Besuch im Brennpunkt Marxloh

Auf einsamem Posten

04.02.2016 Duisburg. Sie sind vom Schutzschild zur Zielscheibe geworden: Polizisten im Duisburger Norden ringen mit libanesischen Großfamilien um die Hoheit über ganze Straßenzüge. Zwei Beamte berichten.

Markus Müller hat die Frühschicht gerade hinter sich gebracht, aber Entspannung stellt sich nicht ein. Ist vielleicht auch sowieso nicht so sein Ding. Sein Blick ist direkt und standhaft, ganz so, als würde man in zwei Taschenlampen schauen. Breite Schultern, Haare kurz rasiert, 120-prozentige Aufmerksamkeit. Eine Ausstrahlung, die sagt: „Mach' bloß keinen Scheiß!“ Müller, 47 Jahre alt, arbeitet als Polizist in Duisburg-Marxloh, jenem Stadtteil, der es regelmäßig ohne Mühe in die bundesweiten Schlagzeilen schafft. Weil hier mal jemand auf offener Straße erstochen wird. Oder in einer Trinkhalle ein florierender Drogenhandel ausgehoben wird. Oder im Sommer auf der Hauptstraße 200 Menschen mit Migrationshintergrund aufeinander einprügeln. Wegen einer Nichtigkeit, einem falschen Blick oder der sogenannten Familienehre.

Duisburg-Marxloh: 19.000 Einwohner, 64 Prozent von ihnen mit ausländischen Wurzeln, 16 Prozent Arbeitslosigkeit. „No-Go-Zone“ nannte die Gewerkschaft der Polizei (GdP) das Viertel – eine Vokabel, die der eigenen Hilflosigkeit geschuldet war. Natürlich ist Marxloh kein Ghetto, in das sich niemand mehr hineintraut. Bäckerei, Sparkasse, Schnellimbiss: Überall brummt das Leben, überall sind auch Deutsche unterwegs. Mit der fürs Ruhrgebiet typischen Unaufgeregtheit wird hier Integration gelebt, ohne dass das Wort überhaupt fällt. Tausende türkische Gastarbeiter haben in den deutschen Wirtschaftswunderjahren im Duisburger Norden ihren Platz gefunden, ihre Nachfahren betreiben Geschäfte auf der Hochzeitsmoden-Meile in Marxloh oder anderswo. Dass selbst sie mittlerweile die Nase voll haben von den neuen sozialen Umbrüchen, mit den Kindern in bessere Viertel abwandern, zeigt, wie gut Integration hier funktioniert hat. Bis vor Kurzem.

„Ich arbeite seit 22 Jahren auf der Wache Hamborn“, sagt Markus Müller, „aber in den letzten Jahren hat sich vieles zum Negativen entwickelt.“ Über 2000 Straftaten hat die Polizei 2014 in Marxloh vermerkt, doch was für Anwohner zählt, findet ja oft gar keinen Eingang in die Kriminalstatistik. Rempeleien auf dem Bürgersteig, Weg-Versperren, Anspucken von Streifenwagen, Menschenansammlungen bei kleinsten Vorfällen, die schließlich eskalieren, Notärzte behindern, Polizisten in Bedrängnis bringen. „Mit dem ostentativen Griff an die Eier werden Frauen und Mädchen unverhohlen angestarrt, nicht-muslimischen Mädchen 'Hure' und 'Fick Dich' hinterhergerufen“, notierte ein Beamter unlängst in schonungsloser Sachlichkeit.

Drei libanesische Familienclans haben Marxloh terrorisiert, bis Innenminister Ralf Jäger den tapferen Streifenbeamten 2015 den Zug einer Hundertschaft zur Verstärkung schickte. 38 Beamte in acht Streifenwagen unterstützen Müller und seine Kollegen nun. Stück für Stück erobern sie sich die Hoheit über Marxloh zurück. Bei „Zwischenfällen“, wie Müller sie nennt, gibt es jetzt massive Präsenz. „Allein im ersten Halbjahr 2015 sind wir zu 250 Einsätzen mit mehr als vier Streifenwagen gefahren.“

Vor der Rückeroberung der Straße gilt es erst einmal, Kontrolle über die einzelne Situation zu bekommen. „Man muss sich das so vorstellen“, sagt Müller, „dass der Polizist zu einem simplen Blechschaden gerufen, dort die Personalien aufnimmt und sich auf einmal mit einer riesigen Gruppe aggressiver Männer konfrontiert sieht.“ Unbeteiligte mischen sich ein, telefonieren Verstärkung hinzu, es wird geschubst, gepfiffen, provoziert, der Beamte von der wachsenden Gruppe eingekesselt. „Irgendwann stehen Sie mit dem Rücken zum Streifenwagen“, sagt Müller.

Er drückt das Adrenalin dann weg, irgendwie. „Man agiert da bloß noch“, sagt er. Manche Situation lässt sich nur mit einem Schlagstock retten oder mit dem drohenden Griff zur Schusswaffe. Die Unruhe, die bisweilen nach Feierabend hochkommt, versucht er, kleinzuhalten. „Viele Kollegen haben sich versetzen lassen.“ Doch Müller war als junger Polizist vor 27 Jahren heiß auf Marxloh: „Ich wollte keinen Bürojob, ich wollte helfen.“ Heute ist er sich nicht mehr ganz so sicher, ob er noch Helfer ist oder Resterampe schiefgelaufener Integrationsarbeit.

Michael Heming, 27 Jahre, gehört zu der Hundertschaft, die in Marxloh hilft. „Bislang fehlte einfach die Zeit, kleinere Dinge zu verfolgen“, sagt er. Null Toleranz ist jetzt Strategie. Kippen schnippen, auf der durchgezogenen Mittellinie wenden, mit quietschenden Reifen anfahren – all die kleinen Formen der Respektlosigkeit ziehen jetzt Konsequenzen nach sich. Jede Ordnungswidrigkeit kostet Geld, und die Geldstrafe kann nur gegen Gefängnis getauscht werden. Das striktere Auftreten mit mehr Beamten hilft. Aggressive Massenansammlungen hat es in jüngster Zeit kaum noch gegeben, sagen beide.

Das kulturelle Missverständnis aber lässt sich nur in Schach halten, so lange die Duisburger Polizei personelle Verstärkung durch die Hundertschaft hat. „Wir begrüßen die Menschen ja selbst nach Verstößen freundlich, nehmen ihre Personalien auf, festgenommen werden nur wenige“, erklärt Heming, „so funktioniert unser Rechtsstaat, doch in Marxloh wird uns das eben als Schwäche ausgelegt.“ Jene, die sich in einem der drei großen libanesischen Clans engagieren – wobei viele in Wahrheit Kurden, Syrer oder Iraker sind, die die Bürgerkriegswirren im Libanon genutzt haben, um dort einen neuen Pass zu ergattern – seien aus ihrer Heimat eben härtere Polizeimethoden gewohnt. Der nette Deutsche in Uniform genießt bei ihnen erst Ansehen, wenn auch er in Mannschaftsstärke auffährt.

Dass der Respekt vor der Polizei fehlt, liegt auch an der überforderten, laschen Justiz. Bei größeren Delikten schreiben Müller und Heming den Tätern eine Anzeige. Meist kommt es mangels Interesse der Staatsanwaltschaft gar nicht erst zum Verfahren, und wenn, dann erst Monate später. Im rohen Straßenkampf gegen Familienclans sind Staatsanwälte den Polizisten kaum eine Unterstützung.

18 Hundertschaften gibt es in NRW, Teile einer einzigen kümmern sich trotz vieler anderer Aufgaben in Vollzeit um Marxloh. Hier kristallisieren sich die Probleme aller deutschen Brennpunkte. Ähnliche Schwierigkeiten gibt es längst auch in Dortmund, Essen, Gelsenkirchen, Düsseldorf und Köln – wie in fast jedem postindustriellen Ballungsraum dieses Bundeslandes. Nirgendwo ist es allerdings so schlimm wie in Duisburg-Marxloh.

„Wir als Polizei können das nicht allein lösen“, sagt Arnold Plickert, Chef der GdP in NRW, für die auch die beiden Marxloher Polizisten sprechen. „Es muss in Integration investiert werden, in Bildung, in guten Wohnraum.“ Das sei in der Vergangenheit versäumt worden. „Gerade jetzt, da viele Asylsuchende in die Städte strömen, dürfen sich diese Fehler nicht wiederholen.“

Dass die Polizei mehr Mitarbeiter braucht, predigt er seit Jahren. 3,6 Millionen Überstunden hat die Polizei NRW im vorigen Jahr geleistet – und bei der dünnen Personaldecke kaum eine Chance, zu verschnaufen. 2000 Stellen sind seit 2003 verloren gegangen, kritisiert Plickert. Um in Ballungsräumen die Kontrolle zu behalten, bräuchte die Polizei 500 neue Angestellte, die alte Hasen aus der Verwaltung freisetzen würden für die Arbeit im Streifen- und Ermittlungsdienst – und zwar jetzt sofort. „Noch besser wäre es, jährlich 2000 neuen Polizisten einzustellen. Die brauchen wir“, betont Plickert. Illusorisch.

Derweil schieben Müller und der junge Heming unverdrossen weiter Dienst. Müller hat 2015 bis auf vier jedes Wochenende gearbeitet. „Man lernt hier was“, sagt Heming, „wenn man wie Müller 22 Jahre in Marxloh unterwegs ist, dann hat man's drauf.“ Außer einer Ufo-Landung, sagt der Ältere der beiden, hätten sie in Marxloh schon alles gesehen. Bis Ende des Jahres bleibt die Verstärkung der Hundertschaft in Duisburg. Wie es dann weitergeht, weiß niemand. (Jasmin Fischer)