Agfa greift nach Bonner GWI AG

<b>Residenz</b> der GWI AG in Bonn ist das Gelände der ehemaligen Zementfabrik im Ortsteil Oberkassel.

<b>Residenz</b> der GWI AG in Bonn ist das Gelände der ehemaligen Zementfabrik im Ortsteil Oberkassel.

Angeschlagener belgischer Fotokonzern will mit den Bonnern europaweit Klinik-Software vertreiben - Zentrale mit 180 Mitarbeitern soll am Rhein bleiben

Bonn. Erst am Montag dieser Woche waren sie im Bonner Gangolf-Center als "Unternehmer des Jahres" ausgezeichnet worden, jetzt wechseln sie ins Angestellten-Verhältnis. Rüdiger Wilbert (40) und Jörg Haas (40), Gründer und gemeinsam Vorstandsvorsitzende der GWI AG in Bonn, verkaufen ihr Unternehmen an den belgischen Fotokonzern Agfa-Gevaert.

Der Deal, für den die Belgier mindestens 256,5 Millionen Euro in bar bezahlen, macht die beiden Gründer, denen jeweils 30 Prozent an GWI gehören, auf einen Schlag zu Multimillionären. Wie Agfa und GWI am Mittwoch mitteilten, sollen Haas und Wilbert Vorstandschefs bei GWI bleiben, zugleich rücken sie ins Management der Gesundheitssparte von Agfa ein.

Die Geschäfte von Agfa und GWI haben bisher wenig gemeinsam, außer dem gleichen Kundenkreis. Der belgische Foto-Konzern liefert Komponenten für bildgebende Geräte wie etwa Röntgen an Krankenhäuser, GWI verkauft Software zum Beispiel für elektronische Patientenakten und fürs Krankenhaus-Management.

"Die Übernahme stärkt den Standort Bonn, der Sitz der GWI bleibt hier", versuchte eine GWI-Sprecherin am Mittwoch mögliche Bedenken, nun könne ein Technologie- und Arbeitsplatz-Transfer vom Rhein nach Belgien einsetzen, zu zerstreuen.

Es sei sogar daran gedacht, die Agfa-Europazentrale für den gesamten Gesundheitsbereich in Bonn anzusiedeln. GWI beschäftigt 180 Leute in Bonn, hier sind Hauptverwaltung, Marketing, Vertrieb und Kundenservice angesiedelt. Forschung und Entwicklung sitzen in Trier und Wien.

Während die Bonner GWI in den vergangen Jahren kräftig gewachsen ist (siehe Tabelle) und Millionengewinne einfährt, befindet sich Agfa wegen des rasanten Übergangs vom normalen Film zu digitalen Systemen in diesem Jahr in einer Krise. Der Umsatz fiel in den ersten neun Monaten konzernweit um fast elf Prozent auf 2,8 Milliarden Euro.

Unterm Strich gab es bisher einen Nettoverlust von 212 Millionen Euro, der Gewinn in der Vorjahreszeit lag bei 134 Millionen Euro. In der Sparte Gesundheit fiel der Umsatz um gut sechs Prozent auf 979 Millionen Euro, der operative Gewinn brach um ein Drittel auf 137 Millionen Euro ein.

Die Übernahme sei "ein entscheidender Schritt zum Umbau von Agfa in ein global agierendes IT-Unternehmen im Gesundheitswesen", teilten GWI und Agfa offiziell mit. Die Gründer von GWI verkaufen ihre Anteile nach Angaben der Sprecherin, "weil die Zugehörigkeit zu einem Großunternehmen die Expansion in Europa erleichtert. Unser Ziel ist die Marktführerschaft in Zentraleuropa und unsere Konkurrenten sind Konzerne wie Siemens und General Electric."

Der Verkauf steht nach Angaben von Agfa und GWI noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Kartellbehörden. Neben dem festen Kaufpreis von 256,5 Millionen Euro fließen weitere maximal 95 Millionen Euro an die GWI-Eigentümer, wenn bestimmte Geschäftsziele erreicht werden.

Neben Haas und Wilbert, die das Unternehmen 1990 in Trier gründeten, 1997 in GWI AG Gesellschaft für Wirtschaftsberatung und Informatik umfirmierten und im Jahr 2000 nach Bonn zogen, ist an dem Unternehmen der Wagniskapitalfonds General Atlantic Partners (GAP) zu 40 Prozent beteiligt. Auch dessen Anteile kauft Agfa. An GAP wiederum ist der GWI-Aufsichtsratschef und frühere Mannesmann-Vorstandsvorsitzende Klaus Esser maßgeblich beteiligt.

Bonns Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann (SPD) wertete am Mittwoch den beabsichtigten Verkauf von GWI an Agfa sowie den in der vergangenen Woche bekannt gegebenen Verkauf von Tank & Rast ( der GA berichtete) an den britischen Finanzinvestor Terra Firma als "Ausdruck einer attraktiven und erfolgreichen Bonner Unternehmerlandschaft. Die Verkäufe können den Wirtschaftsstandort Bonn stärken."

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