Druck im Reinigungsgewerbe

„Das Putzen war nicht das Problem“

Die Reinigungsverträge für öffentliche Gebäude müssen regelmäßig neu ausgeschrieben werden.

Die Reinigungsverträge für öffentliche Gebäude müssen regelmäßig neu ausgeschrieben werden.

Bonn. Mobbing und sexistische Kommentare auf der einen Seite. Auf der anderen Seite Mitarbeiter, die sich nicht trauen, ihren Urlaubsanspruch wahrzunehmen. Der Druck im Reinigungsgewerbe ist groß. Ein Bonner Mitarbeiter packt aus.

Zwei Stunden blieben Andreas Kramer für den Behördenflur mit 35 Büros: Mülleimer leeren, Krümel von den Schreibtischen fegen, Fettflecken wegwischen und den Fußboden saugen. Dazu die Reinigung der Toiletten und der Kaffeeküche. „Aber das kann man schaffen“, sagt der 50-Jährige. Am späten Nachmittag, wenn die meisten Büros schon leer standen, habe er in Ruhe arbeiten können. „Das Putzen war nicht das Problem.“

Die Schwierigkeiten kamen nach und nach in den fast zwei Jahren, die der Bonner als Reinigungskraft gearbeitet hat. „Wie mit den Menschen in dieser Branche umgegangen wird“, sagt Kramer. „Daran konnte ich mich nicht gewöhnen.“ Kramer, der eigentlich anders heißt, hat seine Stelle im Streit verlassen. Der Job als Putzmann sollte ein Wiedereinstieg ins Berufsleben nach einer Auszeit sein. Er wurde für Kramer ein Ausflug in eine andere Welt. „Die Mittelschicht hat doch keine Ahnung, was da los ist“, sagt er. Beschimpfungen und sexistische Bemerkungen seien durch Vorgesetzte aber auch unter einigen Kollegen an der Tagesordnung gewesen. „Was nutzt ein Anti-Mobbing-Gesetz, wenn niemand es wagt, sich zu wehren?“, fragt Kramer.

Knapp 620 000 Menschen arbeiten in Deutschland nach Verbandsangaben in der Gebäudereinigungsbranche. Sie ist das beschäftigungsstärkste Handwerk, wie der Bundesinnungsverband Die Gebäudedienstleister mitteilt. Die knapp 20 000 Betriebe sind meiste kleine oder mittelständische Unternehmen. Sie erwirtschaften einen gemeinsamen Jahresumsatz von rund 17 Milliarden Euro. Dass der Mindestlohn von zehn Euro pro Stunde eingehalten wird, kontrolliert der Zoll.

Für den schlechten Ruf der Branche macht Bernhard Nordhausen vom Landesinnungsverband NRW Vorurteile verantwortlich. „Wir wollen als Arbeitgeber tarifliche Arbeitsbedingungen und arbeiten eng mit dem Zoll zusammen, der die Einhaltung von Mindestlöhnen kontrolliert“, sagt er. Gewerkschafter sprechen dagegen von einem in der Branche verbreiteten System aus Druck und Angst, das die Beschäftigten vielerorts davon abhalte, ihre Rechte geltend zu machen.

Kramer putzte sein „Revier“, wie die Branche die zu reinigenden Räume nennt, zuletzt mit einem Arbeitsvertrag über vier Stunden am Tag. Geleistet und auch bezahlt wurden sechs Stunden. „Das nennt sich Zusatz“, sagt Kramer. „So haben viele gearbeitet.“

Daniel Kopp, Fachreferent für das Gebäudereinigerhandwerk bei der Gewerkschaft IG Bau kennt die Praxis: „Dass regelmäßig deutlich mehr als vertraglich festgelegt gearbeitet wird, ist in der Branche Standard“, sagt er. „So wälzen die Betriebe das unternehmerische Risiko auf ihre Angestellten um.“ Wenn Aufträge wegfallen, könne problemlos auf die geringere Stundenzahl umgestellt werden. „Der Arbeitnehmer muss dann sehen, wie er mit weniger Geld auskommt.“ Auch die Lohnfortzahlungen während Urlaub oder Krankheit richteten sich entgegen den tariflich festgelegten Regelungen oft nach der geringeren Stundenzahl im Vertrag. „Das ist ein Riesen-Problem“, sagt der Gewerkschafter. „Viele Reinigungskräfte kommen mit dem Geld dann nicht über die Runden und verzichten lieber ganz auf Urlaub.“

Manche Angestellte in der Branche streichen ihren eigenen Urlaub nach Gewerkschaftsangaben auch deshalb, weil der Arbeitgeber von ihnen einen Ersatz für ihre Dienste fordert. „Zum Teil wird massiv Druck ausgeübt, man verliere sonst den Auftrag“, sagt Kopp. Arbeitgebervertreter bestreiten das: „Völliger Unsinn“, meint Verbandsvertreter Nordhausen. „Vielleicht fragt mal einer, ob jemand eine Vertretung kennt, manchmal kommen die Mitarbeiter auch von alleine mit Vorschlägen.“

Andreas Kramer hat viele seiner Kollegen als weniger selbstbewusst kennengelernt. „In den Putz-Kolonnen arbeiten viele Ausländer, die ihre Rechte als Arbeitnehmer überhaupt nicht kennen“, sagt er. Auch die ständige Befristung von Verträgen sorge dafür, „dass keiner aufmuckt“. Wer auf eine Anschlussbeschäftigung hoffe, nehme viel in Kauf.

Dazu kommt: Reinigungsverträge für die – in Bonn besonders stark vertreten – öffentlichen Gebäude wie Behörden müssen laut EU-Richtlinien regelmäßig neu ausgeschrieben werden. „Dann ist der Vertrag erst einmal beendet.“ So ging es auch Kramer. Nach zwei Jahren ging der Auftrag für „sein Revier“ an einen anderen bundesweit tätigen Reinigungskonzern. Der hat einen Großteil der bereits eingearbeiteten Putzkräfte übernommen. Neuer Vertrag, neue Befristung.

„Die Unternehmen passen sorgfältig auf, dass in solchen Fällen die Bedingungen für einen so genannten Betriebsübergang nicht erfüllt sind“, sagt Gewerkschafter Kopp. Denn dann schreibe das Gesetz vor, dass die Arbeitnehmer nach ihrem alten Vertrag weiterbeschäftigt werden müssen. Eine Kündigung würde schwieriger, eine neue Befristung eventuell unmöglich. „Keiner hat das so richtig verstanden“, erinnert sich Kramer: „Am einen Tag erhielten wir die Kündigungen. Am nächsten Tag sollten wir unter dem neuen Eigentümer am alten Ort weiterarbeiten.“

Dass bei einem Wechsel des Reinigungsdienstes auch die Mitarbeiter auch die Putzkolonne des betroffenen Hauses zu dem neuen Dienst wechselt, kommt nach Angaben von Dirk Müller, Obermeister der Gebäudereiniger-Innung Bonn/Rhein-Sieg, regelmäßig vor. Für ihn ist das Vorgehen ein Zeichen dafür, dass die Branche dringend Mitarbeiter sucht und jeder nach einer betriebsbedingten Kündigung schnell eine neue Stelle findet.

„Schwarze Schafe gibt es in jeder Branche“, sagt Müller. „Aber die Gebäudereiniger gerade in unserer Region können es sich überhaupt nicht leisten, etwa gegen den tariflichen Mindestlohn zu verstoßen.“ Denn dann könnten sie langfristig keine Mitarbeiter halten. Rund 40 Reinigungsunternehmen in Bonn und dem Rhein-Sieg-Kreis beschäftigen laut Müller derzeit etwa 5000 Menschen. „Und es wird immer schwerer, gute Leute zu finden.“