Schloss Windsor

Die Deutsche Anne Finlay lebt seit 2004 in der Residenz

WINDSOR.  Mal eben spontan an der Haustür bei Anne Finlay klingeln, das funktioniert nicht. Wer sie besuchen möchte, muss erst die Palastwache vorbeilassen. Dann wartet der Gast unter einer bekrönten Laterne darauf, dass die Lehrerin aus dem Ruhrgebiet durch berühmte Torbögen heranschreitet. Als einzige Deutsche residiert sie im Schloss Windsor.
Wohnen in der Wochenendresidenz der britischen Königin: Anne und Hueston Finlay vor Schloss Windsor.
							Foto: Anne Finlay
Wohnen in der Wochenendresidenz der britischen Königin: Anne und Hueston Finlay vor Schloss Windsor. Foto: Anne Finlay

Galant schiebt Anne Finlay sich an Heerscharen von Touristen vorbei und fischt einen schweren Eisenschlüssel aus der Handtasche. Er passt zu einer unauffälligen Holzpforte, die sich quietschend öffnet und den Blick frei gibt auf feinste Rasenlandschaften. "Dies ist der private Park, zu dem nur die Königsfamilie und die Schlossbewohner Zugang haben", sagt Finlay. Gassi gehen mit ihrem Hund Bella hat hier ein anderes Flair als in ihrer alten Heimat: "Manchmal sieht man die Queen mit Kopftuch vorbeireiten."

Dass Annegret Mikulsi aus Herne heute als Anne Finlay in Windsor bekannt ist, verdankt die 50-Jährige dem Wirken Amors. Der verschoss 1989 seine Pfeile, als der irische Theologe Hueston zu einem Austauschbesuch ins Ruhrgebiet kam. "Ich wusste zwei Wochen später, dass Hueston der Mann meines Lebens ist", erinnert sich Anne. Die beiden heirateten in Deutschland, zogen erst nach Kilkenny in Irland und später nach Cambridge, wo der Pfarrer als Dekan und Lehrbeauftragter arbeitete. Bis eines Tages ein Umschlag ins Haus flatterte.

"Er trug den Stempel der Downing Street", so Anne Finlay, "zuerst dachten wir, uns will jemand auf den Arm nehmen." Mitnichten: Gatte Hueston war im Gespräch für den Posten eines Kanonikers am Schloss Windsor - jemand, der die Finanzen der dortigen Georgskapelle regelt und vor hohem Besuch predigt. In der letzten Bewerbungsrunde saß ihm ein freundlich lächelnder Prinz Philip gegenüber, der Ehemann der Queen.

2004 zog die Familie hinter die Schlossmauern. Anne Finlay, Lehrerin, Molekularbiologin und Mutter von drei Kindern, musste sich auf das neue Ambiente erst mal einstellen: "Es gab gleich einen Empfang mit der Queen, also musste schnell ein festliches Kostüm her." Hut um Hut folgte.

Die Unterkunft im Schloss, eine Maisonette-Wohnung direkt an den Kreuzgängen, kommt mit historischen Überraschungen, die selbst leidgeprüfte Altbau-Besitzer blass werden lassen. "Bei der Renovierung wurden Reste des ursprünglichen Fundaments gefunden", erinnert sich Finlay. Archäologen rücken an, die Familie muss jahrelang Quartier in einem Turm beziehen. Und tut es freudestrahlend: "Wer hat schon auf jeder Etage ringsum Fenster?"

Heute ziehen sich die Reste jener alten Palastmauern nonchalant durch Finlays Abstellraum im Keller; was auf anderen Etagen als Wandschrank anmutet, ist eine Tür, die faszinierende Wandmalereien aus dem Mittelalter verdeckt. Mehr lebende und vergangene Geschichte in einer Privatwohnung ist kaum möglich.

Die Schrulligkeiten ihres Wohnsitzes nimmt Anne Finlay gern in Kauf: Für jede vergessene Milch müssen die Finlays sich ihren Sicherheitspass schnappen und die Schlossmauern zum Einkaufen verlassen. Bei Kindergeburtstagen braucht das Wachpersonal am Tor die Gästeliste. Dafür dürfen die Kinder dann auch in einem echten Verlies spielen. Parkplätze vor dem "Haus" bekommt man aus verständlichen Gründen eher selten; und wenn, dann muss man seine Abfahrt genau planen. "Wenn Wachwechsel ist, kommen wir eine Stunde lang nicht zum Tor raus", sagt Finlay. "Dafür müssen wir auch nie die Haustür abschließen", so die Deutsche, "hier ist es absolut sicher."

200 Menschen wohnen in dem historischen Schloss mit der Queen - Geistliche, Ritter, Stallmeister und Bedienstete des Königlichen Haushaltes. "Wenn am Abend die letzten Touristen gegangen sind, kehrt Dorfleben innerhalb der Mauern ein", so Finlay. Da wird der Grill rausgeholt oder eine zivilisierte Dinner-Party geschmissen. So, wie die Queen es gerne sieht.

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