Serie NRW - Was nun?

Eltern wollen das neunjährige Gymnasium zurück

Aufregerthema in NRW: Sollen die Gymnasien beim achtjährigen Weg zum Abitur bleiben oder sich für das längere Lernen öffnen?

Aufregerthema in NRW: Sollen die Gymnasien beim achtjährigen Weg zum Abitur bleiben oder sich für das längere Lernen öffnen?

Düsseldorf/Bonn. Eine Elterninitiative will mit einem Volksbegehren die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in NRW erzwingen. Die großen Parteien wollen G8 aber nicht verteufeln. Die Inklusion, die Integration und der Umbau des Schulsystems sind weitere Großprojekte.

Armin Laschet holt weit aus. Zehn Minuten spricht der CDU-Landeschef an diesem Oktoberfreitag vor der Presse nun schon darüber, warum die Politik in ganz Deutschland erst vom Turbo-Abitur überzeugt war, inzwischen aber immer mehr Akteure im Bildungswesen davon abgerückt sind. Dann wird der Herausforderer von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) bei der Landtagswahl persönlich.

Mit fast allen Direktoren der Gymnasien in der Städteregion Aachen habe er über die Frage von acht oder neun Jahren bis zum Abitur gesprochen. Der Tenor: Zum einen sei an ihn der Wunsch nach „Ruhe an den Schulen“ herangetragen worden, zum anderen habe man die Bitte geäußert, dass sich „substanziell etwas ändert“. Ein Dilemma für Laschet. Schließlich wollte er – ein halbes Jahr vor der Wahl – seiner Partei in der aufgeheizten Diskussion um G8 und G9 Orientierung verschaffen und zugleich den Wahlberechtigten ein attraktives Konzept vorlegen.

So wie Laschet und seine CDU standen auch SPD, FDP und Grüne vor der Frage, wie sie die Wende vollziehen und den Bürgern glaubwürdig erklären sollten, dass sie nun nicht mehr konsequent am G8 festhalten. Spätestens als die Landeselternschaft der Gymnasien und die einflussreiche Lehrergewerkschaft Philologenverband die Rückkehr zum G9 zumindest als Möglichkeit in Erwägung zogen, musste die Politik reagieren.

Immer wieder hatten Eltern, Schüler und Lehrer Kritik am Turbo-Abitur geäußert. Viele Schüler seien wegen des verdichteten Unterrichtsstoffs überfordert, hieß es. Zudem hätten sie kaum noch Freizeit. Neben der Schule regelmäßig Sport oder Musik zu machen, sei für G8-Schüler schwieriger als für Altersgenossen, die – zum Beispiel in der Gesamtschule – in neun Jahren zum Abitur geführt werden. Auch die von der rot-grünen Landesregierung nach Beratungen am Runden Tisch eingeführten Maßnahmen wie Beschränkung von Klassenarbeiten oder Erleichterungen bei Hausaufgaben, beruhigten die Debatte nicht.

Während Piraten, Linke und AfD eine konsequente Rückkehr zu G9 fordern, wollen CDU, SPD, Grüne und FDP einerseits den achtjährigen Weg zum Abitur nicht verteufeln, andererseits aber den Schulen Möglichkeiten öffnen, auf verschiedenen Wegen zum G9 zurückzugehen. Bei Laschet hieß das: „Wir ändern an der Systematik G8 nichts, ermöglichen den Schulen aber, auf G9 umzusteigen.“

Viel Druck in Richtung neunjähriges Gymnasium machen außerdem mehrere Bürgerinitiativen wie die Bonner Gruppe „G-ib-8“ oder die Elterninitiative „G9-jetzt“. Deren Sprecher Marcus Hohenstein hat Anfang Januar die Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren gegen das Turbo-Abitur gestartet. Ziel der Initiative ist es, dass an den Gymnasien das Abitur in der Regel wieder nach neun statt nach acht Jahren abgelegt wird und damit auch die Pflicht zum Nachmittagsunterricht entfallen soll.

Ein Jahr dauert die Sammlung. Wenn sich 1,1 Millionen Wahlberechtigte in NRW in die Listen eintragen, ist der Landtag am Zug. Lehnt er das Begehren ab, kommt es zum Volksentscheid, bei dem die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entscheidet. Es müssen aber mindestens 15 Prozent der Stimmberechtigten zugestimmt haben – sich also rund zwei Millionen Menschen mit den Zielen der Initiative einverstanden erklärt haben. Doch ob es zum Volksentscheid kommt? Im Wahlkampf und bei den Koalitionsgesprächen nach dem 14. Mai wird das Thema G8/G9 eines der wichtigsten sein. Schließlich ist Bildungspolitik eines der wenigen Politikfelder, auf denen das Land nahezu uneingeschränkt Entscheidungen treffen kann.

Doch bei der Bildung gibt es in NRW viele weitere Baustellen. Von „drei parallel laufenden Großprojekten“, mit denen Schulen und Lehrkräfte überfordert seien, spricht zum Beispiel Brigitte Balbach, die Vorsitzende des Verbandes „Lehrer NRW“. Konkret nennt sie die Inklusion, also die Eingliederung behinderter Kinder in die Regelschulen, und die Integration Zehntausender Zuwandererkinder in das Schulsystem. Vielfach fehlen qualifizierte Lehrer für das gemeinsame Lernen mit gehandicapten Schülern und auch die Frage, ob junge Flüchtlinge schon mit geringen Deutschkenntnissen am Regelunterricht teilnehmen sollen, erhitzt die Gemüter in Lehrerzimmern oder bei Elternabenden.

Eher schleichend läuft das dritte Großprojekt ab, der Umbau der Schulstruktur. Immer mehr Haupt- und Realschulen sind geschlossen worden oder laufen langsam aus. Viele davon wurden in Gesamtschulen umgewandelt, Sekundarschulen sind hinzu gekommen. Ein Erfolg vor allem für die grüne Schulministerin Sylvia Löhrmann, die seit vielen Jahren dafür plädiert, dass Kinder und Jugendliche länger gemeinsam lernen. Die Entwicklung ist aber auch ein Ergebnis des „Schulfriedens“ aus der Zeit der rot-grünen Minderheitsregierung. 2011 einigten sich CDU, SPD und Grüne darauf, grundsätzlich das gegliederte Schulsystem zu erhalten, aber auch mehr integrierte Schulen zu ermöglichen.

Das hat allerdings noch nicht dazu beigetragen, dass nordrhein-westfälische Schüler bei Vergleichstests weiter oben stehen. Im Gegenteil: Bei dem im Herbst veröffentlichten Bildungsreport der Kultusministerkonferenz, einer regionalen Ergänzung des internationalen Pisa-Tests, stellten die Prüfer bei den Neuntklässlern große Schwächen in Deutsch (Zuhören, Lesen und Rechtschreibung) fest. Über dem Durchschnitt lagen die NRW-Schüler nur in Englisch. Insgesamt liegen deutsche Schüler in Naturwissenschaften, Lesekompetenz und Mathematik inzwischen allerdings über dem Durchschnitt der Leistungen in den anderen Staaten, wie Löhrmann jüngst lobend hervorhob.

Die Fokussierung auf die Pisa-Ergebnisse freut manchen allerdings nicht. In den Schulen gehe es inzwischen kaum noch „um gute Bildung, sondern mehr um gute Pisa-Ergebnisse“, sagt die Lehrer-NRW-Vorsitzende Balbach. Sie spricht von „Bildungsdressur“, die keine mündigen Bürger, sondern unmündige Konsumenten hervorbringe. Statt der Schulen müsse Pisa reformiert werden. Auch ein interessanter Gedanke.