach einem erfolgreichen Pilotprojekt. Warum dann jetzt das Aus?

Dünnwald: Es gibt eine große Hürde, die wir ehrlicherweise auch bei allyouneed.com haben. Sie brauchen viele Transaktionen in diesem Geschäft und dafür müssen Sie viel Werbung machen. Einerseits bei den Händlern, um Anbieter präsentieren zu können. Aber vor allem in der Breite bei den Kunden, bis eine kritische Masse erreicht ist. Unter dem Strich sind wir als Logistiker dafür nicht der beste Anbieter im Markt. Deshalb haben wir gesagt, jetzt ist die richtige Zeit, sich auf unser eigentliches Geschäft, die Logistik, zu konzentrieren und das Angebot zu beenden. Wir haben alle Erfahrungen gesammelt, die wir benötigen, wenn wir zukünftig für solche Kooperationen zwischen Einzelhandel und E-Commerce logistische Lösungen anbieten sollen.

Die Post verabschiedet sich also endgültig als Plattformanbieter?

Dünnwald: Wir werden solche Angebote künftig nur noch zusammen mit Partnern – die wir auch suchen – machen. Der Partner kümmert sich dann vollständig um den Onlinemarktplatz, während wir die Logistik machen. Das gilt für das Bonner Projekt, aber auch für den größeren Marktplatz allyouneed.com.

Können die Bonner Händler also auf jemanden hoffen, der Allyouneed City übernimmt?

Dünnwald: Derzeit können wir keinen Partner nennen, der das Modell in Bonn weiterführen würde.

Schwer zu glauben, dass die Post zwei Portale abschaltet, die erfolgreich arbeiten. Reichte die Kundennachfrage in Bonn nicht aus?

Dünnwald: Die Kundennachfrage war ordentlich. Wir haben in Bonn viele hundert Sendungen generiert. Natürlich hätten es auch Tausende sein dürfen, aber das Geschäft lief ordentlich. Auch übrigens ohne Anbindung an den Onlinemarktplatz. Es war ja auch möglich, den Einkauf beispielsweise aus dem Kaufhaus heraus nach Hause schicken zu lassen, quasi eine verlängerte Ladentheke. Aber die Skalierung des Marktplatzes in großem Stil und in andere Städte, mit dem Aufwand an Werbung dahinter, ist nicht das, wofür wir in Zukunft unser Geld ausgeben wollen. Wir sehen uns nicht mehr als den besten Betreiber für den Marktplatz. Dennoch setzen wir weiter uneingeschränkt auf Local Commerce, aber eben nicht als Betreiber eines Shops, sondern als Logistiker.

Also darf auch der stationäre Einzelhandel in Bonn und anderswo an den eigenen Erfolg im Onlinehandel glauben?

Dünnwald: E-Commerce ist ein Megatrend, der unumkehrbar ist. Insofern ist er für den stationären Einzelhändler schlicht alternativlos. Das sehen Sie schon an Wachstumsraten von 15 Prozent im Onlinehandel, während der stationäre Handel um gerade mal ein Prozent zulegt. Der Wechsel von stationärem Handel zu Onlinehandel wird sich in der vorhersehbaren Zukunft, sicher in den nächsten fünf bis zehn Jahren, unvermindert fortsetzen. Ein Händler muss die Chancen, die darin liegen, auch nutzen. Und dass 167 Händler in Bonn mitgemacht haben, ist vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass das verstanden wird. Im Übrigen betreiben viele Händler ja bereits Onlineshops, unabhängig von Allyouneed City.

Waren die Preise im Vergleich zu mächtigen Konkurrenten wie Amazon zu hoch?

Dünnwald: Wir haben auf dem Marktplatz die Preise so widergespiegelt, wie der Händler sie eingegeben hat. Es ist natürlich so, dass ein stationärer Händler eine andere Kostenstruktur hat, als ein Onlinehändler wie Amazon. Was große Online-Plattformen verkaufen, haben die hundertfach, tausendfach auf Lager. Da rechnet der stationäre Handel anders. Der Mehrwert im lokalen Handel ist die Nähe zum Kunden. Der kennt die Produkte aus den Läden, bestellt dann online, was er kennt – und kann es noch am selben Tag geliefert bekommen.

Und DHL stellt die eigenen Angebote nicht deshalb ein, weil der DHL-Großkunde Amazon von den Onlinemarktplätzen nicht begeistert war?

Dünnwald: Nein. Alles was den E-Commerce größer macht, ist gut für alle Anbieter. Denn davon würde jeder Marktteilnehmer profitieren. Mit unseren großen Kunden haben wir dazu auch überhaupt nicht gesprochen, die Größenordnung ist auch eine ganz andere.

Die Deutsche Post DHL hat in ihrer Kernsparte, in der auch Sie tätig sind, derzeit massive Probleme. Der Post-, E-Commerce- und Paketbereich produzierte jüngst sogar eine Gewinnwarnung. Und das alles vor dem Hintergrund eines boomenden Onlinehandels. Was ist da los?

Dünnwald: Wir kommen im Paketbereich an eine Kapazitätsgrenze, und da steigt auch der Bedarf an Personal und Transportkapazitäten. Wir arbeiten derzeit intensiv daran, diese direkten Kosten nachhaltig zu senken und unsere Produktivität zu steigern.

Wird es weitere Preiserhöhungen geben?

Dünnwald: Natürlich ist es so, dass wir auch an den Preisen arbeiten. Bei den Geschäftskunden sind Preiserhöhungen allerdings nichts Neues, aber sie fallen derzeit in der Tat höher aus. Bei Privatkunden gibt es bisher keine Entscheidungen.

Ist das endlose Hin- und Herschicken von Paketen unter dem Strich zu billig?

Dünnwald: Die großen Onlinehändler gewöhnen ihre Kunden systematisch an ein sehr hohes Leistungsniveau, das gefühlt umsonst ist. Es ist natürlich nicht umsonst, denn sie zahlen ja für den Transport. Aber der Konsument ist einen qualitativ hochwertigen Pakettransport gewöhnt, inklusive Retouren – und gefühlt kostet das nichts. Was natürlich nicht stimmt.

Amazon liefert in lukrativen Gebieten inzwischen selbst Pakete aus. Wird es da schwieriger, Preiserhöhungen durchzusetzen?

Dünnwald: Nein. Amazon ist nach wie vor ein wachsender und wichtiger Kunde. Über unsere Preisverhandlungen will ich hier nicht sprechen. Aber eines ist klar: letztlich bestimmen sich Preise über eingelieferte Mengen.

Amazon verzichtet bei eigenen Auslieferungen in Bonn auf eine Unterschrift des Kunden – und damit auf eine aufwendige und kostenintensive Bürokratie im Hintergrund. Das Paket wird kommentarlos übergeben. Kann das funktionieren?

Dünnwald: Das beobachten wir. Und wir reden mit Amazon darüber, warum für DHL und andere Logistiker offensichtlich andere Regeln gelten als für den eigenen Amazon-Dienstleister. Natürlich wären auch wir offen, wenn Amazon oder andere Versender auf den Haftungsübergang verzichten wollen. Denn darum geht es ja im Augenblick der Unterschrift. Die Kosten für den Haftungsübergang bei jedem einzelnen Paket sind möglicherweise höher als die doch eher seltenen Haftungsfälle.