Das GA-Torfieber grassiert wieder
Alle Infos zum großen E- und F-Junioren-Turnier des General-Anzeiger
Der kleine Spielplatz mit der Schildkröte zum Klettern und dem Sandkasten unweit der Weißenfelser Innenstadt in Sachsen-Anhalt ist am Sonntag verwaist. Dort spielten eine Fünfjährige und ihr ein Jahr älterer Bruder am Tag zuvor wohl zuletzt, bevor sie keine 300 Meter entfernt von ihrem Wohnhaus verschwinden. Vielleicht lockten die bizarren Eisschollen am Ufer der nahen Saale.
Die Mutter ist derweil in ihrem Haus in Sichtweite, bemerkt das Verschwinden der beiden aber zu spät. Stunden später wird das kleine Mädchen tot in dem vier Grad kalten Fluss entdeckt. Ihr Bruder bleibt verschwunden. Hinweise auf ein Verbrechen hat die Polizei nicht. Die Ermittler versuchen in akribischer Arbeit herauszufinden, wo genau die Kinder entlanggelaufen sind.
Die Zwei sind nach bisherigen Erkenntnissen allein, als sie beschließen, am großen Fluss umherzustromern. Das finden die Experten anhand der Fährte heraus, die ein Spezialhund über Geruchsproben der Kinder aufgenommen hat. "Feuer und Wasser, das zieht Kinder magisch an", sagt Polizeisprecher Jörg Bethmann. Stundenlang sind bis zu 170 Kräfte von Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, DRK und Polizei im Einsatz, nehmen praktisch jeden Strauch unter die Lupe.
Sie suchen
mit Tauchern den stellenweise etwa 50 Meter breiten Fluss ab, auch unter den bis
zu 20 Zentimeter starken Eisschollen. Feuerwehrleute mit Schwimmwesten lassen an
dem glitschigen Hang ein Schlauchboot ins Wasser. Gartenlauben werden durchkämmt
- vielleicht hat sich der Junge aus Angst auch nur versteckt?
Eine
junge Hundeführerin aus Thüringen wird mit ihren Kollegen nach Sachsen-Anhalt
gerufen. Sie führt ihren Fährtenhund an der Leine. "Man fühlt mit der Mutter
mit", sagt sie und blickt zu dem Wohnhaus, in dem das Geschwisterpaar
lebte. In dem grauen Einfamilienhaus nahe des Weißenfelser Schlosses
kümmern sich Notärzte und Psychologen um die 43 Jahre alte Mutter von insgesamt
fünf Kindern. Sie leben getrennt vom Vater, der aber ebenfalls in der Kleinstadt
im Süden Sachsen-Anhalts geblieben ist.
Die Verzweiflung der Mutter
mag sich kaum einer vorstellen, als sie die Fünfjährige und den Sechsjährigen am
Samstagnachmittag nicht auf dem Spielplatz antrifft. In ihrer Sorge sucht sie
die Umgebung ab, auch am Fluss ist die Frau unterwegs. Sie findet die Kinder
nicht, ruft die Polizei. Ein Hubschrauber lockt neugierige Bürger an,
die die Suchaktion verfolgen.
"Man hat ja als Eltern immer noch die Hoffnung,
dass sie den Kleinen lebend finden", sagt der zweifache Vater Christian
Kaatzsch. "Jahrelang ist es gut gegangen, aber hier ist ja auch nichts weiter
abgesperrt", ergänzt seine Frau Sandra und presst ihren dreijährigen Sohn fest
an sich. "Wenn sie im Eis eingebrochen sind, dann haben sie keine Chance",
glaubt ein Rentner.
"Wir hoffen immer noch, dass ihr Bruder sich hier
irgendwo versteckt hält, dass er vielleicht aus Angst, weil seine Schwester ins
Wasser gefallen oder im Eis eingebrochen ist, weggelaufen ist", sagt Bethmann.
Die Wahrscheinlichkeit, ihn lebend zu finden, sinkt stündlich.
Die
Suche nach dem Jungen dauert bei Einbruch der Dunkelheit an - derweil gedenken
etwa 500 Bürger der Kleinstadt und viele Kinder in der Marienkirche am
Marktplatz dem toten Mädchen. Kerzen werden aufgestellt, Teddys liegen am Altar.
Der evangelische Pfarrer Martin Schmelzer sagt sichtlich erschüttert: "Der
Verlust eines Kindes wiegt so schwer, dass Worte kaum zu finden sind."
Artikel vom 20.02.2012