Kommentar zur Zukunft der Pflege

Wenn der Mensch zum Vorgang wird

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Zukunft immer mehr ansteigen.

Die Zahl der Pflegebedürftigen wird in Zukunft immer mehr ansteigen.

Das Thema Pflege wird angesichts einer immer älter werdenden Bevölkerung in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Damit steigt auch der Reformdruck auf die Politik, kommentiert GA-Redakteur Holger Möhle.

Hinter jedem Fall ein Schicksal – und oft auch Angehörige, die zu einem sehr hohen eigenen Preis helfen, die Not zu lindern. 3,1 Millionen Menschen in Deutschland sind auf Pflege angewiesen. Es ist in aller Regel das Ende des selbstbestimmten Lebens, und oft endet damit auch die Fähigkeit, eigene Entscheidungen zu treffen. Der permanente Fortschritt der Medizin hat den Menschen in den entwickelten Ländern dieses Erdballs im Durchschnitt ein höheres Lebensalter geschenkt. Die gute Seite: Viele Ältere und Alte sind heute sehr viel länger fit als noch vor 20 oder 30 Jahren. Die Schattenseite: Dieses Älterwerden hat seinen Preis und spiegelt sich auch in der wachsenden Zahl von Menschen wider, die ohne Pflege ihr Leben nicht mehr bestreiten könnten. Wenn erst die 1950er- und frühen 1960er-Jahrgänge der sogenannten Babyboomer 75 Jahre und älter sind, wird die Zahl der Pflegebedürftigen unweigerlich weiter ansteigen.

Die Pflege und ihr objektiver Notstand wegen der fehlenden Zahl qualifizierter Kräfte und Heimplätze wird eines der großen Themen der nächsten Zeit. Dabei ist es erst reichlich spät Thema dieses zu Ende gehenden Bundestagswahlkampfes geworden. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz versucht, damit noch einmal irgendwie in die Offensive zu kommen und kündigt einen Neustart bei der Pflege an, wenn er erst Bundeskanzler würde. Vermutlich wird auch dieses relevante Thema Schulz nicht mehr entscheidend nach vorne bringen. Der SPD-Kandidat verspricht, was alle politischen Wettbewerber versprechen: mehr Personal in den Pflegeheimen und Krankenhäusern, höhere Gehälter und einen neuen „Schlüssel“ zur besseren Verteilung der Pflegekräfte auf die Menschen, die gepflegt werden müssen. So weit, so gut oder schlecht.

Denn wirklich gut steht es um das organisierte System der Pflege nicht. Wie sehr die Pflege auch zu einem gnadenlosen Millionengeschäft geworden ist, zeigte sich zuletzt traurig in Nordrhein-Westfalen und Berlin. Dort stehen 230 überwiegend russische Pflegedienste im Verdacht, ein systematisches System für Abrechnungsbetrug aufgebaut zu haben. Ein besonders skrupelloses Geschäft mit der Not anderer Menschen.

Zu wenige Pflegekräfte bedeuten zu wenig Zeit für die zu Pflegenden. Der Mensch wird zum Vorgang, 20 Minuten täglich auf Wiedervorlage am nächsten Tag. Wer als Angehöriger für eine Zeit im Beruf kürzer tritt, um Mutter oder Vater oder beide zu pflegen, braucht einen größeren finanziellen Ausgleich als bislang. Die älter werdende Gesellschaft und mit ihr die Pflege werden mit jeder Wahlperiode zu einem größeren Thema. Mit der steigenden Zahl älterer Menschen wird auch deren Lobby stärker, weil Senioren sehr bald zu einer entscheidenden Wählergruppe heranwachsen. Das erhöht den Druck für eine grundlegende Reform der Pflege. Daran wird die Politik nicht mehr vorbeikommen.