Kostenexplosionen auf Baustellen in Bonn

Baufirmen wollen keine Abzocker sein

BONN. Der Bonner Stadtbaurat Helmut Wiesner hatte die Baufirmen für regelmäßig steigende Kosten bei öffentlichen Bauprojekten mitverantwortlich gemacht. Die Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg weist die Kritik jetzt in deutlichen Worten zurück.

Die Kreishandwerkerschaft Bonn/Rhein-Sieg ist empört. Die Bau- und Ausbau-Innungen aus der Region wehren sich gegen den Vorwurf, dass sie bei der Preisgestaltung die aktuell gute Branchenkonjunktur ausnutzten – und damit Preistreiber seien.

Dass insbesondere der Bonner Stadtbaurat Helmut Wiesner von „Mondpreisen“ und einem „ungenierten Griff in die öffentlichen Kassen“ spreche, sei „eine Unverschämtheit“, erklärte Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher. „Wenn Herr Wiesner dabei mit einem Finger auf unsere Betriebe zeigt, zeigen vier Finger in die andere Richtung, auf die Planer und Kalkulatoren in seinen Reihen nämlich.“

Damit reagierte Radermacher am Montag auf einen GA-Bericht vom 3. Juni, der sich mit steigenden Baukosten auseinandersetzte.

Wiesner kritisierte "Mondpreise"

Darin ging es unter anderem um die massiven Baukostensteigerungen bei der Beethovenhalle und beim Neubau der Viktoriabrücke. Als einen Grund für Kostensteigerungen nannte Wiesner die konjunkturelle gute Lage der Bauwirtschaft, durch die sich Baufirmen einen „ungenierten Griff in die öffentlichen Kassen“ erlauben könnten. Wiesner kritisierte, dass die Firmen auf dem Markt teilweise „Mondpreise“ verlangen würden.

Das weist der neue Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Oliver Krämer, zurück. Diese Aussagen hätten viele Betriebe zutiefst verärgert. „Dass viele öffentliche Bauvorhaben erheblich teurer werden, liegt zu 90 Prozent nicht an den ausführenden Betrieben, sondern an Versäumnissen bei der Vorbereitung, an zusätzlich notwendigen oder gewünschten Leistungen oder etwa an den langen Planungs- und Abwicklungszeiträumen“, so der Geschäftsführer. Das und andere Faktoren wie gestiegene Grundstückspreise könne man schlecht den Baufirmen anlasten. Die Kommunen hätten das Recht, sich bei Angeboten für ausgeschriebene Arbeiten die Kalkulation detailliert offenlegen zu lassen, um sie zu prüfen, so Radermacher. „Das tun sie aber nicht.“

Material wird immer teurer

Krämer verweist auf Erhebungen, wonach die Kostensteigerungen für die Firmen höher lägen als das Plus bei deren Verkaufspreisen. So habe sich etwa das Material verteuert. Für Asphalt müsse heute ein Drittel mehr bezahlt werden als im Herbst 2017, für Kies, Sand, Fertigbeton oder für Anstrichmittel der Maler zehn Prozent, für Stahl etwa zwanzig Prozent mehr als vor zwei Jahren. Diese Entwicklung werde jedoch bei vielen Projektkalkulationen nicht berücksichtigt. „Wer da alte Preise zugrunde legt, darf sich nicht wundern, wenn diese Zahlen später der Realität nicht standhalten“, so Krämer, der damit nach eigenen Angaben einen der verärgerten Unternehmer zitiert.

Zudem würden das Bauen insgesamt und die Abläufe immer komplizierter, so Norbert Wicharz, Obermeister der Baugewerks-Innung. "Das schlägt sich natürlich auch auf die Preise nieder." Von einer "Abzockermentalität" könne in seiner Branche aber keine Rede sein. Stefan Remmel, Obermeister der Maler-Innung, unterstreicht das und sieht einen Beleg in Daten des Statistischen Landesamtes NRW an, nach denen die Marktpreise in seinem Gewerk derzeit nur knapp über denen von 2010 liegen.

Baupreise erneut gestiegen

Wie sehr die Baupreise in Deutschland angestiegen sind, zeigt eine aktuelle Auswertung des Statistisches Bundesamtes. Demnach waren die Preise für den Neubau von Wohngebäuden im Mai 4,7 Prozent höher als noch vor einem Jahr. Im Februar 2019, der vorangegangen Erhebung der Statistiker, betrug der Preisanstieg im Jahresvergleich 4,8 Prozent.

Die Preise für Rohbauarbeiten an Wohngebäuden stiegen innerhalb eines Jahres um 5,2 Prozent. Den größten Anteil machten dabei Betonarbeiten (plus 5,3 Prozent) und Mauerarbeiten (plus 5,5 Prozent) aus. Auch die Preise für Instandhaltungsarbeiten an Wohngebäuden zogen binnen eines Jahres um 4,3 Prozent an, teilte das Bundesamt am Montag mit.