Bertelsmann-Studie

Sollen 24 Kliniken in der Region Köln/Bonn schließen?

„Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag.“Eugen Brysch, Deutsche Stiftung für Patientenschutz.

„Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag.“Eugen Brysch, Deutsche Stiftung für Patientenschutz.

Bonn. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung über die künftige Vorsorgungslandschaft birgt Zündstoff: Sie empfiehlt die Schließung von Kliniken. Ein Blick nach Bonn, in den Rhein-Sieg-Kreis und den Kreis Ahrweiler.

Fast 60 Prozent der Krankenhäuser sollten dichtgemacht werden, rät eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Falsches Rezept, hallt es von der Krankenhausgesellschaft zurück. Die Wege zur Klinik auf dem Land könnten noch länger werden, ist die Befürchtung. Irrtum, sagt wiederum die Studie und führt ein konkretes Beispiel für die konsequente Anwendung der Zielvorgaben an: den Großraum Köln/Leverkusen inklusive der angrenzenden Kreise Rhein-Erft-, Rhein-Berg und Oberberg. „Wie die Simulation zeigt, könnte die Region mit 14 statt den aktuell 38 Akutkrankenhäusern eine bessere Versorgung bieten, ohne dass die Patienten im Durchschnitt viel längere Fahrzeiten in Kauf nehmen müssten“, fasst die Stiftung das Ergebnis zusammen. Fragen und Antworten für Bonn und die Region.

Wie bewerten Patientenvertreter die Resultate der Studie?

„Über die Hälfte der Krankenhäuser zu schließen, ist kein Konzept, sondern Kahlschlag. Das mag wissenschaftlich begründet sein, wäre für die Menschen aber verheerend“, kritisiert Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung für Patientenschutz. „Es braucht eine gut erreichbare Grundversorgung vor Ort ebenso wie eine Hochleistungsmedizin in der Region“, fordert er. Die Versorgung müsse sichergestellt werden.

Was sagen Klinikkonzerne?

Das Unternehmen Asklepios signalisiert Zustimmung: „Wir sprechen uns schon lange für eine drastische Senkung der Zahl der Krankenhäuser aus“, sagt Unternehmenschef Kai Hankeln. Durch die viel zu hohe Zahl an Kliniken komme es zu „erheblicher Ineffizienz in der Versorgung“. Es fehle aber der politische Wille, Krankenhäuser zu fusionieren und Fachabteilungen oder Standorte zu schließen, so Hankeln weiter.

Wie reagiert die Politik?

Zurückhaltend. „Wir brauchen einen guten Mix aus wohnortnaher Versorgung und Spezialisierung“, sagt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Sein NRW-Kollege Karl-Josef Laumann (CDU) meint, angesichts begrenzter Finanzen und des Fachkräftemangels werde es ohne „Zentralisierungen und Spezialisierungen“ nicht gehen. Man wolle aber Strukturen im ländlichen Raum stärken.

Wie sieht es in Bonn aus?

Viele Konfessionskrankenhäuser bestimmen das Bild. Das Gemeinschaftskrankenhaus aus Petrus-, Elisabeth- und Johanneshospital gehört unter anderen zu den Barmherzigen Brüdern aus Trier. Das Marienhospital und das Beueler Krankenhaus sind Teil der Gesellschaft der Franziskanerinnen zu Olpe (GFO). Das Godesberger Waldkrankenhaus und das Johanniter-Krankenhaus gehören zum Johanniter- und das Malteser-Krankenhaus zum Malteserorden. Dazu kommen die Unikliniken.

Wie bewertet man in Bonn die Bertelsmann-Aussagen?

Statt Kliniken zu schließen, legt man in Bonn viel Wert auf Zusammenarbeit. „Wir denken in Versorgungsketten“, sagt der Kaufmännische Direktor des Johanniter-Krankenhauses, Daniel Siepmann, und nennt ein Beispiel: Die Abteilung Internistische Onkologie im Johanniter arbeite intensiv zusammen mit der Thoraxchirurgie im Malteser-Krankenhaus und auch mit niedergelassenen Ärzten. „Wir müssen uns gut und schlau vernetzen“, sagt Siepmann.

Ist die Region Bonn/Rhein-Sieg vergleichbar mit Köln?

Nein, sagt Siepmann. In Köln finde man zum Beispiel in unmittelbarer Nähe vier Kardiologien oder Gastroenterologien. „Dort gibt es eine völlig andere Wettbewerbssituation.“ Die Bonner Kliniken hingegen hätten einen großen Versorgungsauftrag für die Bundesstadt, den Rhein-Sieg-Kreis und das nördliche Rheinland-Pfalz.

Wie ist die Versorgung im Rhein-Sieg-Kreis?

Das Krankenhaus Eitorf war zuletzt von Schließung bedroht, konnte aber zunächst gerettet werden. Die Einrichtung verfügt über 100 Betten. 150 Mitarbeiter, darunter ein eigener Koch, und 25 Ärzte arbeiten in dem Krankenhaus. 2007 hat die Tagesklinik des LVR-Behandlungszentrums Psychiatrie einen eigenen Trakt bezogen. Die Kinderklinik Sankt Augustin, getragen vom Asklepios-Konzern, steht aktuell im Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem sie viele Jahre vor allem für die Kinderherzchirurgie ein überregionaler Anlaufpunkt war, sind einige Fachärzte nach Bonn abgewandert. Deshalb steht der Bestand des Krankenhauses zur Disposition. Das Siegburger Helios-Klinikum ist ein Akutkrankenhaus mit besonderem Schwerpunkt Herzchirurgie. In Troisdorf gibt es das Sankt-Josef-Hospital und das Sankt-Johannes-Krankenhaus im Stadtteil Sieglar, die zu den GFO-Kliniken gehören. In Bad Honnef gibt es ein Allgemeinkrankenhaus.

Wie sieht es im Kreis Ahrweiler aus?

Es gibt die Krankenhäuser Maria Stern in Remagen sowie Maria Hilf in Bad Neuenahr und Sankt Josef in Adenau. Remagen hat seinen Bestand als Verbundkrankenhaus mit Linz gesichert. Bad Neuenahr und Adenau gehören zur Marienhaus GmbH. Wobei Adenau erst seit wenigen Tagen zu den bundesweit 120 Häusern gehört, die wegen ihrer Bedeutung für den ländlichen Raum künftig pro Jahr pauschal 400.000 Euro vom Bundesgesundheitsministerium bekommen.

(Mit Material von dpa)