Industrie 4.0 in der Region

Alarmsignal auf das Smartphone gesendet

Gebra-Geschäftsführer Wolfgang Weber (links) und Binserv-Mitarbeiter Olaf Oppermann vermessen einen in den Prüfstand eingespannten Rückstrahler. Die Daten werden im PC automatisch verarbeitet.

Gebra-Geschäftsführer Wolfgang Weber (links) und Binserv-Mitarbeiter Olaf Oppermann vermessen einen in den Prüfstand eingespannten Rückstrahler. Die Daten werden im PC automatisch verarbeitet.

Hennef/Bonn. Für den Hennefer Mittelständler Gebra ist Industrie 4.0 schon weit mehr als ein Schlagwort. Der Automobil-Zulieferer setzt auf eine Software, die seine Qualitätskontrolle digitalisiert.

Nur so könne er die Anforderungen der großen Konzerne erfüllen, sagt Geschäftsführer Wolfgang Weber. Andere Mittelständler sind zurückhaltender, meint die IHK.

Beim Hennefer Automobilzulieferer Gebra kommt es auf den Zehntelmillimeter an. Jede Stunde legt ein Mitarbeiter einen der Reflektoren, die einmal als Rückstrahler an Autos enden, auf den Prüfstand. „Wir müssen die Teile genau vermessen und diese Daten für 15 Jahre speichern“, sagt Wolfgang Weber, geschäftsführender Gesellschafter. Seine Kunden, führende deutsche Automobilkonzerne, erwarten, dass sich die roten Kunststoffteile fast nahtlos in die Karosserie einpassen.

Um den Ansprüchen zu genügen, hat sich der Hennefer Mittelständler für ein aufwendiges Computerprogramm entschieden. „Industrie 4.0“, also die digitale Vernetzung der Fertigung, ist bei Gebra mehr als ein Schlagwort. Das Königswinterer Softwarehaus Binserv hat für die Hennefer ein Programm entwickelt, in das alle Messergebnisse einfließen und automatisch ausgewertet werden. Firmenchef Weber kann über das Internet jederzeit schauen, an welcher Maschine die Produktion hakt – in Hennef sowie im chinesischen Gebra-Tochterwerk.Wenn bei den Messungen ein festgelegter Grenzwert überschritten wird, sendet die Software automatisch eine Nachricht ans Smartphone des Verantwortlichen.

Für den Mittelständler mit 25 Millionen Euro Jahresumsatz war die Entscheidung zur Digitalisierung seiner Qualitätskontrolle nach eigenen Angaben zwingend. Rund 60.000 Euro hat die Software bisher gekostet. „Früher haben wir die Messwerte per Hand in ausgedruckte Excel-Tabellen eingetragen“, erinnert sich Weber. „Die Autokonzerne akzeptieren das seit Jahren nicht mehr.“ Für die neuen Produkte, die Gebra noch in diesem Jahr in Serie bringt, sei die Software unverzichtbar. Für einen Oberklasse-Automobilhersteller bauen die Hennefer Rückstrahler mit integrierten LED-Nebelschlussleuchten. Jedes einzelne Teil muss dokumentiert werden. „Das geht nur digital“, sagt Weber.

Der Unternehmer gehört mit seinen Investitionen in die Digitalisierung offenbar zu den Ausnahmen im Mittelstand der Region. „Die Unternehmen sind noch eher zurückhaltend“, sagt Rainer Neuerbourg, Industrie-Experte der Industrie- und Handelskammer (IHK) Bonn/Rhein-Sieg. „Oder die wollen den Einsatz neuer Software erst einmal geheim halten, weil sie sich davon einen strategischen Vorteil gegenüber der Konkurrenz versprechen.“ Dabei ist sich der IHK-Vertreter sicher: „Die Digitalisierung in der Industrieproduktion wird in den nächsten Jahren an Bedeutung gewinnen.“

Darauf setzt man auch bei der Telekom. Deren Geschäftskunden-Tochter T-Systems kooperiert seit Ende vergangenen Jahres mit dem Bonner Elektronikkonzern Eaton. Gemeinsam wollen die Unternehmen Lösungen zur Vernetzung von Industrieproduktion anbieten. T-System liefert die Software, Eaton die elektronischen Komponenten. Maschinenbauer könnten damit über die Cloud ganze Anlagen überwachen. Die gesammelten Daten sollen helfen, Betriebskosten und Produktivität der Maschinen zu optimieren.

Zumindest bei Gebra in Hennef weist man eine Hauptsorge bei der Digitalisierung der Industrie zurück: „Es werden bei uns keine bestehenden Arbeitsplätze durch Roboter ersetzt“, sagt Weber. Im Gegenteil: „Durch die Digitalisierung können wir weiterwachsen und so entstehen neue Stellen.“