Die fatale Verbeugung des Herrn Schettino

ROM.  Drei Tage nach dem Schiffsunglück vor Giglio haben sich die Hinweise auf fahrlässiges Verhalten des Kapitäns verdichtet.
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Verzweifelte Rettungsbemühungen: Feuerwehrleute versuchen, ins Innere des havarierten Schiffes zu gelangen. Foto: ap

Immerhin, das Wetter ist wieder besser geworden am Montagnachmittag, die Suche nach vermissten Passagieren kann weitergehen, zumindest vorübergehend. Vom Hafen von Giglio starten Boote zur havarierten "Costa Concordia", die mit ihren gewaltigen Ausmaßen unmittelbar vor der Küste liegt.

Birgt sie noch die vermissten Deutschen? Von einem Paar aus Berlin, einem Paar aus Nordrhein-Westfalen sowie fünf Senioren aus Hessen und zwei Frauen aus Baden-Württemberg fehlte gestern noch jede Spur. Bisher wurden die Leichen von sechs Menschen gefunden - gestorben offenbar wegen eines leichtsinnigen und eitlen Manövers ihres Kapitäns.

Wäre das Unglück nicht passiert, die Welt hätte von der so gut gemeinten wie fatalen Idee von Francesco Schettino nie etwas erfahren. Es war kurz vor dem Unfall am Freitagabend, die "Costa Concordia" war unterwegs Richtung Genua, da ließ Kapitän Francesco Schettino laut der Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" den Oberkellner Antonello Tievoli auf die Kommandobrücke rufen. "Antonello, schau mal, wir sind ganz nahe an deinem Giglio", sagte der Kapitän stolz. Doch Tievoli, dessen Eltern von Giglio stammen, war alles andere als begeistert. "Vorsicht, wir sind extrem nahe am Ufer", warnte er. Unmittelbar darauf lief das Schiff auf Felsen auf.

Die Geschichte, die am Montag der "Corriere della Sera" veröffentlichte, klingt so unglaublich wie plausibel. Denn laut italienischen Medienberichten verdichten sich die Hinweise, dass Kapitän Francesco Schettino ganz bewusst so nah wie möglich an der Insel Giglio vorbeifahren wollte - das einzige Ziel war laut italienischen Zeitungen das "inchinamento", eine "Verbeugung" - ein Manöver, bei dem ein Schiff mit voller Beleuchtung, sozusagen im Festtagsgewand, möglichst nah an einen Punkt an Land fährt.

Der Kapitän wollte aber nicht nur dem Oberkellner die Ehre erweisen, dem er kurz zuvor einen Landaufenthalt gestrichen hatte, sondern auch einem auf Giglio wohnenden, pensionierten Kapitän sowie dem Bürgermeister des Inselchens. Denn der hatte im vergangenen August schon Francesco Schettino euphorisch für ein ähnliches Manöver gedankt, das damals gutgegangen war. Jetzt staunt Italien über das erstaunliche Maß an Eitelkeit und kindischen Ehrerbietungsritualen, das zu dem Unglück geführt haben könnte: "Die Nachlässigkeit des Kapitäns ist unendschuldbar", urteilte der "Corriere" am Montag.

Tatsächlich sitzt Francesco Schettino, 52 Jahre alt, bereits in Untersuchungshaft - die Zeiten in denen er braungebrannt und in mal blütenweißer, mal dunkler Uniform mit Touristen posierte, sind vorerst vorbei. Laut Staatsanwaltschaft bestehen Flucht- und Verdunkelungsgefahr: Laut "Corriere della Sera" sei er unter anderem festgenommen worden, weil die Gefahr bestanden habe, er könne Beweismaterial manipulieren: Eine Rückkehr an Bord zur Evakuierung verbliebener Passagiere hatte Schettino gegenüber der Küstenwache mehrfach abgelehnt, dann aber angeboten, die Blackbox des havarierten Schiffes zu bergen, auf der die Gespräche auf der Kommandobrücke aufgezeichnet werden. Tatsächlich ist die Blackbox mittlerweile an Land und kann dort nähere Aufschlüsse über die Dynamik des Unglücks geben.

Um Kapitän Francesco Schettino wird es unterdessen einsam - hatte sich die Genueser Reederei "Costa Crociere" zunächst schützend vor ihren Angestellten gestellt, distanziert sie sich jetzt von seinem Verhalten an Bord. "Wir müssen den Tatsachen ins Auge sehen und können menschliches Versagen nicht bestreiten", sagte Costa-Kreuzfahrten-Chef Pier Luigi Foschi gestern in Genua.

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