Interview mit Dirk Messner

Bonner Forscher sagt dem Ruhrgebiet eine Renaissance voraus

Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Professor Dirk Messner.

Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU): Professor Dirk Messner.

Bonn. Einwanderung, Städtelandschaft, Kultur als Klammer: Die Region hat gute Lösungen für weltweite Metropolen-Probleme gefunden, meint Dirk Messner.

Von wegen Verliererregion: Dirk Messner sieht im Ruhrgebiet ein weltweites Vorbild und prophezeit ihm eine Renaissance. Mit dem Leiter des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn sprach Jasmin Fischer.

2018 schließt die letzte Zeche im Ruhrgebiet. Was überwiegt in der Region – Umbruch oder Stillstand?

Dirk Messner: Weder noch! Aus der internationalen Perspektive sehe ich einen insgesamt gut bewerkstelligten Strukturwandel. Das Ruhrgebiet hat vieles längst durchgemacht, was auf andere Großstädte dieser Welt noch zukommt. Es ist hoch spannend. Die Strukurveränderungen in einer urbanen Städtelandschaft wie dem Ruhrgebiet könnten zu einem internationalen Erfolgsbeispiel werden.

Sie sprechen von einer Renaissance des Ruhrgebiets. Bei welchen Trends ist das Revier denn Vorreiter?

Messner: Globale Urbanisierung ist das Megathema der Zukunft. Bis 2050 verdoppelt sich die Stadtbevölkerung auf der Welt auf etwa sieben Milliarden Menschen, wird so viel neu hinzugebaut wie seit der Industrialisierung entstanden ist – vornehmlich in Afrika und Asien. Zentraler Trend: Es entstehen im Zeitraffer immer größerer Megacites, die mit enormen Problemen zu kämpfen haben: Unregierbarkeit, überforderte Infrastrukturen, Armutsgürtel am Rande der Städte, Umweltprobleme, verödete Landschaften. Das Ruhrgebiet zeigt eine andere Option auf: sechs Millionen Einwohnern in einer polyzentrischen Region, mit vielen mittleren und großen Städten. In dieser dezentralen Struktur lassen sich viele Probleme besser lösen, wenn die Städte sich klug vernetzten. Auch aus dem Strukturwandel im Revier kann man weltweit lernen: Seit den Sechzigern ist aus einer altindustrielle Region ein Standort mit einer der dichtesten Bildungs-, Wissens- und Hochschullandschaften Europas geworden. Hier werden die Ingenieure und Techniker für das Post-Kohle-Zeitalter ausbildet. Nicht zuletzt ist das Ruhrgebiet seit Jahrzehnten Einwanderungsregion – eine Erfahrung, die viel mit den modernen Herausforderungen zu tun hat, die es weltweit gibt. Nun stehen neue Herausforderungen an: Wie kann eine treibhausgasneutrale Wirtschaft in der Region entstehen? Wie wird Digitalisierung genutzt? Das Ruhrgebiet kann hier Antworten finden, die zeigen, dass polyzentrische Stadtnetzwerke zukunftsfähiger sind als Großstadtmoloche.

Viele Kritiker sagen: Die Politik der vielen Kirchtürme im Ruhrgebiet nimmt der Region an Schlagkraft.

Messner: Diese Kritik teile ich. Um die Struktur, die Vielfaltigkeit des Ruhrgebiets zu stärken und die Region voranzubringen, braucht es eine gemeinsame Orientierung. Die Städte – anders als die Kulturbranche – arbeiten noch zu wenig zusammen. Es wird zu kleinteilig gedacht, das Potenzial der gesamten Region nicht gehoben.

Sehen Sie die weiterhin zweistellige Arbeitslosenquote als Problem?

Messner: Natürlich sehe ich das Problem, ich verkläre das Ruhrgebiet nicht. Im Ruhrgebiet, wie in vielen Metropolen weltweit, rutschen ja ganze Stadtteile sozial weg. Durch die Globalisierung fehlen für die unteren 20 Prozent des Bildungsspektrums die Jobs. Diese Menschen wurden früher in der Industrie benötigt, heute sind sie perspektivlos, fühlen sich abgehängt, manche landen bei Pegida. Hier muss man ansetzen: soziale Durchmischung der Quartiere, Verhinderung von Immobilienblasen, die Ungleichheit weiter verschärfen, Beschäftigungs- und Teilhabemöglichkeiten für die unteren 20 Prozent schaffen, Verbindung von Sozial- und Beschäftigungspolitik. Nicht alle Menschen können zu Technikern und Wissensarbeiterinnen weitergebildet werden. Auch hier gilt: Wenn man sich die Lage an den Rändern von Paris, in den ehemaligen, zusammengebrochenen Industrieregionen in Großbritannien, in denen nun die Brexit-Bewegung zu Haus ist, oder die abstiegsbedrohten Trump-Wählerschaften anschaut, hat das Ruhrgebiet bessere Chancen, die sozialen Fragen anzugehen. Es ist ein Erfolg, dass in der Vergangenheit radikale Strukurbrüche vermieden werden konnten, die in anderen Ländern Ausgangspunkte eines starken und gefährlichen Rechtspopulismus sind.

Ist der Strukturwandel mit der letzten Zechenschließung 2018 beendet?

Messner: Strukturwandel kommt nie zur Ruhe. Er ist permanent. Seit der industriellen Revolution erleben wir einen nach dem anderen. Alle Länder müssen bis 2050 die Dekarbonisierung ihrer Industrien schaffen, wenn lokale und globale Umweltkrisen vermieden werden sollen. Die Digitalisierung trifft alle Sektoren. Dies Herausforderungen markieren ein neues Zeitalter – darauf müssen auch im Ruhrgebiet Antworten gefunden werden.

Das Ruhrgebiet – mehr Sisyphos denn Phönix aus der Asche?

Messner: Ein Sisyphos allein wird einen großen Strukturwandel nicht schaffen. Das muss man sich vornehmen, planen, managen, gute Antworten finden. Sisyphos funktioniert nicht ohne Perspektivwechsel – er muss wissen, wann es gilt, die Richtung zu ändern.