Verdächtiger im Fall Lübcke

Die zwei Leben des Stephan E.

Blick auf den Eingang zum Wohnhaus von Stephan E. in Kassel. Eine rote Holzplatte ersetzt die Tür, nachdem diese von einem Spezialeinsatzkommando aufgebrochen worden war.

Blick auf den Eingang zum Wohnhaus von Stephan E. in Kassel. Eine rote Holzplatte ersetzt die Tür, nachdem diese von einem Spezialeinsatzkommando aufgebrochen worden war.

18.06.2019 Kassel. Seit Sonntag sitzt ein 45-Jähriger aus Kassel in Untersuchungshaft. Er soll den Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschossen haben. Wer sich im Umfeld des Verdächtigen umhört, merkt: Stephan E. hatte mindestens zwei Gesichter.

Es ist ein Einfamilienhaus im Kasseler Osten. Im Gärten hängt frische Wäsche, um das Haus schleicht friedlich ein großer weißer Hund. Das Viertel ist gutbürgerlich.

Dass hier etwas nicht stimmt, zeigt nur die rote Holzplatte, die die Haustür ersetzt. Denn am Samstag wurde die Tür aufgebrochen - und ein Spezialeinsatzkommando nahm Stephan E. fest. Der 45-Jährige soll vor mehr als zwei Wochen den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU) erschossen haben. Er sitzt nun in Untersuchungshaft.

Auf die Frage, wer Stephan E. ist, gibt es zwei Antworten. Da ist einmal der Mann, dem Verfassungsschützer eine Art rechsextremistische Karriere zuschreiben. Laut Bundeskriminalamt hat er eine "lange Latte von Straftaten". Laut Medienberichten soll er 2009 in Dortmund an einem Angriff von Rechtsextremen auf eine 1. Mai-Kundgebung des DGB beteiligt gewesen sein und schon 1993 einen Anschlag auf ein Asylbewerberheim im hessischen Hohenstein-Steckenroth verübt haben.

Dann gibt es noch einen anderen Stephan E. Einen Familienvater, der unauffällig in einem kleinen Häuschen in Kassel lebte. Nachbarn beschreiben ihn als "zurückhaltend und freundlich". Was der 45-Jährige beruflich machte oder in seiner Freizeit, ist weitgehend unbekannt.

Sicher ist, dass er Mitglied in einem Schützenverein im Kasseler Vorort Niestetal-Sandershausen war. Dort ist man fassungslos. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass so jemand einen umgebracht haben soll", sagt Reiner Weidemann, 1. Vorsitzender des Schützenclubs 1952 Sandershausen. "Aber man kann keinem hinter den Kopf gucken", ergänzt sein Stellvertreter Jürgen Schalles.

E. war Referent des Clubs für Bogenschießen. "Er war freundlich und ruhig", erklärt Weidemann. Erst vergangene Woche habe E. auf dem Gelände des Clubs noch Rasen gemäht. Durch rechte Parolen sei der 45-Jährige nicht aufgefallen. Rund zehn Jahre sei Stephan E. in dem Club gewesen.

Im Verein schoss E. nur Bogen, meist etwas abseits. Nach Angaben der Vorsitzenden hatte er auf dem Vereinsgelände keine Feuerwaffen und auch keinen Zugang dazu: "Bei uns in Verein hatte er keine Waffenbesitzkarte." Auch fehle nichts von den Vereinswaffen. Schießen mit Feuerwaffen hätte E. nur unter Aufsicht gedurft, was er allerdings nicht genutzt habe. Der Schützenverein gilt bei Behörden als seriös. Das Bundeskriminalamt bestätigt, dass E. keine Waffenbesitzerlaubnis für Schusswaffen hatte und auch keine scharfe Schusswaffe bei seiner Festnahme gefunden wurde.

Mit rechtsextremistischen Aktivitäten hält sich Stephan E. nach 2009 öffentlich zurück. Es sind andere Namen, die man in Nordhessen in den vergangenen Jahren mit der rechten Szene in Verbindung bringt, mit dem 2015 verbotenen Verein "Sturm 18" und der militanten Gruppe "Combat 18". Ob E. noch Kontakte in diese Szene hatte, prüfen die Ermittler.

Wenn ja, täuschte er nicht nur Nachbarn und Vereinskameraden, sondern auch Verfassungsschützer. Denn er stand zuletzt nicht mehr unter besonderer Beobachtung. Wie Verfassungsschutzpräsident Thomas Haldenwang erklärt, war Stephan E. in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr so deutlich wie früher als Rechtsextremist in Erscheinung getreten.

Allerdings hatte die Linke im hessischen Landtag das Landesamt für Verfassungsschutz noch 2015 um Informationen über Stephan E. gebeten. Der Name sei mehrmals im NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags gefallen, sagt der Innenexperte der Linksfraktion in Wiesbaden, Hermann Schaus. Bei einer Zeugenbefragung im Dezember 2015 sei eine Mitarbeiterin des Landesamtes auf ein Dossier angesprochen worden, in dem mehrere Neonazis von der Behörde als besonders gewalttätig eingestuft worden seien, darunter auch Stephan E.

Licht ins Dunkel könnte vor allem eine Person bringen: der Verdächtige selbst. Doch Stephan E. hat sich zu den aktuellen Vorwürfen bisher nicht geäußert. (dpa)