Sommer ohne Sonne
Nachruf auf eine Jahreszeit
Bonn. Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Haben alle das Gefühl: "Was für ein Scheißsommer!" (Entschuldigung, der Ausdruck muss sein), kommt bestimmt ein Meteorologe um die Ecke und sagt: Alles ganz normal. Diesmal ist es eine Meteorologin: "Das ist ein ganz normaler mitteleuropäischer Sommer", sagt Sabine Krüger vom Deutschen Wetterdienst (DWD).
In Zahlen: Die Temperatur lag in der ersten Sommerhälfte um 0,2 Grad über dem langjährigen Mittel. 219 Stunden schien die Sonne, knapp ein Drittel der für den ganzen Sommer prognostizieren 615 Stunden. Und geregnet hat's beim DWD in Offenbach auch nicht mehr als sonst. 130,5 Liter in der ersten Hälfte. Klar, gefühlt waren es doppelt so viel. Aber Statistiken, wir wissen es, lügen ja nicht.
Manche Meteorologen sind allerdings vorsichtiger als Sabine Krüger. Gerhard Lux (!) vom selben Unternehmen ließ sich noch Anfang des Monats zu der Prognose hinreißen: "Der Sommer könnte warm, kalt oder normal werden." Und mit dieser Aussage hat er ganz ohne Zweifel die Trefferquote des Dienstes beträchtlich erhöht.
Vom dritten Wetterkundigen in unserer Runde, er schreibt auf "wettervorhersage.de", will aber lieber anonym bleiben, stammt das Prinzip Hoffnung: "Je länger eine wetterbestimmende Großwetterlage vorherrschend ist, desto wahrscheinlicher wird es, dass sich eine andere entwickeln wird." Der Meteorologe nennt das "Ausgleichsverhalten". Also: Noch ist nicht aller Sommer Ende, vielleicht steht er schon vor der Tür...
Sommer, das steht fest, ist eine Jahreszeit, die jedoch unterschiedlich lange dauert. Bei den Kalendermachern beginnt er am 21. Juni und endet am 21. oder 22. September. Bei den schon zitierten Meteorologen startet er bereits am 1. Juni, dafür ist am 31. August Schluss. Der unumstrittene Kernsommer dauert also gerade mal zehn Wochen - wenn er denn kommt. Sommer, jetzt wird es noch strittiger, ist die wärmste aller Jahreszeiten, sagt man. Gefühlt aber haben wir derzeit Herbst, oder auch Frühling (ohne entsprechende Gefühle) - nur Winter, ok, das wär übertrieben. Der Schneeschieber kann denn doch im Schopf bleiben.
Das wäre alles nicht so schlimm, wenn Sommer nicht auch eine Erwartung wäre. Sommer, Sonne, Leichtigkeit. Und weil das so ist, weil es diesen Traum vom Sommer gibt, lässt sich der Deutsche auch nicht so schnell entmutigen. Nur 33 Prozent haben die Hoffnung auf einen schönen Sommer bereits aufgegeben, 65 Prozent glauben dagegen, dass er noch kommen könnte. Ermittelt Emnid - und die liegen, wie man ebenfalls weiß, (fast) immer richtig.
Wobei: Der Deutsche ist auch Realist. Sagt Claudia Gilles vom Deutschen Tourismusverband: "Die Gäste, die häufiger in Deutschland unterwegs waren, wissen, der Sommer kann mal so und mal so ausfallen." Wieder eine Aussage mit hoher Trefferquote. Gefolgt von folgender Erkenntnis: "Dort, wo man sehr stark outdoor orientiert ist, ist es etwas wetterempfindlicher." Das hätten wir nicht schöner sagen können. Obwohl: Das geht auch konkreter. Ungezählt die Sommerfeste, die ins Wasser fielen, die Summerbreaks und Hafensommer, die Reggae Summer und die Sommer im Park, die Feste, wo man sich nicht mehr schützen konnte. Kurz: Da wurde landauf landab aus dem Sommerland oft ein Sauerland.
Dass wir dies alles Tiefs mit weiblichen Vornamen verdanken, zuletzt Petra, macht die Sache auch nicht besser. Schließlich heißt das Ding, das wir uns wünschen, Hochsommer, nicht Tiefsommer. Wir würden deshalb gern ein Hoch auf den Sommer ausrufen, aber lieber noch ein Hoch für diesen Sommer herbeiholen. "Wann kommt der Sommer?", wird der Kollege am Empfang im Verlagsgebäude gefragt. "Der hat Spätdienst."
Spaß beiseite. Ruft der Besucher aus Wisconsin am Rheinufer: "Wann redest Du endlich mit dem Wettergott?" Er hat noch mehr Grund zu klagen, denn in seinen Staaten gibt's in diesem Jahr Hitze wie lange nicht mehr. Das aber wirklich nur am Rande: Es ist nicht überall kein Sommer auf dieser Nordhalbkugel. Sommer ist, wenn er denn da ist, eine Erwartung, ein Gefühl, manchmal auch ein Geschäft. Ginge es nach Angebot und Nachfrage, müsste die Eiskugel im Sonderangebot zu haben sein. Müssten Wassermelonen Hochkonjunktur haben. Haben sie aber nicht.
Zurück in die Realität. Hochkonjunktur haben in diesen Wochen beispielsweise die Museen. Sind proppenvoll. Überraschende Erkenntnis also: Verregnete Sommer machen die Menschen gebildeter. Oder auch nicht. Denn das Fernsehen ist und bleibt wie jedes Jahr wetterresistent. Eine Wiederholung jagt die andere wie ein Tief das nächste.
Kommen wir zum Sport. Nicht zum Wassertreten, der Trendsportart dieses Sommers, sondern zu zwei Ereignissen, einem tröstlichen, einem typischen. Typisch: Die Macher der Olympischen Sommer(!)-Spiele rechnen mit nassen Füßen. Aber wer solche Events nach England vergibt, muss sich eigentlich nicht wundern. Tröstlich: Letzten Sonntag auf der Insel, sagt Wetterexperte Brendan Jones, war "einer der trockensten Tage, die wir seit langem hatten". Mehr noch: Stellenweise kam die Sonne kurz heraus.
Ein Phänomen, das in dieser Woche auch die Ordnungshüter in Gelsenkirchen beobachteten. Dort hatten mehrere Bürger laut Polizeibericht ebenfalls am Sonntag gegen 10.41 Uhr "eine gleißend helle Erscheinung am Himmel" festgestellt und das natürlich gemeldet. Doch das gab sich schnell wieder.
Zur Freude von Steffi Graf, unserer Tenniskönigin a.D. Die besucht mit ihrem André und den Kindern wie jedes Jahr Deutschland, kommt aus der Hitze von Las Vegas und gibt zu Protokoll: "Ich freue mich über den Regen und dass man die Fenster nachts aufmachen kann." Wohlan denn, aber bitte besser auf kipp stellen! Man weiß ja nie. Muss man noch erwähnen, dass es am Siebenschläfertag in diesem Jahr geschüttet hat? Muss man noch erwähnen, dass der Hundertjährige Kalender für den Rest der Woche Regenwetter vorhersagt?
Bleibt nur, zwei Infos aus Italien rüberzubringen. In Celle Ligure werden Sonnenliegen und Schirme jetzt nach Wetter vergeben: Ist es wolkig, sinkt der Preis. Die andere Information ist Resultat einer Reise von München nach Genua, der Reisende war Heinrich Heine. Er urteilte: "Unser Sommer ist nur ein grün angestrichener Winter." Damals schon.
Sommerloch, Sommerpause. Kein Sommermärchen. Da passt es gut sich daran zu erinnern, dass die ansonsten nicht weitsichtige Stadt Bonn schon im vergangenen Jahr den Bonner Sommer abgeschafft hat. Ersatzlos. Schluss. Aus.
Machen Sie mit! Auch schlechtes Wetter kann seine guten Seiten haben - zumindest für Fotografen: Schicken Sie uns Ihre schönsten Schlechtwetter-Fotos, egal ob mit dem Handy geschossen oder der Profi-Kamera, an service@ga-bonn.de. Die Fotos werden online veröffentlicht.
Artikel vom 20.07.2012



