Unter dem Deckmantel der Fürsorge

Rassismus zieht an deutschen Grundschulen ein

Wenn Rechtsextremismus niedlich daherkommt, gehen Kinder ihm leicht auf den Leim. Im Schulkontext müssen Erzieher daher noch genauer hinschauen.

Wenn Rechtsextremismus niedlich daherkommt, gehen Kinder ihm leicht auf den Leim. Im Schulkontext müssen Erzieher daher noch genauer hinschauen.

Bonn. Immer häufiger sagen Grundschulkinder, sie wollen nicht mehr mit Klassenkameraden spielen, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Oft wiederholen sie, was sie von ihren Eltern aufgeschnappt haben. Lehrer und Träger sind besorgt.

Im Sportunterricht an der Grundschule sollen zwei Mädchen sich einen Medizinball zupassen. Eine einfache Übung, die Nina und Galai Dutzende Male gemacht haben. Doch etwas ist heute anders. „Du stinkst voll“, sagt Nina zu ihrer Mitschülerin, während sie ihr den Ball zuspielt. Galai, sichtlich verunsichert, wirft den Ball zurück. „Und du siehst aus wie Kacke“, ergänzt das deutsche Mädchen lachend. Die verbale Entgleisung wird schnell zum handfesten Konflikt: Nina schleudert dem Flüchtlingsmädchen den Ball ins Gesicht.

Endlich wird die Lehrerin aufmerksam und stellt Nina zur Rede. Diese reagiert genervt. „Warum muss ich immer mit Galai spielen?“, fragt sie. „Meine Mama hat gesagt, ich muss das nicht. Sie hat gesagt, Flüchtlinge kriegen eh immer alles. Und Galai kann kein Deutsch, die versteht mich sowieso nicht.“

Diese Szene hat sich in Realität nie abgespielt. Aber frei erfunden ist sie nicht. Drei Schauspielerinnen des Forumtheaters inszene haben sie auf einer Fachtagung der Arbeiterwohlfahrt (Awo) Mittelrhein zum Thema Rechtsextremismus an Offenen Ganztagsschulen aufgeführt. Denn sie steht stellvertretend für viele solcher Konflikte, die in Grundschulen immer häufiger auftreten.

Kinder schnappen Parolen der Eltern auf

„Wir haben viele Rückmeldungen bekommen, dass Rechtsradikalismus in den Reaktionen der Kinder angekommen ist“, sagt Ulla Sevenich-Mattar, Fachbereichsleiterin Kinder- und Jugendhilfe der Awo im Kreis Heinsberg. „Manche sagen dann, sie wollen nicht mehr mit bestimmten Kindern spielen, weil sie eine andere Hautfarbe haben, oder sie sagen: Ausländer können sich nicht benehmen.“ Die Parolen würden sie vermutlich bei den Eltern aufschnappen und unreflektiert wiederholen. Es sei Aufgabe der Pädagogen, Kindern bei der Beurteilung solcher Aussagen zu helfen – heute mehr denn je, weil der Diskurs mittlerweile von „Schärfe“ geprägt sei, betont Sevenich-Mattar.

Diese Entwicklung bezeugt auch die Leiterin einer Offenen Ganztagsschule (OGS) in Köln – im Umgang mit den Eltern. „Wir müssen feststellen, dass salonfähiger Rassismus – "versteckt" kann man das schon nicht mehr nennen – zunimmt“, sagt die Frau, die anonym bleiben möchte. „Da heißt es, mein Kind soll nicht neben dem ausländischen Kind sitzen, weil es angeblich Läuse übertragen hat.“ Oder: Die Rechtschreibung leide, weil das eigene Kind einem afghanischen Kind beim Lernen hilft. „Früher hätte man sich damit nicht an die Lehrer heran getraut“, versichert die OGS-Leiterin.

Solche Forderungen stellten zu ihrer Überraschung oft ein bestimmter Elterntyp. Statt der eher ungebildeten oder beim Jugendamt bekannten Eltern suchten häufig Akademiker das Gespräch – „unter dem Deckmäntelchen der Sorge ums eigene Kind“. Besonders schwierig sei, dass Rassismus so „immer weniger greifbar“ werde. Und solche Leute seien Meinungsmacher: „Die Frau Doktor wird ernster genommen als Frauen aus bildungsfernen Schichten.“

Um ihnen entgegenzuwirken, lasse sich das Personal gar nicht erst auf Diskussionen ein. „Wir setzen die Standards und bestimmen, wer neben wem sitzt“, erklärten die Lehrer dann. Ein Lichtblick: „Die Mehrzahl der Eltern“ würde Neuankömmlinge unterstützen.

Rechte werben mit unverdächtigen Themen

Nicht nur Eltern beeinflussen Kinder. Fremdenfeindlichkeit komme heutzutage oft hübsch verpackt daher, weiß Patrick Fels von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus in Köln. Die aktuelle Strategie rechter Gruppen: „Junge Leute mit unverdächtigen Dingen ans Thema heranführen“. Beispiel: Der „Freundeskreis Rhein-Sieg“ wirbt auf Facebook einladend mit „echter Gemeinschaft“, veranstaltet Wanderungen und Bootstouren. Als Betreiber der Seite entpuppt sich jedoch Frank Krämer, Gitarrist der Rechtsrockband „Stahlgewitter“, schreibt die Mobile Beratung auf ihrer Website.

Es sei nie einfacher gewesen, Propaganda an den Mann zu bringen, sagt Fels. „Medien wie Facebook haben sich zu einem unglaublichen Werkzeug dieser Gruppen entwickelt.“

Die sogenannte Identitäre Bewegung instrumentalisiere Frauenrechte. Fels: „Dabei geht es nicht um Sexismus, sondern darum, dass es angeblich nur eine Gruppe Männer gibt, die ihn verüben“ – nämlich Migranten. Das Hochglanzmagazin Arcadi werbe mit schönen Frauen auf der Titelseite, fokussiere sich auf Lifestyle und mische unauffällig Artikel über Politik ein. So werde die rechte Gesinnung erst „auf den zweiten, dritten Blick“ klar, warnt der Berater.

Rechtsextreme finden Weg in gesellschaftliche Mitte

Dass Rechtsextreme zunehmend Anschluss an die gesellschaftliche Mitte finden, davor warnt auch Lisa Hempel. Die Projektleiterin der bundesweiten Fachstelle Rechtsextremismus und Familie stellt in einem Workshop vor, wie Anhänger völkischer Gruppen ihre Kinder erziehen. Völkische Siedler bewohnten teilweise in dritter Generation Höfe in abgelegenen ländlichen Gebiete, auf denen sie ungestört ihrem demokratiefeindlichen, antisemitischen und extrem rechten Lebensstil nachgehen könnten, berichtet Hempel. Auf die Erziehung ihrer Kinder könne so kaum jemand von außen Einfluss nehmen.

In harmlos erscheinenden, naturnahen Feriencamps des rechtsextremen Verbands „Heimattreue Deutsche Jugend“ hätten Anhänger der völkischen Naziideologie Kinder an ihre Weltanschauung herangeführt. Sie hätten den Nachwuchs dort militärisch gedrillt, um eine neue deutsche Elite heranzuzüchten, sagt Hempel. Zwar verbot im Jahr 2009 der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble den Verein, ähnliche Organisationen wie der „Sturmvogel“ seien aber noch aktiv.

Auch andere Rechtsextreme versuchen, Mitglieder über Jugendarbeit zu werben. So hätten sie sich beliebte Symbole wie Thors Hammer angeeignet; sogar Nazi-Rap existiere. „Es gibt fast kein Feld mehr, das nicht besetzt ist“, sagt Hempel. Die Expertin empfiehlt Lehrern, genau hinzuschauen: Solche auf den ersten Blick unverdächtigen Phänomene könnten in der Summe auf Rechtsextremismus hindeuten. Grundsätzlich rät sie Schulen: „Situationen thematisieren, nicht tabuisieren.“ Die Schulleitung könne einen Wertereferenzrahmen abstecken und ihre Mitarbeiter im Umgang mit Rechtsextremismus schulen. „Nehmen Sie Rassismus lieber einmal zu viel ernst als einmal zu wenig“, betont Patrick Fels.