Salafisten-Hochburg Dinslaken

Vom Klassenzimmer in den Dschihad

Dinslaken. Kränkungen und fehlende Vaterfiguren treiben dem IS deutsche Jugendliche in die Arme, glaubt Lamya Kaddor. Sie ist Lehrerin in der Salafisten-Hochburg Dinslaken

Sie heißen Hasan, Mustafa, aber auch Nils und Philip: 850 Deutsche sind seit 2012 in den Irak oder nach Syrien ausgereist, um dort für die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu kämpfen. Sie kommen aus Orten wie Dinslaken am Niederrhein, aus überschaubaren Verhältnissen, in denen sie für den Schulabschluss pauken, einen Ausbildungsplatz suchen - und plötzlich verschwinden.

Lamya Kaddor, Lehrerin in Dinslaken, kennt die Bestürzung und Fassungslosigkeit in dieser Situation nur zu gut. Fünf ihrer ehemaligen Schüler hat sie an den IS verloren. Als "persönliche Niederlage" habe sie das empfunden, sagt sie heute. Kaddor unterrichtet in dem Ort Religion, ist selbst Tochter syrischer Einwanderer - selbstbewusst, witzig, liberal. Es ärgert sie, dass ausgerechnet sie nichts bemerkt hat.

Wer durch den Stadtteil Lohberg läuft, bekommt eine Ahnung davon, wie schwierig es ist, die Faszination von in Deutschland sozialisierten Jugendlichen zu begreifen. Lohberg ist eine Bergarbeitersiedlung aus der Gründerzeit - so pittoresk, dass man sie zum Freilichtmuseum machen könnte. Straßen sind wie eine Gartenstadt in Kurven, nicht in Kanten angelegt. Die grüne Patina des Förderturms leuchtet über bescheidenen, braunen Backsteinhäuschen in der Zechenstraße, der Bergmann- oder Knappenstraße. Ein biederes Idyll, das den Folgegenerationen türkischer und deutscher Bergleute gehört.

Lohberg ist auch: deutsche Salafisten-Hochburg, Heimat des ersten deutschen IS-Selbstmordattentäters, Brutstätte, die aus sympathischen Jugendlichen binnen weniger Monate Mörder und Folterknechte machte, schlicht ein Schandfleck in den Augen der Dinslakener. 25 junge Menschen haben sich in dem Viertel radikalisiert; knapp die Hälfte der "Lohberger Brigade" kämpft oder hat für den IS in Syrien und im Irak gekämpft. Abdelhamid Abaouud, der noch immer flüchtige Attentäter der Paris-Anschläge, hatte ebenfalls exzellente Kontakte in Lohberg. Wie passen Niederrhein-Jugend und Gräueltaten zusammen?

Ein Mittel zum Zweck

Lösen lässt sich diese Lohberger Frage am ehesten, wenn man die Phänomene Terrorismus oder Extremismus kurz ausblendet. Lamya Kaddor, die seit dem Verschwinden ihrer Schüler viele Puzzleteile zusammengesetzt hat, sieht im IS vielmehr die dynamischste Jugendbewegung der Gegenwart. Er zieht Tausende junge Erwachsene aus westlichen Demokratien an, die sich durch die großzügige Aufmerksamkeit von IS-Rekrutierern - in Lohberg war der Menschenfänger ein Wanderprediger - erstmals wertgeschätzt fühlen. "Die Perspektivlosigkeit und die emotionale Leere treibt sie", meint Kaddor. "Der IS ist für sie nur Mittel zum Zweck. Diese Jugendlichen könnten alles Mögliche werden, selbst Mitglied bei Scientology, sofern sie nur irgendjemand endlich und vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben in den Mittelpunkt stellt."

Die Verantwortung für die Orientierungslosigkeit beginnt für Kaddor bei den Eltern: Vier ihrer fünf Schüler - inzwischen zurück in der Heimat - stammen, wie sie sagt, aus traditionellen Elternhäusern, in denen die Väter emotional nicht verfügbar seien. Dieses Defizit gelte im Übrigen auch für viele Deutsche, die zum Islam konvertierten und sich dann radikalisierten.

Ein anderes Lebensgefühl

"IS-Biografien sind Geschichten gescheiterter Identitätsbildung", sagt sie. Junge Muslime mit deutschem Pass können sich nur noch schwer mit der älteren Einwanderergeneration identifizieren. Ihr Lebensgefühl ist ein ganz anderes. Dass ihre Großeltern einfache Hilfsarbeiten erledigt haben, für die Deutsche sich zu schade waren, sorge bei ihnen eher für Scham als gesundes Selbstbewusstsein. Der Schulterschluss mit dem IS ist ihre Jugend-Rebellion gegen die Alten.

Angebote für eine andere Identität fehlen. "Diese orientierungslosen Jugendlichen stoßen tagtäglich auf eine Gesellschaft, der sie es nie recht machen können, für die sie trotz deutschem Pass immer Ausländer bleiben", sagt Kaddor. Ihre kurzen Biografien sind häufig eine einzige Chronologie der Kränkungen. "Wundern wir uns wirklich, wenn dann ein toller Typ kommt, ihnen erzählt, wie stolz sie darauf sein können, Muslime zu sein, dass sie dann zuhören und sich begeistern lassen, alles für ihn zu tun", fragt sie.

Integration im Blitztempo

Kaddors Analyse ist auch eine Abrechnung mit der Mehrheitsgesellschaft, die es jungen Muslimen so schwer macht. Die Integration im Blitztempo fordere, aber in Lohberg etwa das Stadtteilbüro schließe. Die mit Debatten über "Leitkultur" das Andere als das Nichtzugehörige, Fremde ausgrenze. "Wir müssen uns endlich als Einwanderungsgesellschaft begreifen", fordert sie, "damit das Fremde Normalstatus bekommt und damit aufhört, fremd zu sein." Damit junge Muslime sich als "Neue Deutsche" fühlten, nicht als ewig minderwertige Ausländer. Lohberg ist überall.

Lamya Kaddors komplexe Analyse legt vor allem die eine Schlussfolgerung nahe: Der Islamische Staat bleibt weiter chic und cool, solange er jungen, unsicheren Europäern die einmalige Chance auf Heldenstatus, Anerkennung und Akzeptanz vorgaukelt. Internationale Militärschläge gegen die Milizen im Irak und in Syrien bremsen diese psychologische und soziale Dynamik nicht, im Gegenteil.