Variationen eines Festes

Die Geburt Christi ist auch eine knallharte Geschichte

Weihnachten ist nicht Süßholz, sondern Steinboden. Weihnachten ist, wenn man so will, eine knallharte Geschichte. Von Elend und Erlösung, Anstrengung und Aufgenommenwerden.

Weihnachten! Geschenkt? Na klar! Und wie! Auf mehrfache Weise. Geschafft? Auch das! Gehört zum Fest.

Die einen warten auf die Geburt Jesu, die anderen auf die Geschenke. Kaum einer, der nicht wartet. Das unschuldige Nichtwartenwollen der Kinder, das hektische Nichtwartenkönnen der Erwachsenen. Man sollte die Weihnachtsfeiern in den Sommer verlegen... Dennoch: Fast alle feiern Weihnachten. Irgendwie.

Weihnachten ist ein christliches Fest, aber auch ein demokratisches. Es gibt so viele verschiedene. Weihnachten mögen auch die, die es eigentlich nicht mögen. Die Zahl derer, für die das Fest (in diesem Jahr) nur drei freie Werktage sind, ist verschwindend klein.

Vorweihnachten, jeder erlebt das, ist zunächst mal Wahnsinn. Wahnsinn mit Methode, mit den immer gleichen Vorsätzen. Nächstes mal weniger! Die garantiert frisch geschlagenen Tannen haben sich schon im Oktober auf die Reise von Skandinavien zu den Weihnachtsmärkten gemacht, Spekulatius und Mandelkern türmen sich seit September in den Geschäften - und vor dem Fest gibt's Prozente! Sale! Weihnachten ist Ausverkauf.

Irrtum. Weihnachten ist "in". Jeder weiß, was Weihnachten ist. 63 Prozent assoziieren damit ein religiöses Fest. Haben sie im vergangenen Jahr in einer Umfrage gesagt. Nur 31 Prozent zuallererst freie Tage. "Jeder Zehnte", tönte der "Stern" vor Jahren, "kennt die Bedeutung von Weihnachten nicht". Falsch, die richtige Zeile müsste lauten: Neun von zehn wissen, was Weihnachten bedeutet. Eine sensationelle Zahl!

Es gibt weitere Assoziationen, Assoziationen, die zwingend sind. Weiße Weihnacht! Jedenfalls bei uns. Nicht in Australien oder Argentinien. Je dunkler, desto heller strahlt der Stern. Je weißer, desto reiner. Muss man sich schämen, wenn man sich über die Schönheit eines Tannenbaums freut, auch wenn man nicht glaubt?

Materielle und immaterielle Wünsche. Malu Dreyer, die designierte Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, hat in diesen Tagen gesagt: "Wir schenken uns oft einfach nur uns selbst." Christen erhalten an Weihnachten Jesus geschenkt. Er wird Mensch. Hätte er doch gar nicht nötig gehabt, er ist doch der Chef! Nicht-religiös gedacht: Von dieser Vermenschlichung könnte sich manch Chef auf Erden eine Scheibe abschneiden.

Die wichtigsten Wünsche sind, je älter, je mehr, die, deren Erfüllung man nicht in der Hand hat: Gesundheit, Liebe. Die schönsten Geschenke sind die, die überraschen, die nicht auf einer Geschenkeliste standen, die im Advent abgearbeitet wurde. Womit wir wieder in der Realität wären!

Jesus kommt als nicht-eheliches Kind auf die Welt. Maria und Josef, zugegeben, waren verlobt, mehr aber auch nicht. Max Koranyi, der evangelische Pfarrer von Stieldorf, schreibt in seinen "Andachten": "Auch die Mutter des Heiligen Kindes hätte denken können: Das mache ich nur mit geregeltem Elterngeld, weichgespülten Babysocken und einem Mann, auf den man sich endlich verlassen kann. Hat sie aber nicht."

Stattdessen gibt's ne Sturzgeburt im Stall, weil alle "Hotels" ausgebucht waren. "Driving home for christmas"! Oder: Nichts mehr frei wegen Volkszählung.

Nochmal Koranyi zu Weihnachten, Wünschen und Wirklichkeit: "Es ist ja durchaus denkbar, dass wir in diesem Jahr schlichtweg sagen: Ich erwarte nichts. Ich lasse mal alles auf mich zukommen. Ich glaube, wir stünden in guter Gesellschaft. Ob die Hirten etwa vor der Heiligen Nacht zueinander gesagt haben: Heute Nacht lassen wir es mal so richtig krachen? Ich glaube, die waren schon mit einer warmen Mahlzeit völlig zufrieden."

Will sagen: Weihnachten ist nicht Süßholz, sondern Steinboden. Weihnachten ist, wenn man so will, eine knallharte Geschichte. Von Elend und Erlösung, Anstrengung und Aufgenommenwerden. Hans-Jochen Vogel erinnert dazu an Ludwig Thomas "Heilige Nacht", in der er "die Leut" fragt, "ob das nichts bedeutet, dass das Christkind bloß arme Leut gesehen haben?". Und er antwortet: "Doch, es bedeutet etwas."

Das Fest ist nicht nur festlich. Da muss man nicht nur oberflächlich an all die Familienstreitigkeiten denken, die am Fest ausbrechen, nicht wegen Weihnachten, sondern weil man sich sonst nicht sieht im Jahresverlauf. So, wie man zu Weihnachten Menschen eine Karte schreibt, die man das ganze Jahr nicht sieht, spricht, hört. Nein, es wird, natürlich, nicht alles gut, nur weil alles so schön glitzert. Kranke bleiben krank, auch am Fest wird gestorben. Auch an Weihnachten wird geschossen.

Die Geburt Christi und der Wunsch nach Frieden. Erlösung. Untrennbar miteinander verbunden. Und deshalb kommt immer zu Weihnachten der Nahe Osten in den Blick. Die Region, in der Jesus gelebt hat. Nazareth, Bethlehem, Jerusalem. "Friede auf Erden?" Von wegen. Unfrieden, wohin man blickt. Ohne erkennbaren Sinn, ohne Entwicklung.

Übrigens auch dort, wo es absolut überflüssig ist: Weihnachten im Fernsehen. Gut, es gibt Besinnliches, Kinderchöre, Konzerte, Märchen. Aber ansonsten: Actionfilme ohne Ende. Wie an keinen anderen drei Tagen im Fernsehjahr. Ablenkung für die, die Ruhe nicht ertragen? Karfreitag läuft auch in diesem Land immer noch als stiller Feiertag. Warum schaffen es die Programmmacher nicht, das an Weihnachten fortzusetzen? Quote, alles Quote! The same procedure as every year! Zugegeben: In diesem Jahr offenbar ein wenig entschärft!

Hildegard Hamm-Brücher, die große alte Dame des deutschen Liberalismus, setzt dagegen im wunderbaren Weihnachtsmagazin der "Zeit" ihre Erfahrung der Weihnacht 1945: "Zum ersten Mal verstand ich Christi Geburt als Advent, als wirkliche Ankunft des Friedens, der Freiheit und der Hoffnung auf Versöhnung. Es war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Bald 90 Mal habe ich Weihnachten in meinem langen Leben gefeiert, immer anders, mal fröhlich, mal traurig, aber es war immer die gleiche spannende Geschichte in ihrer Vielfalt und Glückserfahrung." Die machen die meisten Menschen an Weihnachten in ihrer Familie.

Wärme, Vertrautheit. Ein Wunsch an Weihnachten. Gerade für die, die das Jahr über durchackern. Noch einmal der Pfarrer aus Stieldorf: "Es gab eine Zeit in den 60ern, 70ern, da floh das junge Volk eher die Enge der Elternhäuser. Den Mief bürgerlicher Konventionen. Die sinnlose Schenkerei.

Die scheinbar überlebten Rituale des Weihnachtsfestes... Inzwischen aber haben sich die modernen Nomaden besonnen. Und verspüren mit Joseph und Maria: Eigentlich ist Weihnachten dort am schönsten, wo es einmal Heimat gab....Gerade für solche, die sich jedes dritte Jahr in einer neuen Stadt ein neues Projekt in einem neuen Job mit einer neuen Lebensabschnittspartnerin suchen müssen."

Weihnachten hat also auch viel mit Vertrautheit, das ist der positive Begriff, oder Gewohnheit, das ist die eher negative Variante, zu tun. Was passiert, wenn es anders wird, wenn vertraute Gewohnheiten in Frage gestellt werden, hat Amelie Fried aus ihrer Familie erzählt. Eines Weihnachten, schreibt sie, habe ihre Mutter ihnen eröffnet, dass an diesem Fest drei fremde Menschen aus Eritrea bei ihnen zu Hause eingeladen seien.

Erst Protest, dann Angst, dann Freude war die Reaktion auf das Unbekannte. Ergebnis im Hause Fried: "Es wurde der einzige Weihnachtsfeiertag, an dem mein kleiner Bruder vergaß, sich mit uns um das Bruststück der Gans zu streiten." Eine neue Festtagserfahrung. Die Welt ist dadurch für Amelie Fried nicht untergegangen, sondern reicher geworden.

Es ist kein Zufall, dass mit der Wintersonnenwende etwa der Maya-Kalender den Weltuntergang prophezeit hat, der auch in diesem Jahr wieder ausgeblieben ist. Weihnachten in christlicher Sicht ist das genaue Gegenteil von Weltuntergang. Ist Erlösung, neues Leben. Da hat übrigens Papst Benedikt XVI. auf seiner Deutschlandreise im vergangenen Jahr für manche Verwirrung gesorgt, als er in Freiburg das Wort von der notwendigen Entweltlichung der Kirche sprach, ein schwer verständliches Wort, erst recht an einem Fest, an dem gefeiert wird, dass Jesus genau in diese Welt kommt.

Deshalb nutzte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, der Freiburger Erzbischof Robert Zollitsch, seine letztjährige Weihnachtspredigt, um dieses Wort von der Entweltlichung zu erklären, wenn man so will, gerade zu rücken: "Es wäre grundfalsch, daraus abzuleiten, Christen sollten aus der Welt fliehen, sich in die Sakristei zurückziehen und die Gesellschaft ihrem Schicksal überlassen. Wie könnte das sein, da Gott selbst den Weg in diese Welt hinein gewählt hat."

Sein "Kollege", der Präses der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, meint Ähnliches, wenn er sagt: "Unsere manchmal verschüttete und manchmal auch recht diffuse Weihnachtssehnsucht sucht nach einem heilsamen Zusammenklang von himmlischer Wirklichkeit und Wirkmächtigkeit Gottes mit unserem oft recht heillosen Erdenleben."

Und Jan Ross hat im schon erwähnten Weihnachtsmagazin der "Zeit" dazu den Philosophen Ernst Bloch und sein "Prinzip Hoffnung" herausgekramt. Er schreibt: "Es stimmt nicht, dass Geschichten mit unglaubwürdigem Happy End und schmalzige Melodien einfach zynisch kalkulierte Verkaufsartikel oder ideologische Machwerke wären.

Das sind sie natürlich auch, sogar vor allem. Doch drückt sich in ihnen daneben das Fernweh nach einem besseren Leben aus, vielleicht sogar ein Anknüpfungspunkt für Protest und Rebellion. Es könnte anders sein, es muss anders werden."

So verstanden ist Weihnachten dann eben nicht nur Weihrauch und Vision, sondern klare Wirklichkeit. So verstanden, kann Weihnachten auch der mögen, der es eigentlich nicht mag. Hauptsache, "der Geist der Weihnacht" hat eine Chance - auch wenn das wieder nur ein Musicaltitel ist.

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