Rückkehr nach der Insolvenz

Asbeck zieht bei Solarworld seinen Kopf aus der Schlinge

Bonn. Als Gesellschafter einer neuen GmbH kehrt der Solarzellenpionier nach der Insolvenz zurück. Die Aktionäre des alten Unternehmens gehen leer aus.

Macher, Ideengeber, Ökovisionär, so sieht sich Frank Asbeck. „Ich hab schon ein paar gute Einfälle, das hört ja nicht auf“, sagte er im Mai im Interview mit dem „Spiegel“. Da war der Insolvenzantrag für den Solarworld-Konzern beim Bonner Amtsgericht eine gute Woche alt.

Als Mann, dem die guten Einfälle nicht ausgehen, hat er es geschafft, sich aus der Insolvenz heraus wieder auf genau den Platz zu katapultieren, den er vorher schon innehatte: Asbeck wird die Zügel bei Solarworld in der Hand behalten, koste es, was es wolle. Die Aktionäre zahlen einen hohen Preis, denn sie gehen leer aus. Befriedigt werden sollen die Forderungen der Gläubiger.

Die Lösung, die am Freitag der Gläubigerversammlung bei einem Amtsgerichtstermin im Großen Schwurgerichtssaal von Insolvenzverwalter Horst Piepenburg vorgestellt werden soll, sieht so aus: Die frisch gegründete Solarworld Industries GmbH mit Sitz in Bonn erwirbt fast alle Anlagen, Vorräte, immateriellen Vermögensgegenstände und ausstehenden Forderungen der Solarworld-Gruppe in Deutschland sowie die Gesellschafteranteile von Solarworld an Unternehmen in Frankreich, Afrika, Asien und Japan. Der Kaufpreis wird geheim gehalten. In der am Dienstag veröffentlichten Adhoc-Mitteilung heißt es lediglich, der Preis bestehe „im Wesentlichen in der Ablösung von Verbindlichkeiten, die mit Sicherungsrechten von Gläubigern belegt sind“.

Piepenburg bestätigte zunächst nur, dass Asbeck ein Gesellschafter der neuen Solarworld Industries ist. Branchenkenner verbreiten allerdings schon seit zwei Wochen die Nachricht, dass der zweite Gesellschafter die Qatar Foundation sei, die an der Solarworld AG schon mit 29 Prozent beteiligt war. Bei dem Kaufvertrag, der am Dienstag unterzeichnet wurde, geht es aber nicht um eine weitere Beteiligung an der AG. Der Clou an der Sache: Asbeck zieht so seinen Kopf aus der Schlinge, die sich in Form einer Schadenersatzklage in den USA um seinen Hals gezogen hatte. Umfang der Forderungen dort, die sich um nicht bezahlte Lieferverträge drehen: mehr als 700 Millionen Euro. Auch der Produktionsstandort in Oregon, USA, zählt nicht zum Kaufpaket.

Aus Sicht des Insolvenzverwalters war der Deal die einzige mögliche Lösung: „Solarworld Industries steht für eine Investorengruppe, die als einziger möglicher Investor einen Vertragsabschluss bis Mitte August darstellen kann.“ Alle anderen Bieter hätten noch Monate benötigt, um ein Geschäftskonzept und die Finanzierung solide gerechnet zu unterbreiten. Es gibt einen Mann, der diese Darstellung in Zweifel zieht: Hans Stadler, Mitgesellschafter von Prisma Systems aus den Niederlanden, hätte gern mitgeboten. Aber man sei beim Insolvenzverwalter nicht vorgedrungen. Auf eine Angebotsskizze, die Prisma an Piepenburg geschickt habe, sei niemals eine Reaktion gekommen. Auf Nachfrage beim Insolvenzverwalter heißt es, das Angebot von Prisma – einem Solarpark-Entwickler mit eigener Modulproduktion und 4000 Beschäftigten weltweit – sei so wenig überzeugend gewesen, dass man eine weitere Befassung damit, gar die Gewährung eines Blicks in die Bücher von Solarworld, ausgeschlossen habe.

Für Stadler beißt sich damit die Katze in den Schwanz: Ohne einen Blick in die Bücher habe man auch nicht das Angebot hundertprozentig durchrechnen können. Stadler sagt, sie seien auch nicht allein mit der vergeblichen Angebotsunterbreitung: Er berichtet von Kaufinteressenten, die anderthalb Milliarden Euro sofort hätten zuschießen können. Damit hätte die Produktion in den ostdeutschen Werken ohne Unterbrechung fortgeführt werden können.

Der interessante Aspekt an dem Prisma-Plan ist, dass er wesentlich mehr Arbeitsplätze bei Solarworld hätte erhalten wollen. Stadler zufolge wollte man auch den Freistaaten Sachsen und Thüringen jeweils eine Zehn-Prozent-Beteiligung anbieten. „Wir wollten den Regierungen signalisieren, dass wir nicht kommen, die Werke kaufen, aber später viele Mitarbeiter entlassen.“

Nach dem Konzept, das nun Asbeck mit der neuen Gesellschaft umsetzen will, werden nur noch 475 Beschäftigte bei Solarworld in Deutschland bleiben – vielleicht noch eine Handvoll in der Bonner Zentrale. Peter Finger, Betriebsratschef bei der Solarworld AG in Bonn, forderte seinen „grünen Weggefährten Asbeck“ auf, zumindest einen Teil der Arbeitsplätze in Bonn zu erhalten und in die neue Gesellschaft zu übernehmen. „Irgendjemand muss sich auch für das neue Unternehmen um den Customer Service, Controlling, Personal und IT kümmern“, so Finger, der zu den 65 Bonner Mitarbeitern gehört, die Anfang August in die Abwicklungsmannschaft übernommen wurden. 150 von einst 215 hiesigen Beschäftigten sind bereits unwiderruflich freigestellt.

Dem „Spiegel“ hatte Asbeck im Mai gesagt: „Ich hab was im Kopf, was jeder braucht. Erneuerbare Energien natürlich.“ Fraglich ist nur, ob die gedrosselte Produktion in Arnstadt und Freiberg, wo bisher mit 1650 Mitarbeitern Solarzellen und -module gefertigt wurden, noch ein tragfähiges Konzept ist. Eine dritte Pleite wird er sich nicht leisten können.