Streit um G8 in NRW

Löhrmann irritiert mit Plänen für Schulreform

Ihr Wort hat Gewicht in Partei und Landesregierung: Sylvia Löhrmann wird 2017 zum dritten Mal Spitzenkandidatin der Grünen in NRW sein und ist seit sechs Jahren stellvertretende Ministerpräsidentin.

Ihr Wort hat Gewicht in Partei und Landesregierung: Sylvia Löhrmann wird 2017 zum dritten Mal Spitzenkandidatin der Grünen in NRW sein und ist seit sechs Jahren stellvertretende Ministerpräsidentin.

Düsseldorf. „Warum macht Sylvia Löhrmann das?“ Diese Frage bewegte am Tag nach dem überraschenden Vorstoß der grünen Ministerin Lehrerverbände und Elternorganisationen.

Fast alle vermuten hinter dem Löhrmann-Vorschlag, jedem Kind eine individuelle Schulzeit anzubieten, einen politischen Schachzug. Löhrmann wolle die Hoheit in der G8-Debatte zurückgewinnen, heißt es. Die SPD, die inzwischen mit einer flexiblen Gymnasialzeit („G8 Flexi“) liebäugelt, habe der Schulministerin zuletzt die Schau gestohlen.

Während alle anderen noch über G8 und G9 stritten, zog Löhrmann in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur am Mittwoch einen ganz anderen Plan aus der Tasche: Der Ansatz, dass Schüler unterschiedlich schnell lernen, müsse nach der Grundschule auch auf die Sekundarstufen I und II übertragen werden. „Und zwar nicht nur am Gymnasium, sondern in allen Schulformen und für alle Schulabschlüsse.“ Wollen die Grüne etwa den Weg für die Einheitsschule freimachen? Beobachter vermuten dies.

Mit „Entsetzen“ reagierte Peter Silbernagel, Chef des Philologenverbandes, auf die grüne Initiative. Ihr hänge der „Geruch des Populismus“ an. Löhrmann stoße damit alle, besonders aber die Teilnehmer des von ihr selbst einberufenen Runden Tisches zur Weiterentwicklung des Gymnasiums vor den Kopf.

Die Landeselternschaft der Gymnasien kritisierte Löhrmann ebenfalls. Sie solle sich lieber mit der Kritik an G8 beschäftigen und nicht die Schulstruktur in Gänze infrage stellen. „Der vorsichtige Schwenk der SPD weg von G8 hat uns gerade erst Mut gemacht. Und jetzt will Sylvia Löhrmann auf einmal etwas ganz anderes. Was soll das?“, ärgert sich Dieter Cohnen von der Landeselternschaft.

Die Lehrerverbände GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) und VBE (Verband Bildung und Erziehung) hielten sich mit Vorwürfen zurück. „Sylvia Löhrmanns Vorschlag ist eine Reaktion auf den Streit über G8. Ich finde es positiv, wenn Bewegung in die Debatte kommt“, sagte Dorothea Schäfer, NRW-Vorsitzende der GEW. Es müsse vor allem darum gehen, wieder die einheitliche und sechs Jahre dauernde Sekundarstufe I herzustellen. Flexible Durchlaufzeiten in der Oberstufe stehen schon lange auf der Wunschliste der GEW. In der Sekundarstufe I könne dies aber „problematisch“ sein.

„Löhrmann spielt ein taktisch kluges politisches Spiel“, sagte VBE-Chef Udo Beckmann. Der Ministerin sei es gelungen, sich wieder ins Gespräch zu bringen. Löhrmann plant laut VBE eine schulpolitische Revolution. „Der Vorschlag bedeutet einen Umbau des Schulsystems in eine Schule für alle von Klasse eins bis zum Ende der Sekundarstufe II.“ Aus pädagogischer Sicht sei das „interessant“, so Beckmann. In der Praxis sei ein Systemwechsel aber schwer zu verwirklichen. Das ginge nur mit kleineren Klassen, zusätzlichen Lehrern und neuen Raumkonzepten. „Wir kriegen ja nicht mal die aktuellen Probleme gestemmt.“

Auch Wissenschaftler rätseln, worauf Löhrmanns Vorstoß hinausläuft. Vor allem an der praktischen Umsetzbarkeit zweifeln sie. „Ich verstehe den Vorschlag nicht“, räumt der renommierte Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm ein. „Wie soll die individuelle Lernzeit organisiert werden?“ Neue Räume wären nötig, mehr Personal und Geld. Eine flexible Oberstufe, die je nach Leistungsniveau in zwei oder drei Jahren durchlaufen werden kann, sei hingegen sinnvoll. Grundsätzlich ist Klemm der Ansicht, dass man den Schulen in Zeiten von Inklusion und Integration von Flüchtlingskindern solche harten Reformen ersparen sollte.

Die Idee, dass jeder Schüler nach seinem eigenen Tempo seine Lernziele erreicht, sei pädagogisch nicht falsch, erklärt Marten Clausen, Erziehungswissenschaftler an der Uni Duisburg-Essen. Aber auch er sieht Probleme bei der Umsetzung. Um individuelle Lernzeiten zu ermöglichen, müssten die Klassenverbände aufgelöst werden, die Kinder müssten weitgehend selbstständig ihre Ziele erreichen. „Gute Schüler können damit umgehen, für schwächere wird es problematisch. Eine individuelle Förderung für jedes Kind kann das Schulsystem, so wie es heute ist, nicht leisten.“