Interview

Erzbischof Woelki spricht von einem "Skandal"

Kardinal Rainer Maria Woelki, Erzbischof von Köln, ist zu sehen.

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki im Interview.

Köln. Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht im Interview über eine Aufnahmegrenze von Flüchtlingen, den Familiennachzug und die Ökumene.

Scharfe Kritik übt Rainer Maria Kardinal Woelki am Flüchtlingskompromiss von Union und SPD. Im Gespräch mit Raimund Neuss spricht er außerdem über mangelnden Wohnraum und bezieht Stellung zur Ökumene.

Union und SPD haben sich auf Richtwerte für die Aufnahme von Flüchtlingen insgesamt geeinigt und darauf, den Familiennachzug auf 1000 Fälle im Monat zu begrenzen. Was halten Sie davon?

Rainer Maria Woelki: Ich halte diesen Kompromiss für nicht gelungen. Aus christlicher Perspektive halte ich ihn sogar für einen Skandal. Es darf nicht durch die Hintertür zu einer Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen aus humanitären Gründen kommen. Man muss sich doch klar machen, zu welchem menschlichen Elend dieser Kompromiss beiträgt. Es geht um 50.000 bis 100.000 Menschen, die da betroffen sind. Wenn ich mir vorstelle, dass Kinder dabei sind, die ihre Eltern erst dann wiedersehen dürfen, wenn sie erwachsen sind, dann finde ich das skandalös. Ich finde es nicht haltbar und nicht tragbar, dass wir auf der einen Seite in der Verfassung den Schutz von Ehe und Familie verankert haben und dann solche Lösungen gefunden werden. Jedes Kind hat ein Recht auf seinen Vater und seine Mutter – auch Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen.

Ihr Vorgänger Kardinal Meisner meinte, die Unionsparteien sollten lieber auf das C wie christlich verzichten. Finden Sie das auch?

Woelki: Das habe ich nicht zu beantworten, das muss so eine Partei schon selbst tun. Aber sie muss sich an dem messen lassen, was die Botschaft des Evangeliums ist.

Fünf Jahre lang jeweils 200.000 Flüchtlinge, das ist die Einwohnerzahl von Köln. Müssen auch christliche Politiker nicht an so etwas denken?

Woelki: Wir haben 80 Millionen Einwohner. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Natürlich muss es Sprachkurse geben, Ausbildungsplätze, die die Möglichkeit bieten, später zu arbeiten. Das ist das beste Integrationsmittel. Und wir müssen dafür sorgen, dass Flüchtlinge und hier schon lebende Menschen besser miteinander in Kontakt kommen. Wir sind keineswegs an unser Limit gegangen und kommen auch nicht dorthin. Stattdessen wird jetzt einer Abschottungspolitik das Wort geredet. Bis hin zu sogenannten Hotspots außerhalb Europas, bei denen rechtsstaatliche Verfahren nicht gesichert sind.

Sie haben in einer viel diskutierten Predigt auf die 860.000 Wohnungslosen in Deutschland hingewiesen – über 400.000 davon sind Flüchtlinge. Fehlt es da nicht doch einfach an Kapazitäten?

Woelki: Ich glaube eher, dass Bund, Länder und Kommunen in den vergangenen Jahren nicht ausreichend in Wohnraum investiert haben und bezahlbaren Wohnraum aufgegeben haben. Das kann man nicht gegeneinander ausspielen. Wohnen ist ein Menschenrecht. Es muss mehr bezahlbaren Wohnraum geben, und der Wohnungsmarkt darf nicht ausschließlich unter Kapitalisierungsinteressen betrachtet werden – was zum Glück für viele Wohnungseigentümer auch nicht zutrifft.

Der Bundespräsident hat dazu aufgerufen, zwischen Verfolgten und Kriegsflüchtlingen einerseits und Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen kommen, andererseits zu unterscheiden. Können Sie das nachvollziehen?

Woelki: Allerdings, und das habe ich schon als Erzbischof von Berlin gesagt: Genau deshalb brauchen wir ein Einwanderungsgesetz. Die Politik muss sich den Herausforderungen ehrlich stellen. Wir brauchen klare Wege für eine Arbeitsmigration. Das kann man nicht mit dem Asylrecht lösen. Aber dieser Forderung der Kirchen ist seit Jahren nicht entsprochen worden.

Dürfen wir Flüchtlinge abschieben, die sich massiv gegen unsere Rechtsordnung vergehen?

Woelki: Da sind wenige Fälle betroffen. Die meisten Flüchtlinge wollen nur in Sicherheit leben. Wer sich strafbar macht, ist in unserem Rechtsstaat konsequent zur Verantwortung zu ziehen. Er kann auch abgeschoben werden. Aber nicht dorthin, wo sein Leben in Gefahr ist.

Innenminister Thomas de Maizière hat gemeint, als Christ sage er, wir müssen Flüchtlingen helfen. Aber als Realpolitiker sage er, das gehe nicht in diesem Ausmaß. Ist da nicht was dran?

Woelki: Christsein durchdringt das gesamte Menschsein, all mein Denken und mein Handeln. Nicht nur das private, sondern auch das gesellschaftliche und politische Handeln. Ein Christ muss auch im realpolitischen Tagesgeschäft intensiv um tragfähige Kompromisse im Sinne der Menschen ringen.

Lässt sich das so direkt übertragen? Kritiker fühlten sich durch die letzten Neujahrspredigten eher an Parteitagsauftritte erinnert.

Woelki: Ich kann diesen Vorwurf nicht nachvollziehen. Christus ist Mensch geworden, ich kann nicht von Gott sprechen, ohne zugleich vom Menschen zu sprechen. Ich wundere mich über diese Versuche, die Kirchen in eine Sakristeiexistenz zurückzudrängen – während man ihr andererseits vorwirft, in der Vergangenheit zu oft geschwiegen zu haben. Wo die Würde des Menschen in Gefahr ist, haben wir das anzusprechen. Es entspricht zum Beispiel nicht der Würde des Menschen, in fensterlosen Zimmern zu hausen. Genauso entschieden haben wir für den Schutz des menschlichen Lebens einzutreten.

Damit finden Sie aber weniger Gehör.

Woelki: Ja, unsere Gesellschaft hat sich an Abtreibungen gewöhnt. Wir Christen dürfen da keine Ruhe geben und nicht zulassen, dass die tausendfache Tötung ungeborener Kinder als Ausdruck einer liberalen Gesellschaftsordnung gilt. Oder dass Ärzte gar für eine Handlung werben dürfen, die ja nach wie vor eine Straftat ist – nur unter bestimmten Voraussetzungen verzichtet der Staat auf Strafe.

Zu diesen Voraussetzungen gehört eine Beratung. Warum verzichtet die katholische Kirche auf die Möglichkeit, Frauen in Konfliktsituationen dort zu erreichen?

Woelki: Wir haben in der Organisation Esperanza hervorragende Beraterinnen, und wir bieten konkrete Hilfen an, die weit darüber hinausgehen, bloß die Abtreibung zu vermeiden. Viele Frauen, nicht nur katholische, kommen genau deswegen zu uns, weil wir für das ganze Leben beraten.

Aber Sie sind nicht im staatlichen Beratungssystem – im Unterschied zu Donum Vitae. Ihnen wird vorgeworfen, abzuwehren, wo Ihr Münchner Amtsbruder Kardinal Marx dieser Organisation die Hand reiche.

Woelki: Donum Vitae ist ein privater Verein, der in der ihm eigenen Weise berät. Er ist nicht kirchlich anerkannt. Natürlich stellt Esperanza ehemalige Mitarbeiterinnen von Donum Vitae ein, wenn sie aus Überzeugung nicht mehr im staatlichen System mitarbeiten wollen. Was nicht geht, ist ein Hin und Her, etwa dass eine Esperanza-Mitarbeiterin sich beurlauben lässt, bei Donum Vitae Beratungsscheine ausstellt und dann zurückkehrt.

Darf eine Katholikin bei Donum Vitae arbeiten?

Woelki: Ich muss die Gewissensentscheidung respektieren. Ich werfe Donum Vitae auch nicht vor, dass sie nicht zugunsten des Lebens beraten würden. Aber die Ausstellung von Beratungsscheinen können wir als Bischöfe nicht akzeptieren.

Ein anderes Debattenthema: Wie gehen Sie in Köln mit dem Papstwort „Amoris laetitia“ zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen um?

Woelki: Das ist ein großartiges Schreiben, in dem der Papst die Schönheit von Ehe und Familie herausarbeitet, ganz in der Tradition kirchlicher Lehrschreiben zum Thema. Der Papst ruft dazu auf, im geistlichen Gespräch den Einzelfall anzuschauen und eine Gewissensentscheidung zu treffen. Das Gewissen ist kein frei floatendes Etwas, sondern auch durch die kirchliche Lehre von der Ehe geformt.

Ihr Vorgänger Kardinal Meisner hatte mit drei Amtsbrüdern in einem Brief an den Papst große Bedenken geäußert. Haben Sie mit ihm einmal darüber gesprochen?

Woelki: Das haben wir nie getan.

Und wie sehen Sie es in der Sache? Hat „Amoris laetitia“ zu Verwirrung geführt?

Woelki: Es gab unterschiedliche Äußerungen von Bischofskonferenzen. Aber ich finde das Schreiben eindeutig und klar.

Wie geht es in der Ökumene weiter? Gastfreundschaft oder doch zumindest gemeinsame Gemeinde-zentren, wie sie der rheinische evangelische Präses Manfred Rekowski vorschlug?

Woelki: Ökumenische Gastfreundschaft leben wir Tag für Tag. Gerade im letzten Jahr, sei es durch die gemeinsame Reise ins Heilige Land oder durch die Begegnungen beim Reformationsjubiläum, sind die Kirchen sich noch einmal nähergekommen, und es wichtig, dass wir mit einer Stimme sprechen, wo es um die Gottesfrage und die Würde des Menschen geht. Unbestreitbar ist aber auch, dass viele theologische Fragen noch ungeklärt sind. Den Vorschlag von Präses Rekowski habe ich so verstanden, dass die Kirchen sich im Einzelfall abstimmen sollten, wenn eine Konfession überlegt, ihre Räume an einem Ort aufzugeben. Das sollten nicht beide gleichzeitig am gleichen Ort tun, sondern die jeweils andere sollte bleiben und den Mitbrüdern und -schwestern Gastrecht einräumen. Das entspricht der Gastfreundschaft, die wir seit vielen Jahren gegenseitig praktizieren, etwa bei Baumaßnahmen.