Kommentar zum CSU-Parteitag

Vielleicht nur ein Scheinfrieden

Nürnberg. Zumindest diesen Teil der Übergabe haben Horst Seehofer und Markus Söder unfallfrei hinter sich gebracht: Auf der Bühne des CSU-Parteitages haben sie ein Stück über Geschlossenheit, Waffenstillstand und Verantwortung für das große Ganze aufgeführt.

Seehofer zähneknirschend und mit mindestens einer Faust in der Tasche, Söder innerlich jubelnd und triumphierend, jedoch bemüht, dieses Gefühl nach außen zu zügeln. Die CSU mag ihre Parteichefs und Ministerpräsidenten, in einigen Fällen kann daraus auch große Verehrung werden. Seehofer ist davon nach einer Zeit des Machtkampfes und des Rücktritts vom eigenen Rücktritt, nach dramatischen Verlusten bei der Bundestagswahl und nach gescheiterten Jamaika-Sondierungen, ein gutes Stück entfernt.

Aber mit 83,7 Prozent Zustimmung bei seiner Wiederwahl zum CSU-Chef kann sich Seehofer doch sicher sein, dass die CSU ihn noch will. Für die nächsten zwei Jahre. Danach kommt eine nächste Generation an die Parteispitze. Eventuell Söder, aber das ist noch längst nicht ausgemacht, denn Manfred Weber, Chef der Konservativen im Europaparlament, Alexander Dobrindt, Landesgruppenchef in Berlin, oder Ilse Aigner, Vorsitzende des einflussreichen CSU-Bezirks Oberbayern, haben gleichfalls gute Chancen.

Seehofer geht – und bleibt zugleich. Gemeinsam mit Söder hat er einen Auftrag: Beide sollen die absolute Mehrheit der CSU verteidigen. Bayern zuerst. Das war schon immer die Leitlinie jener Partei, die im Freistaat seit 60 Jahren den Ministerpräsident stellt. Es wird spannend sein, zu beobachten, ob die verordnete Ämter- und Machtteilung dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere auf dem Weg zur Landtagswahl im kommenden September gelingt. Die CSU in gefühlter, wenigstens in gut gespielter Harmonie – das Bedürfnis der Partei nach Geschlossenheit ist vorerst erfüllt.

Söder wird, sobald Seehofer im Frühjahr seinen Stuhl in der Staatskanzlei frei gemacht hat, sehr schnell spüren, dass auf ihm größere Verantwortung lastet. Er wird als Spitzenkandidat für die kommende Landtagswahl maßgeblich für das Ergebnis der CSU stehen. Und: Anders als bei den Jamaika-Sondierungsgesprächen im Bund hat Parteichef Seehofer für die kommenden Gespräche mit der SPD Söder jetzt für das CSU-Sondierungsteam nominiert.

Der designierte bayerische Ministerpräsident wird sich hier keinen schlanken Fuß mehr machen können, wenn die Verhandlungen schwierig werden, eventuell sogar erneut scheitern. Söder regiert, führt, amtiert. Und es gilt das alte Sprichwort auch für ihn: Wer dran ist, ist dran. Die CSU hat es fürs Erste geschafft, wieder zu einem Gefühl des inneren Friedens zurückzufinden. Vielleicht entpuppt es sich noch als Scheinfrieden. Doch Politik ist eben auch die Kunst der Autosuggestion. Man muss nur daran glauben.