Kommentar zu "Fridays for Future"

Schule fürs Leben

Bonn. Tausende junge Menschen haben am Freitag weltweit für das Klima demonstriert. Besser hat politische Bildung schon lange nicht mehr funktioniert, kommentiert GA-Chefredakteur Helge Matthiesen.

In Bonn und in vielen anderen Städten gehen Tausende Jugendliche für ihre Interessen auf die Straße. Wann hat es das zuletzt gegeben? Vielleicht Anfang der 1990er Jahre, als die letzten Ausläufer der Friedensbewegung gegen den Irak-Krieg demons-trierten. Es wird immer gerne über die passive und politisch desinteressierte Jugend räsoniert. Damit ist seit diesen Freitag Schluss.

Es sind die Alten, die die Welt nicht mehr verstehen und staunend sehen, was junge Menschen auf die Beine bekommen, wenn sie ein Thema betrifft. Wenn die Bewegung Dauer und Bestand gewinnt, hat sie die Chance, eine ganze Generation zu politisieren, so wie einst die Friedensbewegung oder 1968. Es muss niemandem mehr um die Zukunft der Demokratie bange sein, wenn Schüler zu Tausenden friedlich demonstrieren.

Die Alten debattieren derweil über das Thema Schulpflicht. Sie haben natürlich recht, wenn sie sagen, dass die nicht aufgehoben ist. Die Schüler werden die Erfahrung machen, dass politisches Engagement irgendwann eine Entscheidung fordert zwischen Regeltreue und Radikalität. Das wissen ihre Eltern, das wissen die Lehrer auch. Es ist also Zeit, sich ein wenig abzuregen. Es ist eine wichtige Aufgabe, die Jugendlichen beim Sammeln von Lebenserfahrung zu unterstützen. Besser hat politische Bildung schon lange nicht mehr funktioniert.

Der Zeitgeist wandelt sich

Christian Lindner von der FDP hat das alles allerdings nicht verstanden. Er gehört einer Generation an, deren Aufbegehren im Gründen von Start-ups und der Polemik gegen ökonomische und gesellschaftliche Verkrustungen bestand. Zu einer Massendemo hat es bei den heute um die Vierzigjährigen nicht gereicht. Lindners Konterfei war das einzige eines Politikers, das in Bonn herumgetragen wurde. Es war mit nicht eben schmeichelhaften Worten umschrieben. Effektiver hat sich selten ein Politiker von der kommenden Entwicklung abgekoppelt, auch wenn er sich missverstanden fühlte.

Wenn die Freitagsdemo die Jugendlichen auf Dauer politisiert, wird die FDP kaum etwas davon haben. Der Zeitgeist wandelt sich und Christian Lindner muss erkennen, dass er jetzt zu den Eta-blierten gehört, die weder Zeitgeist, noch die Jugend auf ihrer Seite haben. Das ist vermutlich ziemlich bitter für ihn, ist er den Demonstranten doch altersmäßig näher als zum Beispiel Angela Merkel, die da weit geschmeidiger unterwegs ist.

Inhaltlich – das ist vermutlich den meisten klar – haben die Jugendlichen leider recht mit ihrem Protest. Man muss sie sehr ernst nehmen.