Klartext-Interview

"Wir sollten nicht ständig auf die Mankos blicken"

Fahrt mal in den Osten, nicht immer nur nach Mallorca, sagt Moritz Freiherr Knigge. Seine Name verpflichtet: Als Nachfahr des legendären Benimm-Experten Adolph Freiherr Knigge berät er Menschen darin, wie sie mehr Wertschätzung im Miteinander zeigen können. Gerade im deutsch-deutschen Verhältnis stolpert er über Rüpeleien. FOTO: RETO DURIET

Fahrt mal in den Osten, nicht immer nur nach Mallorca, sagt Moritz Freiherr Knigge. Seine Name verpflichtet: Als Nachfahr des legendären Benimm-Experten Adolph Freiherr Knigge berät er Menschen darin, wie sie mehr Wertschätzung im Miteinander zeigen können. Gerade im deutsch-deutschen Verhältnis stolpert er über Rüpeleien.

Bonn. Hört auf mit den Bananenwitzen, sagt Moritz Freiherr Knigge. Als Coach plädiert er für einen neuen Umgang zwischen Ost und West.

Ossis und Wessis - das war und ist nicht immer eine Liebesgeschichte. Viel ist schiefgelaufen in der Kommunikation nach dem Mauerfall, und Moritz Freiherr Knigge hält uns erbarmungslos den Spiegel des schlechten Benehmens vor. Im Klartext-Interview erklärt er, was wir besser machen können.

Lieber Herr Knigge, ist es 25 Jahre nach Mauerfall und Wiedervereinigung noch in Ordnung, von Ossis und Wessis zu sprechen?
Moritz Freiherr Knigge: Es war noch nie angebracht. Ich halte nichts von Verallgemeinerungen, und Ossis und Wessi klingt für mich sehr despektierlich.

... aber in Deutschland herrscht doch munteres Witzeln zwischen allen Regionen.
Knigge: Ich halte auch nichts von Bayern, die über "Saupreußen" frotzeln. Es ist ja vielen überhaupt nicht bewusst, was für ein Vielvölkerstaat Deutschland seit Jahrhunderten ist. Dass wir diesen Vielvölkerstaat so unblutig geeint haben, darauf sollten wir doch eher stolz sein. Selbstverständlich ist das nicht, wenn wir in andere Teile der Welt blicken. Natürlich kann man die Lästereien - wie alles - positiv sehen und sagen: Besser ein paar Frotzeleien als blutige Gemetzel. Aber ich finde, der abwertende Blick ist unnötig. Er behindert den guten Umgang mit anderen Menschen.

Manche Mitmenschen fahren noch stärkeres Geschütz auf. Eine Kollegin, ursprünglich aus dem Osten, muss sich immer noch Bananenwitze anhören.
Knigge: Grüßen Sie sie von mir und sagen ihr dies: Tun Sie solche Bemerkungen als Unsicherheit und Dummheit der anderen ab. In den seltensten Fällen ist das böse gemeint. Bei solchen Scherzen lässt sich auch zurückfragen: Finden Sie das wirklich witzig?

Es gibt ja auch eine Art Hochnäsigkeit gegenüber dem Osten, die im Gewand wohlmeinender Fürsorge daher kommt - etwa kleine Geschenke oder ein Nachschlag beim Essen, frei nach dem Motto: "Nimm nur, ihr hattet ja nichts."
Knigge: Andersartigkeit ist stets eine Herausforderung. Gefährlich und meist plump wird es, wenn wir uns in der überlegenen Position wähnen. Das Ergebnis klingt dann ebenso unwitzig wie die schalen Bananenwitze.

Darf man Ostdeutsche denn überhaupt noch auf ihre Herkunft ansprechen? Ist der "Soli" als kontroverses politisches Streitthema tabu?
Knigge: Es kommt darauf an, was Sie bezwecken. Was können die Leute aus dem Osten dafür, dass es den Soli gibt? Was will ich also mit ihren Antworten? Die Menschen wollen ja oft gar nicht wirklich wissen, was andere denken, sondern sich nur auslassen. Da sollte man sich selbst zügeln. Ich würde meine eigene Unsicherheit in solchen Fragen einfach thematisieren und fragen: Darf ich Dich das fragen? Ist Dir das recht - oder lästig? Ich rate sowieso dazu, viel zu fragen.

Sie haben den schönen Satz geprägt: "Es herrscht stets Konsens darüber, wer für Unhöflichkeit und Geringschätzung verantwortlich ist: die anderen." Er trifft wunderbar auf 25 Jahre Ost-West-Kommunikation zu: Ostdeutsche beklagen, dass "Besserwessis" ihnen ein neues System übergestülpt hätten ohne echtes Interesse an ihrem Alltag gezeigt zu haben; andersherum sind Westdeutsche von "Jammerossis" genervt. Was hätten wir denn im deutsch-deutschen Umgang in den letzten Jahrzehnten noch besser machen können?
Knigge: Mir fällt auf, dass immer nur über Dinge gesprochen wird, die schiefgelaufen sind. Es wäre Zeit, mal eine andere Perspektive einzunehmen. Also: Mir nötigt es hohen Respekt ab, dass Menschen den Mut hatten, aus einem totalitären System heraus auf die Straße zu gehen und den Wandel einzuleiten. Umgedreht kann der Osten doch stolz sein, dass er im Westen einen so starken und potenten Partner gefunden hat, der ihn ohne fremde Hilfe aufgefangen und aufgebaut hat. Wir sollten nicht ständig auf die Mankos blicken, sondern uns freuen, ein gewaltsam getrenntes Land friedlich vereint zu sehen.

Kann man manche anhaltenden Ressentiments nicht auch verstehen - zum Beispiel bei Menschen, die nach der Wende ihren Job verloren haben?
Knigge: Natürlich kann man das nachvollziehen und doch muss ich fragen: Ist die Wende daran schuld? Liegt das nicht vielleicht an mir - weil ich nicht flexibel bin, nicht woanders hinziehen mag, mich in der Schule nicht angestrengt habe? Ich kann natürlich bei allem, was schiefläuft, dem Staat oder den anderen Menschen die Schuld geben. Das bringt mich jedoch keinen Millimeter weiter.

Erkennen Sie als Kommunikations- und Benimmcoach noch, wer aus Ost oder West kommt?
Knigge: In meinen Workshops eher nicht. Da treffe ich meist auf sehr interessierte Menschen, die sich in ihrem Habitus ähneln - ganz egal, wo ihre Heimat ist. Wenn ich reise, bin ich allerdings sehr gern im Osten unterwegs. Besonders lieb habe ich die Sachsen gewonnen. Ich empfinde sie als angenehm, interessiert, offen - ohne, dass sie dabei distanzlos sind. Im Westen hingegen treffe ich oft Menschen, die sehr kritisch mit anderen umgehen, aber von sich und ihrer Meinung unglaublich überzeugt sind. Sie sagen: So wie ich die Dinge sehe, sind sie auch. Diese Haltung ist gefährlich.

Was raten Sie zum deutsch-deutschen Dialog?
Knigge: Kommunikation ist immer ein Gemeinschaftsprojekt. Und ich bin oft erschrocken darüber, wie wenig Leute aus dem Westen sich im Osten auskennen. Dabei ist er die Wiege unserer Kultur: Die Kurfürsten von Sachsen holten Goethe nach Weimar, der Dresdner Zwinger wurde fürs Volk gebaut, Luther übersetzte in Eisenach die Bibel. Und in kompletter Schönheit erhaltene Städte wir Görlitz oder Erfurt gibt es im Westen ja gar nicht mehr. Da möchte ich gern sagen: Fahrt nicht zum sechsten Mal nach Mallorca, sondern mal in den Osten!

Zur Person

Moritz Freiherr Knigge, geboren 1968, Liebhaber von und Berater für gutes Benehmen. Aufgewachsen auf dem Rittergut Bredenbeck wie sein berühmter Vorfahr Adolph Freiherr Knigge. Inspiriert von dessen Bestseller "Über den Umgang mit Menschen", gründete er 2002 die Freiherr Knigge oHG und wurde zum Verfechter des Erfolgsfaktors Wertschätzung.

Als echter Knigge ist er überzeugt, dass die Art, wie Menschen miteinander umgehen, einen Einfluss auf den Erfolg jedes Menschen ausübt. Knigge arbeitet als Autor, Redner und Coach.