John Pearson im Interview

DHL-Express-Chef will auf No-Deal-Brexit vorbereitet sein

Bonn. Was sind die Folgen, wenn es zu einem No-Deal-Brexit kommt? DHL-Express-Chef John Pearson spricht über die Vorbereitungen auf den EU-Ausstieg der Briten und den Einfluss von Handelskonflikten auf das Geschäft.

DHL Express gehört seit 2002 zur Deutsche Post DHL Group. Das Unternehmen beschäftigt rund 100.000 Mitarbeiter weltweit. Der Expressdienstleister ist in fast allen Ländern der Welt aktiv. Der Brite John Pearson leitet die Post-Sparte seit Jahresbeginn und ist auch Mitglied des Konzernvorstands. Mit Pearson sprach Claudia Mahnke.

Machen Sie sich Sorgen um die Folgen eines ungeregelten Brexits für DHL Express?

John Pearson: Wir sind optimistisch, dass es ein Abkommen zwischen der EU und Großbritannien geben wird. Aber natürlich ist es unsere Aufgabe, auf einen No-Deal-Brexit vorbereitet zu sein. Für diesen Fall wollen wir diejenigen sein, die am besten vorbereitet sind.

Wie bereitet sich DHL auf den Brexit vor?

Pearson: Es gibt Notfallpläne für verschiedene Szenarien. Wir haben analysiert, wie sich Lieferketten ändern werden, welche Genehmigungen wir zusätzlich brauchen. Es gibt verschiedene Arbeitsgruppen, die sich regelmäßig treffen und alle Punkte vorbereiten. Wir erklären unseren Kunden natürlich auch bestmöglich, worauf Sie sich einzustellen haben. Aber ein No-Deal-Brexit wäre natürlich schon – gelinde gesagt – kompliziert. Der Brexit ist das größte Thema, das mich derzeit beschäftigt. Es wird hoffentlich ganz schnell ein kleines werden.

Zur Vorbereitung aller Eventualitäten braucht es viel Arbeitskraft.

Pearson: Wir stellen seit drei Monaten neue Mitarbeiter ein. Sie arbeiten an den DHL-Drehkreuzen und sind vor allem für die Zollabwicklung zuständig.

Könnte der Brexit Ihrem Unternehmen kurzfristig sogar nützen?

Pearson: Wenn wir am besten vorbereitet sind, könnte es sein, dass zusätzliche Kunden an unsere Tür klopfen. Das ist aber nicht unser Ziel. Wir wollen in dieser Situation unseren Kunden – langjährigen, aber auch neuen – bestmöglich helfen. Der Übergang in neue Abläufe soll reibungslos funktionieren.

Das Wachstum der Weltwirtschaft soll 2019 etwas schwächer ausfallen. Was bedeutet das für DHL Express?

Pearson: Das bedeutet, dass wir unsere Qualität hoch halten müssen und mit den vorhandenen Kapazitäten vernünftig umgehen. Wir müssen herausfinden, wo sich Wachstum erzielen lässt: Indem wir besser als unsere Wettbewerber sind. Die Frage ist, wo neues Geschäft zu machen ist: Es gibt immer Regionen auf der Welt mit überdurchschnittlichem Wachstum. Es gibt immer Branchen, die schneller wachsen als die Wirtschaft insgesamt. E-Commerce ist ein gutes Beispiel dafür. DHL ist in einer ausgezeichneten Ausgangsposition, weil Kunden viele Dinge gerne rasch erhalten möchten. Es geht beispielsweise um Mode, Luxusartikel oder Sportausrüstung. In den 32 Jahren, in denen ich bei DHL bin, habe ich Zeiten mit viel und Zeiten mit wenig Wachstum erlebt. Es kommt darauf an, den Ansatzpunkt zu suchen, an dem wir zusätzliche Umsätze erzielen können.

Wie gefährlich sind Handelskonflikte für Ihr Geschäft, wie wir sie zwischen den USA und China, aber auch zwischen Europa und den USA sehen?

Pearson: Ich persönlich glaube, dass Globalisierung den Menschen den größten Wohlstand bringt. Unsere Studie, der Global Connectedness Index, zeigt, welchen Einfluss der Austausch von Kapital, Waren, Informationen und Menschen auf die Wirtschaft hat. Es gibt mehr Gewinner als Verlierer.

Natürlich sind Handelskonflikte gefährlich, wenn sie schlecht gemanagt werden. Aber es gibt auch eine Gegenbewegung: Viele Freihandelsabkommen werden unterzeichnet. Das jüngst unterzeichnete Abkommen zwischen Japan und der EU ist ein gutes Beispiel. Diesen Trend müssen Politiker und Wirtschaftsmanager fördern, indem sie sich gegen Protektionismus aussprechen.

In welcher Region der Welt ist DHL Express derzeit am erfolgreichsten?

Pearson: Wir verzeichnen in allen Regionen Erfolge. In Europa sind wir in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr stark gewachsen. In einigen Ländern im Nahen Osten und Afrika mag die politische Lage schwierig sein, aber der Handel funktioniert weiterhin gut.

DHL liefert auch in den größten Städten der Welt aus. Wie kommen Sie mit den wachsenden Verkehrsproblemen zurecht?

Pearson: Megacities sind weltweit ein Phänomen des wachsenden Wohlstands, was leider auch eine Zunahme des innerstädtischen Verkehrs bedeutet. Viele unserer Mitarbeiter beschäftigten sich mit der Frage, wie der optimale Mix an Verkehrsmitteln in diesen Städten sein sollte. So setzen wir unter anderem Elektrofahrräder ein. Darüber hinaus hat unser Unternehmen mit dem Streetcooter ein innovatives Elektrolastfahrzeug entwickelt. Wir wählen zum einen die Verkehrsmittel aus, mit denen wir am schnellsten liefern können. Aber mit Blick auf die Nachhaltigkeit nutzen wir natürlich auch Transportmöglichkeiten, die helfen C02-Emissionen zu reduzieren.

Sie haben bereits in vielen Ländern der Welt gearbeitet. Was ist Ihr Eindruck von Deutschland?

Pearson: Es ist ein fantastisches Land, um hier zu leben. Die wirtschaftliche Entwicklung ist so gut, dass manch andere Länder die zugrunde liegenden Methoden und Prozesse am liebsten importieren würden.

Sie haben einen britischen Pass. Haben Sie darüber nachgedacht, angesichts des Brexits die Staatsangehörigkeit zu wechseln?

Pearson: Der frühere Manchester-United-Trainer Alex Ferguson hat einmal gesagt: Man wechselt den Pass genauso wenig wie die Leidenschaft für eine Fußballmannschaft. In bin Brite und werde es bleiben – unabhängig vom Brexit.