Jahreshauptversammlung im WCCB

Bayer-Aktionäre üben scharfe Kritik in Bonn

Werner Baumann (r), Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, und Werner Wenning, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bayer AG, stehen bei der Bayer - Hauptversammlung auf der Bühne.

Werner Baumann (r), Vorstandsvorsitzender der Bayer AG, und Werner Wenning, Vorsitzender des Aufsichtsrats der Bayer AG, stehen bei der Bayer - Hauptversammlung auf der Bühne.

Bonn. Bei der Hauptversammlung von Bayer in Bonn herrscht dicke Luft. Sowohl Umweltaktivisten als auch Aktionäre kritisieren die Geschäftspolitik. Für Konzernchef Werner Baumann war der umstrittene Erwerb des Saatgut-Herstellers Monsanto aber der richtige Schritt.

Drei ältere Herren stehen am World Conference Center (WCCB) in Bonn und verteilen emsig Flugblätter. Ihre Adressaten: Aktionäre auf dem Weg zur Hauptversammlung von Bayer. „Der Bayer-Desaster-Deal!“ steht auf den Zetteln, die von der Coordination gegen Bayer-Gefahren gedruckt worden sind. Gemeint ist die Übernahme des umstrittenen US-Saatgutherstellers Monsanto, der dem Leverkusener Chemiekonzern einen erdrutschartigen Wertverlust an der Börse beschert und einen Imageschaden zugefügt hat. Umweltaktivisten und Aktionäre sind gleichermaßen erbost über die Geschäftspolitik des Konzerns, und doch kommen sie an diesem Freitagmorgen nicht so recht zusammen.

Walther Enßlin, einer der drei älteren Herren mit den Flugblättern, wird ein ums andere Mal stehen gelassen. Der pensionierte Chemie- und Physiklehrer aus Hilden nimmt es gelassen. „Die Aktionäre wachen jetzt durch den Kursverlust auf“, sagt er. „Bislang hatten sie kein Interesse, sich kritisch mit Bayer auseinanderzusetzen, weil es nicht in ihr Weltbild passte.“ Bei der Kundgebung machen mehr als 500 Bayer-Kritiker ihrem Unmut Luft, die meisten davon sind Teilnehmer einer „Fridays-for-Future“-Demonstration. Rund 30 Gruppen unterstützen den Protest, lautstark, mit Transparenten, mit Redebeiträgen und auch mit toten Bienen, die über den Weg ausgebreitet sind. Die Aktionäre laufen Slalom, um möglichst unbehelligt ins WCCB zu gelangen. Die Demonstranten wenden sich gegen das Bienensterben, gegen Gentechnik-Verunreinigungen von konventionellem Raps-Saatgut, gegen Medikamentenstudien in den 1950er bis 1970er Jahren an Heimkindern, gegen bestimmte Verhütungsmittel, die sie für Lungenembolien verantwortlich machen, und natürlich gegen die Gesundheitsrisiken von Glyphosat.

Während vor dem WCCB protestiert wird, stellen drinnen die Aktionäre Konzernchef Werner Baumann unangenehme Fragen. Rund 3600 Anleger sind gekommen. Bayer hat am Vortag positive Quartalszahlen präsentiert. Doch das kann die Aktionäre kaum besänftigen: Sie sind verärgert darüber, dass der Wert der Bayer-Aktie seit vergangenem Jahr um 40 Prozent eingebrochen ist. War es richtig, den umstrittenen Saatguthersteller Monsanto zu kaufen? Wurden die Prozessrisiken, die mit Glyphosat verbunden sind, unterschätzt? Das sind die Fragen, die immer wieder im Vordergrund stehen. Nach Konzernangaben ist die Zahl der Produkthaftungsklagen in den USA wegen Glyphosat inzwischen auf 13 400 gestiegen. US-Gerichte gaben zwei Klägern in erstinstanzlichen Entscheidungen Recht. Diese hatten ihre Krebserkrankungen auf den glyphosathaltigen Unkrautvernichter Round-up zurückgeführt, mit dem sie jahrelang arbeiteten. Bayer kündigte Berufung an.

Die Aktionärsvertreter sind nicht gut auf den Vorstand zu sprechen. Einige wollen ihm die Entlastung verweigern, darunter die Deka Investment und die Union Investment, die zu den größten Einzelinvestoren gehören. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“, sagt Ingo Speich von Deka Investment. In nur zwei Jahren sei der einstige Pharmagigant Bayer zu einem Zwerg herabgesunken. „Bayer hat sich an der bitteren Pille Monsanto verschluckt.“

Die rechtlichen Risiken der Monsanto-Übernahme seien weder erkannt noch ausreichend gewürdigt worden, sagt Janne Werning, Analyst von Union Investment. „Der Vorstandsvorsitzende hat die Transaktion mit Unterstützung des Aufsichtsrats vorangetrieben und ungeachtet aller Widerstände verwirklicht.“ Zwar lägen die Vorteile einer Kombination von Agrochemie- und Saatgutgeschäft auf der Hand. „Doch warum musste es ausgerechnet Monsanto sein, das umstrittenste Unternehmen der Branche?“, fragt Werning. Die möglichen Konfliktfelder – Einsatz von Gentechnik, Vorwürfe wegen krebserregender Eigenschaften von Glyphosat und die Gefährdung der Biodiversität – seien längst bekannt gewesen. Marc Tüngler von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW): „Wir sehen massive Verluste in unseren Depots und hohe Reputationsschäden.“ Er rechnet vor, dass die Aktionäre durch die Übernahme bereits rund 40 Milliarden Euro Wertverlust beklagen müssen, weitere 15 Milliarden sieht er durch mögliche Richtersprüche in den USA noch kommen. Es sei aber zu früh, „um einen Strich unter die Monsanto-Rechnung zu machen“. Die DSW fordert, die Entlastung des Vorstands zu vertagen – alles andere führe ins Chaos. Der größte deutsche Einzelinvestor von Bayer, die Fondsgesellschaft DWS, kündigt ihre Enthaltung an. Man sei aber mit der Kursentwicklung alles andere als zufrieden, so Nicolas Huber, Head of Corporate Governance bei der DWS. „Wir Aktionäre haben Bedenken um den Fortbestand einer 150 Jahre alten und größtenteils erfolgreichen deutschen Industriegeschichte.“

Proteste vor und während der Hauptversammlung sind bei Bayer nichts Ungewöhnliches. So massiv waren sie bislang aber noch nie. Schnell stehen mehr als 60 Redner auf der Liste. Aufsichtsratschef Werner Wenning lässt schon um kurz nach 12 Uhr keine weiteren Beiträge mehr zu. „Das ist eine besondere Hauptversammlung“, eröffnet Werner Baumann seine Rede an die Aktionäre. Bayer blicke auf ein „schwieriges Jahr“ zurück. Operativ und strategisch habe der Konzern 2018 dennoch viel erreicht. Aber: „Die Klagen und die ersten Urteile zu Glyphosat lasten schwer auf unserem Unternehmen und verunsichern viele Menschen“, sagt Baumann. Die „erheblichen Verluste im Aktienkurs“ seien nicht zu beschönigen.

Dennoch lässt Baumann keinen Zweifel daran, dass die Monsanto-Übernahme wohlüberlegt und aus strategischer Sicht richtig gewesen sei. „Wir sind davon nach wie vor fest überzeugt.“ Zur Verteidigung verweist er auf die betriebswirtschaftliche Bilanz. Die guten Zahlen für das erste Quartal sind demnach auch auf Monsanto zurückzuführen, das zum Umsatz- und Gewinnwachstum beigetragen hat. Baumann zufolge wird sich die Übernahme in den kommenden Jahren auszahlen: Ab 2022 rechnet Bayer durch die Integration von Monsanto mit Synergien von jährlich einer Milliarde Euro.

Die Rechtsrisiken seien gründlich geprüft worden, betont Baumann. Und: Glyphosat sei bei sachgerechter Anwendung ein sicheres Produkt. Mit Blick auf die krebskranken Kläger in den USA sagte der Konzernchef: „Glyphosat-basierte Produkte sind nicht der Grund für ihre schweren Erkrankungen.“ Bestätigt sieht sich Baumann „durch die Wissenschaft und die praktische Erfahrung der Landwirtschaft seit mehr als 40 Jahren“. Vor allem hätten Regulierungsbehörden weltweit Glyphosat-basierte Produkte zugelassen und die Registrierungen immer wieder verlängert. Dem steht etwa die Einschätzung der Internationalen Agentur für Krebsforschung von 2015 gegenüber, wonach Glyphosat als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft wird.

Auf die Frage, wann die Aktionäre wieder profitieren können, hat Baumann freilich keine Antwort. Er verspricht aber, dass Bayer mit Hochdruck daran arbeiten werde, sich in Berufungsverfahren und den Gerichtsverhandlungen erfolgreich zu verteidigen.

Viele Aktionäre überzeugt das nicht: Sie sprechen der Bayer-Führungsspitze das Misstrauen aus. 55,5 Prozent des anwesenden Grundkapitals stimmen gegen eine Entlastung. Das ist ein herber Rückschlag für Baumann: 2018 war der Vorstand noch mit rund 97 Prozent entlastet worden. Das Votum hat zwar keine direkten Folgen, darf aber als schallende Ohrfeige für den Vorstand verstanden werden.