Wahl in Rheinland-Pfalz

Stilvoll in den Landtag

04.03.2016 Mainz. Plakate sind auch im Internetzeitalter nicht aus dem Wahlkampf wegzudenken. Eine Designerin hat für den GA kurz vor den Landtagswahlen den Auftritt der Parteien am Mainzer Rheinufer analysiert.

Wo bloß hinschauen? Links das Schloss, rechts der Rhein und dazwischen Politiker und Parolen, die von bunten Plakaten Spaziergänger und Autofahrer anlächeln und die rosige Zukunft versprechen. Es ist der Höhepunkt des Wahlkampfs und die Werbeagenturen haben dafür im Auftrag der Parteien Kampagnen entwickelt, die deren Botschaften vermitteln sollen. Doch mit welchen Tricks wecken die Plakate entlang der Straße bei den Menschen das Interesse für die Wahl und ihre Programme?

„Ein starkes Wort-Bild-Konzept, eine stilistische Umsetzung, die in die Zukunft blickt und handwerkliche Perfektion“. Das findet Lena Weissweiler, die seit neun Jahren zusammen mit Simon Wehr in der Landeshauptstadt ein Designbüro leitet. Nun steht sie eine gute Woche vor der Wahl mit scharfem Blick vor den Großplakaten am Mainzer Rheinufer und analysiert das Zusammenspiel von Optik, Schrift und Aussagen. Mal geht sie ganz nah ran, mal hält sie fünf bis zehn Meter Abstand. So viel Zeit hat der potenzielle Wähler natürlich nicht. „Die Wirkungszeit, ob ich überhaupt auf ein Plakat schaue, ist kaum messbar“, sagt die 39-Jährige. „Es ist ein Blick der vorbeihuscht, dann fälle ich die Entscheidung.“ In maximal einer Sekunde passiere das. Wer sich dem Plakat schließlich widme, für den müsse in zwei Sekunden die Botschaft erfassbar sein.

Die Grünen überzeugen mit Knappheit und Erkennungswert

Bei den Grünen funktioniert das gut, findet die Designerin. Und das obwohl die Partei auf ihrem Plakat auf das Logo verzichtet. Die Sonnenblume als Symbol scheint wohl bekannt genug, dazu eine lebhafte Fläche auf grünem Hintergrund und eine serifenbetonte Schrift. Für Weissweiler steht fest: die Kampagne der Agentur „Mainzer Ring“ ist fokussiert, direkt und unverwechselbar.

Die Sozialdemokraten hingegen irritieren auf den ersten Blick. Wo ist denn das markante Rot geblieben? fragt man sich. „Gestalterisch geht die SPD weg von ihrem jahrelangen Design, da neben der Farbe auch die Schrift völlig anders ist“, stellt die Expertin fest. Dennoch findet sie die Plakate, gestaltet von der Agentur „Butter“ zeitgeistig und ansprechend. Auf den Porträt-Fotos der Ministerpräsidentin und anderer SPD-Politiker stecke viel Natürlichkeit. „Kein krasses Make-Up, keine auffällige Garderobe. Das schafft Nähe.“ Hinzu kommen eine moderne Typografie und die räumliche Tiefe.

CDU präsentiert sich klassisch und professionell

Bei der CDU könne man nicht viel kritisieren. Die Gestaltung der Agentur „Gorilla XL“ sei sehr klassisch gehalten, das Zusammenspiel von Fotos und Schrift gelungen. „Die Fotos von Julia Klöckner und ihrem Team wirken professionell, aber dadurch auch gestellter als bei der SPD“. Positiv und authentisch wirkten hingegen die handschriftlichen Vornamen der Kandidaten. „Das hätten sie ruhig mal mit dem ganzen Namen ausprobieren können“, sagt Weissweiler. Wozu dieser Smiley, der oben angeschnitten wird? Weissweiler schüttelt den Kopf als sie vor dem Plakat der Linkspartei steht. „Das bringt kaum Emotionen rüber und ist nicht wirklich digital hip“, sagt sie. Auch die Botschaft lasse zu wünschen übrig. „Jetzt! Die Linke“ sei total austauschbar. „Das könnte von jeder anderen Partei sein.“

„Wer weiß wirklich wie Volker Wissing aussieht? Diese Frage stellt sich Weissweiler als sie vor dem auffallendsten Großplakat an der Rheinpromenade steht. Die FDP zeigt ihren Spitzenkandidaten als gestaltetes Porträt. „Das funktioniert bei einem Superstar, den alle kennen. Aber doch nicht in diesem Fall“, sagt die Designerin. Das neue Design der Liberalen mit den vielen Farben und Illustrationen sei sehr gewagt und anspruchsvoll. „Aber es ist viel zu zerfleddert und überfordert den Betrachter.“

Bei der AfD fehlt es an einem eigenständigen Design

Die AfD ist in Mainz zwar kaum vertreten. Aber das ein oder andere heruntergerissene Plakat lässt sich doch finden. Ob oben auf oder am Boden liegend, Weissweiler ist jedoch gar nicht angetan. Das Motiv - Deutschland-Fahne und Weinreben - kommuniziere nicht wirklich eine Alternative. Zudem sehe es aus wie mit Word gemacht und habe kein eigenständiges, identitätsstiftendes Design.

Und wie kommen die kleinen Parteien weg? Die Piraten hätten zwar klare Botschaften, aber unterbelichtete Fotos und eine kaum lesbare Schrift. Die Freien Wähler präsentierten sich laut Weissweiler ziemlich designfrei und mit retuschierten Bildern. Die Alfa-Plakate sehen aus wie „die Einladung zu einem Informationsabend einer IT-Firma“. Außerdem setze man sich nicht deutlich genug von der AfD ab. Bei der ÖDP habe sie gedacht: „Die sind ja auch dabei.“ Zudem kommen ihr die Plakate vor wie bei jeder Wahl.

Bleibt die Frage, warum die Plakate im digitalen Zeitalter immer noch Bestand haben, sogar noch mehr werden? „Das Internet kann ich ausschalten, die Plakate begleiten mich aber weiterhin und haben nach wie vor eine große Wirkung. Sie erinnern an die Vielfalt der Parteien.“ Dass dazu auch die rechtsextremen Parteien gehören, ist in Mainz kaum zu sehen.

Alle Parteien beklagen die zunehmende Zerstörung von Plakaten

Wer aber etwa nach Remagen reinfährt, der staunt nicht schlecht. Die ersten fünf prominent platzierten Plakate direkt hinter dem Ortsschild sind von der NPD. Auch andernorts ist die Partei präsent. Auf der anderen Rheinseite, in Unkel etwa, hat Der Dritte Weg, von Experten schon als Nachfolgepartei der NPD gesehen, sollte diese verboten werden, Dutzende von Plakate aufgehängt. Hier wehren sich jedoch einige Bürger. Bereits mehrfach griffen sie zu den Laternenmasten und Bäumen um Plakate der Partei herunterzureißen.

Wahlkampf-Vandalismus ist in diesem Jahr generell ein großes Problem. Alle Parteien beklagen die Zerstörung und Entfernung Tausender Wahlplakate. Allein die AfD zählte bereits im Februar landesweit einen Schaden von bis zu 25.000 Euro. (Fabian Vögtle)