IG-Metall Chef Detlef Wetzel

"Wir wollen die Dinge weiterentwickeln"

FRANKFURT. IG-Metall Chef Detlef Wetzel über einen Bildungstarifvertrag und die Abkehr von einem festen Rentenalter. Mit ihm sprach in Frankfurt Kai Pfundt.

Im kommenden Januar geht die IG Metall in die Tarifrunde. Was steht im Vordergrund: Die Forderung nach Lohnprozenten?
Detlef Wetzel: Nein, nicht nur. Neben den Löhnen und Gehältern wollen wir über zweierlei reden: Über die Frage nach einem flexiblen Ausstieg aus dem Berufsleben zu vernünftigen Kondition, und, das wird das Neue sein, über eine Bildungsteilzeit.

Was verstehen Sie unter Bildungsteilzeit?
Wetzel: Beschäftigte, die sich weiterbilden wollen, stehen vor zwei großen Problemen: Sie müssen Zeit dafür haben und sie müssen Geld haben. Wir wollen Zeit und Geld zur Verfügung stellen durch einen Tarifvertrag, damit wir mehr beruflichen Aufstieg organisieren können. Das ist unser großes Ziel.

Was für Ausbildungsmöglichkeiten stellen Sie sich vor?
Wetzel: Das kann für den Einen eine Meisterausbildung sein, für den Anderen ein Masterstudium oder für einen angelernten Beschäftigten, dass ihm zumindest bestimmte Teile einer beruflichen Ausbildung ermöglicht werden.

Warum kümmert sich die IG Metall um die Bildung der Beschäftigten? Ist das nicht eher Aufgabe der Arbeitgeber?
Wetzel: Für die Frage, wie wir in Zukunft die Fachkräftestruktur sichern, wird die Qualifizierung und Weiterbildung ein entscheidendes Thema sein. Wir stehen vor enormen Umbrüchen in der Wirtschaft. Wir wollen für die Beschäftigten Möglichkeiten schaffen, sich darauf vorzubereiten.

Nochmal: Ist das nicht die Aufgabe der Arbeitgeber?
Wetzel: Es wäre ja schön, wenn die das machen würden. Aber nur etwa 20 Prozent der Unternehmen bilden überhaupt aus, knapp 80 gar Prozent nicht. Wir haben ein hohes Interesse, dass die Wirtschaft gut funktioniert, qualifizierte Belegschaften sind dafür einer der wesentlichen Faktoren. Wenn wir sehen, dass dafür von den Arbeitgebern, aber auch bereits in der schulischen Ausbildung, zu wenig getan wird, sehen wir es als unsere Aufgabe, die Dinge weiterzuentwickeln.

Muss die Wirtschaft nachholen, was Schulen und Hochschulen versäumen?
Wetzel: Ein entschiedenes Ja und Nein. Wir müssen das Bildungssystem verbessern, aber jetzt auch schnell handeln. 50.000 junge Menschen verlassen jedes Jahr die Schule ohne Abschluss. Was machen wir denn mit ihnen? Rund 250 000 stecken in Warteschleifen der beruflichen Bildung. Wenn wir uns dieser jungen Menschen annehmen, korrigieren wir auch, was in der schulischen Ausbildung versäumt wurde. Aber es geht uns um alle Qualifikationsniveaus, also auch um die Facharbeiter und Ingenieure.

Wie wollen Sie die Bildungsteilzeit denn finanzieren?
Wetzel: Ein praktisches Beispiel: Ein Beschäftigter möchte sich über einen Zeitraum von zwei Jahren weiterbilden. Ein Modell könnte sein, dass er zwei Jahre vorher normal arbeitet, aber beispielsweise nur 80 Prozent seines Nettolohns bekommt. Die anderen 20 Prozent werden angespart und können in der Bildungszeit verwendet werden. Von den Arbeitgebern fordern wir bei diesem Modell, dass sie diesen Betrag soweit aufstocken, dass der Beschäftigte in der Qualifizierungszeit wieder auf 80 Prozent seines Nettoentgelts kommt. Als Dritter im Bunde muss der Staat diese Beiträge steuerfrei stellen.

Also eine Art Konto für die Fortbildung?
Wetzel: Ja, eines, das der Beschäftigte sowie der Arbeitgeber direkt finanzieren und der Staat indirekt.

Und was sagen die beiden anderen Beteiligten, also Arbeitgeber und Politik?
Wetzel: Wir sind in der Diskussion. Es ist noch zu früh, Bewertungen abzugeben. Ich bin aber sehr optimistisch, weil die Gesellschaft an dem Thema einfach nicht vorbei kommt.

Ein anderes Thema, das zurzeit diskutiert wird, ist die Flexi-Rente...
Wetzel: Wir brauchen keine planwirtschaftliche Einheitsrente mit 67, wie wir sie heute haben. Irgendjemand legt fest, dann oder dann ist das Rentenalter erreicht, das ist ja wie im alten Ostblock mit Fünfjahresplan. Das wird der Realität nicht gerecht. Tatsache ist, dass es viele Menschen gibt, die bis 67 arbeiten können oder auch länger. Es gibt aber eben auch sehr viele Menschen, die zum Beispiel aus gesundheitlichen Gründen nicht bis 67 arbeiten können. Auch denen müssen wir faire und Lebensstandard sichernde Lösungen anbieten.

Und wo soll das Rentenmindestalter liegen? 63 Jahre? Oder nur 60 Jahre?
Wetzel: Wir bevorzugen das Modell der Altersteilzeit. Aber ob die Altersgrenze jetzt bei 60 oder bei 63 Jahren liegt - unabhängig davon müssen wir allen Menschen, die nicht bis 67 arbeiten können, ein Angebot machen, dass sie in Rente gehen können ohne arm zu werden.

Halten Sie die komplette Auflösung der Altersgrenzen für möglich?
Wetzel: Ich meine, wir müssen immer den Einzelfall betrachten, die individuellen Möglichkeiten und Einschränkungen. Eine Renten-Planwirtschaft bringt uns nicht weiter.

Das kann aber auch bedeuten: längere Lebensarbeitszeit...
Wetzel: Ich denke, beides sollte individuell möglich sein. Eine längere, aber auch eine kürze Lebensarbeitszeit.

Wird das nicht zu einer neuen Frühverrentungswelle führen?
Wetzel: Es geht darum, individuelle Notwendigkeiten anzuerkennen. In der Metall- und Elektroindustrie hat es in den vergangenen Jahrzehnten immer Instrumente gegeben, damit Beschäftigte, die nicht mehr arbeiten konnten, früher ausscheiden konnten. Sie werden nicht einen Arbeitgeber finden, der da etwas dagegen hat.

Zur Person

Der 1952 in Siegen geborene Detlef Wetzel ist seit 2013 Erster Vorsitzender der IG Metall, der mit fast 2,3 Millionen Mitgliedern größten deutschen Gewerkschaft. Der gelernte Werkzeugmacher hat eine jahrzehntelange Gewerkschaftskarriere hinter sich, unter anderem als IG-Metall-Bezirksleiter in NRW. Wetzel ist SPD-Mitglied.

 

Aktionstag für Bildung in Köln

Die IG Metall veranstaltet am heutigen Samstag in Köln einen Jugendaktionstag unter dem Titel "Bildung. Macht. Zukunft". Die Gewerkschaft erwartet bis zu 20 000 Teilnehmer. IG-Metall-Chef Detlef Wetzel spricht mittags bei einer Kundgebung auf dem Neumarkt. Am Nachmittag treffen sich die Teilnehmer in der Lanxess-Arena zu einem Festival. Mit der Großveranstaltung will die Gewerkschaft Druck machen für ein neues Weiterbildungsgesetz, eine Reform des Bafög und des Berufsbildungsgesetzes. Außerdem fordert die IG Metall-Jugend einen Weiterbildungstarifvertrag, der in der anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie verhandelt werden soll.