Drogen in Packstationen

Anbieter illegaler Waren missbrauchen Paketsystem

Mehr als 2700 Packstationen, wie hier am Hauptbahnhof in Frankfurt, hat die Deutsche Post in Deutschland mittlerweile aufgestellt. FOTO: POST

Mehr als 2700 Packstationen, wie hier am Hauptbahnhof in Frankfurt, hat die Deutsche Post in Deutschland mittlerweile aufgestellt. FOTO: POST

Bonn. Anbieter illegaler Waren im Internet missbrauchen den Service der Deutschen Post. Der Bonner Konzern sucht nach Maßnahmen.

Von außen sehen sie alle gleich aus. Doch hinter den verschlossenen gelben Türen warten nicht nur Schuhe aus dem Online-Shop auf ihre künftigen Besitzer, sondern auch gefälschte Kreditkarten oder Drogenlieferungen. Denn für Hehler und Drogendealer aus dem Darknet - dem Untergrund des Internets - sind die Packstationen der Deutschen Post eine attraktive Art, ihre Waren an den Endkunden zu bringen. Das hat der weltweit führende Anbieter von Sicherheitssoftware- und -lösungen Trend Micro in einer Untersuchung des cyberkriminellen Untergrunds in Deutschland festgestellt.

Das System ist einfach und gewährt den Kriminellen Anonymität. Der Verkäufer schickt die Ware an einen der öffentlich zugänglichen Metallkästen, beziehungsweise legt sie persönlich hinein, erklären Cyberexperten die Vorgehensweise. Der Käufer kann das Päckchen mit einer Zugangskarte und der dazugehörigen mTan (Mobile Transaktionsnummer) dort einfach abholen. Es ist offenbar auch kein Hindernis, dass bei der Registrierung für den Service der Deutschen Post eine physische Anschrift und eine Mobilfunknummer verlangt werden. Experten wissen: Solche Daten sind leicht zu fälschen und somit sind die Kunden kaum noch auffindbar.

In anderen Ländern verlassen sich die Untergrundmärkte hauptsächlich auf so genannte "Dropper". Das sind "Zusteller" beziehungsweise "Treuhänder". "Dabei ist der Dropper manchmal gar nicht selbst der Zusteller, sondern bedient sich wieder weiterer Personen oder Dienste", erklärt Udo Schneider, Sprecher von Trend Micro.

Aktueller Fall aus Sankt Augustin

Die Packstationen tauchen auch bei aktuellen Fällen von Cybercrime auf: Erst vor wenigen Wochen durchsuchte die Polizei die Wohnung eines 29-jährigen Krankenpflegers aus St. Augustin, der im großen Stil Medikamente und Betäubungsmittel im Internet verkauft haben soll. In diesem Fall nutzte er die Packstation vor der Bonner Uni-Klinik. Der mutmaßliche Täter wurde ebenfalls mit Waffenlieferungen in Verbindung gebracht. Dieser Verdacht bestätigte sich jedoch nicht: Die Staatsanwaltschaft Verden erklärte am Freitag, der Mann sei aus der U-Haft entlassen. Der Fall werde an die örtliche Staatsanwaltschaft abgegeben.

Der Deutschen Post ist der Missbrauch ihres Paketsystems bekannt: "Das Thema ist nicht neu", erklärt Sprecherin Dunja Kuhlmann auf Anfrage des General-Anzeigers. "Die Packstationen waren von Anfang an anziehend für betrügerische Maßnahmen." Kuhlmann erklärt aber auch, dass ständig Maßnahmen entwickelt würden, um diesen Praktiken entgegenzuwirken. Im Detail könnten jedoch aus Sicherheitsgründen keine genaueren Angaben gemacht werden.

Eine Maßnahme aus der Vergangenheit, um den Missbrauch des Paketsystems zu erschweren, sei 2012 die Einführung der mobilen Transaktionsnummern gewesen. Während vorher zur Nutzung der Packstationen eine Karte und ein einziger Pin ausgereicht hätten - ähnlich wie bei einer EC-Karte - erhält der registrierte Nutzer heute für jede Abholung eine neue Tan per SMS. Das Beschaffen eines falschen Accounts wird so schwerer. Mehr als 2700 Packstationen hat der Bonner Konzern in Deutschland mittlerweile aufgestellt.

Entwicklung ist schwer vorauszusagen

Wie sich die Zahlen krimineller Nutzer entwickelten, sei schwer zu sagen, so Kuhlmann. Es gebe nur Schätzungen aufgrund von Fällen, die nach Polizeiermittlungen aufgedeckt würden. Die Tendenz gehe allerdings in die Richtung, dass die mengenmäßige Nutzung durch Kriminelle in den letzten Jahren konstant geblieben sei.

Einen allgemeinen Eindruck, wie groß die dunklen Märkte im Internet in Deutschland tatsächlich sind, gibt die Untersuchung von Trend Micro: Demnach sei die Zahl registrierter Nutzer mit rund 70 000 im Gegensatz zum vorhandenen Angebot recht hoch. Die Cyberexperten fanden in Deutschland zehn Foren und zwei Marktplätze. Während die Foren zum Austausch und Kennenlernen für Geschäfte dienen, fungieren die Marktplätze als Handelsorte für Waren wie Kreditkarten, gefälschte Pässe, gehackte Konten oder Drogen.