GA-Proträt

Türöffner in den vatikanischen Kosmos

Eugen Kleindienst

Rom. Der Vatikan ist ein scheinbar undurchdringliches Dickicht. Wer sich mit diesem ominösen Kosmos und seinen ganz eigenen Regeln beschäftigen muss, der ist erst einmal auf einen Türöffner angewiesen, sonst wird es ganz schwierig.

Die Bundesrepublik Deutschland war in den vergangenen zwölf Jahren in dieser Hinsicht bestens bedient. So lange öffnete der aus der Diözese Augsburg stammende Prälat Eugen Kleindienst an der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom Türen und Perspektiven in den Vatikan. Zum Jahresende geht der 63-Jährige in den Ruhestand.

Kleindiensts offizieller Titel war Geistlicher Botschaftsrat. Gemeint ist damit ein zwischen Religion und Diplomatie schwebendes Zwitterwesen, das manche Fäden in der Hand hat, den Protagonismus des eigenen Vorgesetzten aber in aller Stille dulden muss. Kleindienst verkörperte diese nicht ganz einfache Aufgabe auf besonders professionelle Weise. Stets präsent und doch unsichtbar erwies sich der Monsignore als essentieller Brückenbauer zwischen zwei Welten. Eine Art Mini-Pontifex in Diensten der Bundesrepublik.

Kleindienst diente seit 2003 an der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl unter fünf Botschaftern und erlebte drei Päpste aus nächster Nähe. Mit besonderem Interesse werden seine Berichte im Frühjahr 2013 im Auswärtigen Amt gelesen worden sein. Damals begleitete der Monsignore den historischen Rücktritt Benedikts XVI. und anschließend die Wahl des zunächst wenig bekannten Argentiniers Jorge Mario Bergoglio, der als Franziskus die katholische Welt bis heute in Atem hält.

Kleindiensts vornehmliche Aufgaben waren die Beratung des Botschafters, Kontakterleichterung und Berichterstattung in die Heimat. In ebenso liebenswürdiger wie informeller Weise ebnete er auch mehreren Generationen von Rom-Neulingen, die erst einmal keinen Zugang zu der sperrigen Materie fanden, den Weg in den katholischen Kosmos. Kleindienst sah Botschafter kommen und gehen, zuletzt hatte er es mit der ehemaligen Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, zu tun, die seit Juli 2014 Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland am Heiligen Stuhl ist. Auch sie spricht in höchsten Tönen von ihrem Mitarbeiter.

Bevor er an die deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom ging, war Kleindienst Generalvikar in der Diözese Augsburg sowie Finanzdirektor und Domdekan. Ausgewählte Rombesucher, darunter Bundespräsidenten, Kanzler und Minister, schwärmen von seinen Vatikan-Touren, die nicht nur zu den entscheidenden Personen im kleinsten Staat der Welt führten, sondern auch zu selten besuchten Kunstschätzen.

Dabei hat sich Kleindienst auch im Vatikan einen Namen gemacht. Wie es heißt, wird man ihn jederzeit und gern auch nach seiner Rückkehr in die Augsburger Heimat an den Schaltstellen des Katholizismus begrüßen. Bei einem Abschiedsbesuch beim emeritierten Papst Benedikt vor einigen Tagen tauschten die beiden Herren gemeinsame Erinnerungen aus. Während Benedikt im Vatikan bleibt, kehrt Kleindienst dieser Tage zu Freunden und Familie nach Augsburg zurück.

Seine Nachfolge tritt der Stuttgarter Pfarrer und stellvertretende Stadtdekan Oliver Lahl an. Der 47-Jährige ist Priester des Bistums Rottenburg-Stuttgart und kennt Rom aus seiner Tätigkeit als Privatsekretär von Kardinal Walter Kasper.