Kommentar zu Antibiotika-Resistenzen

Sündenfall im Stall

Massentierhaltung fördert Antibiotika-Resistenzen.

Massentierhaltung fördert Antibiotika-Resistenzen.

De Massentierhaltung führt dazu, dass sich Bakterien immer ungehinderter ausbreiten. Das ist nicht alles: Der Massenstall entpuppt sich zunehmend als Ort der Risiko-Anhäufung, meint GA-Redakteur Wolfgang Wiedlich.

Antibiotika zerstören in der deutschen Humanmedizin weiterhin unerwünschte Bakterien, die zum Beispiel sonst aus einer Lungenentzündung etwas Lebensbedrohliches machen würden. Doch der Trend ist eindeutig: Die Arzneien verlieren allmählich ihre Wirksamkeit.

Zum Prinzip: Das Pharma-Schwert unterbricht im Regelfall das Fortpflanzungs-Stakkato der Mikroben, die ihrerseits auf Fehler im Angriffssystem und auf Mutationen im eigenen Genzirkus hoffen, um zur Gegenevolution zu blasen. Dass Resistenz eines Tages eintritt, ist quasi naturgesetzlich. Je mehr Antibiotika der Mensch einsetzt, desto mehr erhöht er den Selektionsdruck auf die Bakterien.

Ein bisschen mehr Respekt vor diesen Kleinstlebewesen wäre im eigenen Interesse hilfreich, denn sie gelten nicht ohne Grund als „heimliche Herrscher“. Seit Jahrmilliarden überleben sie, und keine noch so wilde Achterbahnfahrt des Planeten hat sie ausgerottet.

Die Gegenevolution hat, wie mancher multiresistente Notstand in Krankenhäusern verrät, längst begonnen. Die Resistenzwelle rollt – bis hoch zum G20-Gipfel, der bald in Hamburg steigt. Dort gehört das Thema auch hin.

Denn Bakterien kennen keine Grenzen, und die immer dichteren Handels- und Reiserouten legen nahe, dass Deutschland Indien, aktuell die Resistenz-Hexenküche der Welt, in dieser Frage als Nachbarland betrachten sollte.

Ein Missstand spielt fernab der ideologisch gefärbten Fleischdebatte trotzdem in der Massentierhaltung. Das medikamentöse Treiben, das wir „Fleischproduktion“ nennen, ist längst ein Sündenfall der menschlichen Gesundheitsfürsorge.

Dass im Stall inzwischen sogar Reserve-Antibiotika, eigentlich für den Resistenz-Notfall beim Menschen gedacht, „verfüttert“ werden, ist mindestens ein Skandal.

Der Massenstall entpuppt sich zunehmend als Ort der Risiko-Anhäufung. Sei es beim Treibhausgas-, Gülle- oder Resistenzausstoß: Stets zahlt die Gesellschaft für den privaten Profit. Es ist nicht viel anders als beim Atommüll. Stets werden die Folgekosten, wie der Ökonom sagt, „externalisiert“.

Die Politik duldet das Ganze, indem sie sich durchzugreifen scheut. Sie agiert kurzatmig, argumentiert häufig mit Arbeitsplätzen, streitet den Einfluss von Lobbyisten ab und hinkt, wie so oft, der Entwicklung hinterher. Der wissenschaftliche Beweis ist zwar noch nicht geführt, aber es gibt starke Indizien, dass der Resistenztransfer via Gülle bis zum Gemüse reicht. Und dann?

Das Dilemma ist offenkundig: Neue Wirkstoffe werden kaum noch entwickelt, die alten verlieren ihre Wirkung. Ob Klimaforscher, Grundwasserexperte oder Krankenhaus-Hygieniker: Alle empfehlen die Rückkehr zum Sonntagsbraten.

Das Schnitzel zum Discountpreis war und ist ohnehin eine Marktillusion, denn Gülleseen und Resistenzgene bleiben. Mit riskanten Neben- und Wechselwirkungen.